GULISTAN – Roman von Karosh Taha

Gulistan bedeutet in der persischen Sprache Blumenland oder Rosengarten. Das Land, in das uns der neue Roman „Gulistan“ der Schriftstellerin Karosh Taha führt, ist ein Land, das von Willkür, Gräueltaten, Folter und Krieg gezeichnet ist. Und ein Land, in dem Gulistan, eine kurdische Frau, deren Mann, ein Schneider, sein kleines, aber gut gehendes Geschäft nach ihr benannt hat. Doch die Willkür und Ungerechtigkeiten eines Regimes wie das des irakischen Diktators Saddam Hussein kennt nur eine Sprache, der alle sich fügen müssen: Gulistan ist ein unpassendes Wort und muss daher entfernt werden, so behaupten die Schergen, die durch die Straßen ziehen und Angst und Schrecken verbreiten.

Ihr Mann Çiya verschwindet, verzweifelt versucht Gulistan, ihn zu finden. Sie begibt sich zur Polizei, in das städtische Krankenhaus und durchstreift die Straßen, doch erfährt keinerlei Unterstützung. Sie wird sogar beschimpft, dass sie es wagt, die Arbeit der Polizei und der Angestellten des Krankenhauses zu behindern.

Das Ausmaß ihrer Ohnmacht lässt sie beinahe resignieren. Sie sieht die Münder, die „Verse sprechen, die schon lange verbrannt“ sind oder Phrasen rufen, die nichts bewirken. Und dann sieht sie Çiya in der grünen Uniform des Diktators, der nun einen Doppelgänger hat. Er wird gefoltert und alles hat sich gegen Gulistan gewendet. Sie versteht nicht mehr, was aus den Mündern der anderen kommt – wird eingesperrt und misshandelt. Als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt, weiß sie nicht, ob dies eine Realität oder eine Lüge ist. Doch als sie realisiert, dass sie tatsächlich schwanger ist, will sie unbedingt weiterleben…

Wie kann ein Roman, das Grauen der Schreckensherrschaft (1979-2003) des Diktators Saddam Hussein lesbar machen, der Hunderttausende hat ermorden lassen? Wie über das Lesen spürbar machen? Ohnmacht und Ängste beeinflussen den ganzen Menschen, auch seine Sprache. Gulistan, die kurdische Frau, ist ihrer Sprache oftmals nicht mächtig. Denn wer kommt schon gegen die Sprache der Gewalt an, die keine Wörter kennt, sondern nur Folter und Tod. Und wenn Regimetreue sich der Sprache bedienen, verdrehen und verleugnen sie diese.

Mit dem Doppelgängermotiv – im Text finden sich sporadische Beschreibungen des Diktators, die eine menschliche Deutung seiner Person darstellen – wird eine Abspaltung von der eigenen Identität erlaubt und Verwechslungen, die im Roman ‚Saddams Frau‘ zu schaffen machen.

Mit ihrer ganz einzigartigen, sehr poetischen Sprache gelingt es der Autorin Karosh Taha, die Zerrissenheit, Ohnmacht und Angst nicht nur stilistisch deutlich zu machen, sondern ebenfalls optisch. Der Text verläuft nicht immer linear, stellt Mittelpunkte und ein Oben und Unten dar und vermag auch dadurch akzentuiert zu verdeutlichen, wie wenig sicher und beherrschbar das Leben der Menschen während dieser Zeit war. Leider sind Krieg, Hass und Unfreiheit auch heute wesentliche Bestandteile des Lebens zahlreicher Menschen.

Gulistan ist ein literarisches Werk von erheblicher Bedeutung und emotionaler Tiefe, dessen Erscheinen unbedingt notwendig war. Der Roman steht auf der Longlist der 20 nominierten Romane für den Deutschen Buchpreis 2026.

GULISTAN von Karosh Taha

Erscheinungstag: 11.08.2026
ISBN: 978-3-7558-1215-9
Auch als EPUB

Verlag: Dumont

Karosh Taha wurde 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak geboren. Seit 1997 lebt sie im Ruhrgebiet und hat an der Universität Duisburg-Essen sowie in Kansas/USA Anglistik und Geschichte auf Lehramt studiert. Nach »Beschreibung einer Krabbenwanderung« und »Im Bauch der Königin« ist »Gulistan« ihr dritter Roman.
Karosh Taha wurde bereits mit folgenden Preisen ausgezeichnet: Nominierung für den Ulla-Hahn-Preis • Nominiert für den Kranichsteiner Literaturförderpreis • Stipendium des LCB • Heinrich-Heine-Stipendium • Werkstipendium der Kunststiftung NRW • Hohenemser Literaturpreis • Stipendium Deutscher Literaturfonds • Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium • Horst Bingel-Preis für Literatur • Alfred Döblin-Medaille • Förderpreis des Landes NRW

Ingrid
Ingrid

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