GIRLS DON´T CRY

Nancy, Sheelan, Selenna, Nina, Paige, Sinai – sechs weibliche Jugendliche in sechs Ländern – sind die Protagonistinnen des Dokumentarfilms „Girls Don’t Cry“. Sie führen ein offenes Gespräch mit den Filmemacherinnen Sigrid Klausmann (Regie) und Lina Lužytė (Co-Regisseurin), die sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten, ihre Sehnsüchte, tiefen Narben und das aufregende erste Verliebtsein sehen.

Wie etwa Nancy, die von zu Hause fortgelaufen ist, weil sie sich nicht dem scheußlichen Ritual der Beschneidung beugen wollte. Niemand weiß, auch ihre Mutter nicht, wo sich Nancy versteckt hält. Sie möchte lernen und einen eigenen Weg gehen und ist sich sicher, dass dieses blutige Ritual nicht nur eine gravierende Genitalverstümmelung bewirkt, sondern auch psychische Traumata verursachen und sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigen kann.

Nancy flüchtet mit ihrer Schwester (c) Schneegans Productions

Selenna aus Chile fühlte, seit sie ein kleines Kind war, dass sie kein Junge, sondern ein Mädchen ist. „Es ist ja nicht so, dass ich mir gewünscht habe, ein Mädchen zu sein. Ich war es immer schon.“ Sie folgt nicht blindlings einem Trend, sondern hat einen Weg gewählt, der tief in ihrem Inneren verankert war. Insbesondere ihre Oma hat sie jederzeit darin bestärkt, ihn zu gehen, trotz Widerstände.

Selenna aus Chile (c) Schneegans Productions

In Novo Sad in Serbien ist das Leben der 14-jährigen Nina von Armut und Diskriminierung geprägt. Sie ist eine Roma, die seit ihrer Abschiebung aus Deutschland in einer Roma-Siedlung lebt. Was eine Abschiebung für sie bedeutet, lässt sich leicht ablesen: wenig Chancen auf ein selbstbestimmtes Dasein, das bisher ohne ausreichende Bildung verlaufen ist. Dennoch hofft sie darauf, ein unabhängiges Leben zu führen.

Nina lebt in einer Roma-Siedlung (c) Schneegans Productions

Sheelan ist aus dem Nordirak mit ihrer Mutter nach Deutschland geflüchtet. Sie ist Jezidin und dem Völkermord durch den IS entkommen. Mit ihren neuen Freundinnen geht sie in Tübingen, wo nun ihr neues Zuhause ist, in die Schule. Während der Dreharbeiten kehrt die älteste Schwester nach 8-jähriger IS-Gefangenschaft zur Familie zurück. Doch nun werden sie von nur dem Wort „Remigration“ verunsichert. Können sie dauerhaft in Deutschland bleiben? Sheelans ersehnte Sicherheit bekommt einen Riss.

Sinai Foto (c) Schneegans Productions

In Südkorea lebt Sinai in sicheren familiären Verhältnissen, die von schulischem Ehrgeiz geprägt sind. Sie lernt bis in die Nacht zusätzlich, um an einer renommierten Oberschule angenommen zu werden und später an einer Universität studieren zu können. Sinai ist nicht wie viele andere Mädchen an ihrem Äußeren interessiert. Stattdessen steht sie jeden Tag in der Pipe, um sich auf die BMX-Weltmeisterschaften vorzubereiten. Gleichaltrigen Mädchen wird, auch von den eigenen Familien, vorgeschlagen, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, um beruflich und privat erfolgreich zu sein. Für Sinai (Südkorea) kommt dies jedoch nicht in Frage.

Paige und ihr kleiner Sohn (c) Schneegans Productions

Lange litt die zum Zeitpunkt des Films 16-jährige Paige aus England an Depressionen. Als sie schließlich medikamentöse Unterstützung erhält, ändert sich ihr Leben und sie verliebt sich. Paige wird schwanger in einem Alter, in dem auch ihre Mutter ihr erstes Kind bekam. In letzter Minute hat sie sich im Gegensatz zu ihrer besten Freundin gegen eine Abtreibung entschieden. Nun bestimmt ihr kleiner Sohn ihren Alltag. Zudem hält sie weiter an ihren Träumen fest, bald eine eigene Wohnung zu haben. Ihr Aussehen, schöne Nägel, Wimpern und Lippen sind ihr weiterhin wichtig.

Sechs junge Frauen und sechs unterschiedliche Lebenssituationen vereinen ein gemeinsames Ziel: den festen Willen, das Leben und die eigenen Talente optimal zu entfalten.

Der Regisseurin und Produzentin Sigrid Klausmann ist es mit ihrem beeindruckenden Dokumentarfilm gelungen, ein realitätsnahes Porträt heranwachsender Frauen aus verschiedenen Ländern zu präsentieren, welches sowohl die Herausforderungen als auch die Förderungen ihres Lebenswegs thematisiert. Ein fesselnder und inhaltlich bedeutsamer Beitrag, der ab heute in den Kinos gezeigt wird.

Sigrid Klausmann

Sigrid Klausmann arbeitete zunächst als Sportlehrerin, dann als Modern Dance Lehrerin, wo sie mehrere abendfüllende Choreografien, Musicals und Tanztheater mit Jugendlichen schuf. 1996 gründete sie zusammen mit ihrem Ehemann Walter Sittler die Produktionsfirma Schneegans Productions.
Mehrere Jahre war Sigrid Klausmann Schirmfrau des Kinderschutzbundes Stuttgart. Für ihr Engagement an der Kunstschule Labyrinth erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Ludwigsburg.
Seit 2003 arbeitet Sigrid Klausmann als Dokumentarfilmerin. Ihre Filme handeln von den Themen der Heranwachsenden. Eine Ausnahme bildet der Film über das Leben ihrer Mutter „LEONIE und der Weg nach oben“. Seit 2011 ist Sigrid Klausmann leitende Regisseurin der Film- und Bildungsreihe „199 Kleine Held*innen”. Die Filme, dazu gehört auch der Kinofilm „Nicht ohne uns!“, liefen auf ca. 90 Internationalen Filmfestivals und erhielten mehrere Auszeichnungen. „Nicht ohne uns“ ist im Programm der Schulkinowochen in Deutschland.
Ihre Karriere als Dokumentarfilmerin beendet Sigrid Klausmann mit dem Dokumentarfilm GIRLS DON’T CRY.

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

Artikel: 4331

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.