GABRIELLE – (K)EINE GANZ NORMALE LIEBE – FilmTipp

Gabrielle ist Anfang zwanzig und besitzt nicht nur eine ansteckende Lebensfreude, sondern auch eine außer-gewöhnliche Begabung für Musik. Martin lernt sie in ihrer Therapiegruppe kennen, wo sie gemeinsam in einem Chor singen. Die beiden verlieben sich leidenschaftlich ineinander. Aber ihre Umgebung erlaubt ihnen diese Liebe nicht, denn die beiden sind nicht wie die Anderen: Sie haben das Williams-Beuren-Syndrom.

Die Liebe behinderter Menschen ist längst kein Tabu mehr – trotzdem muss sich das junge Paar entschlossen den Vorurteilen stellen, um eine nicht ganz alltägliche Liebesgeschichte zu erleben. Die Regisseurin Louise Archambault erzählt in GABRIELLE – (K)EINE GANZ NORMALE LIEBE eine ganz besondere, leichtfüßige Liebesgeschichte. Ihre Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard, die selbst das Williams-Beuren-Syndrom hat, spielt sich mit ihrer authentischen, lebensfrohen und absolut überzeugenden Darstellung direkt in die Herzen der Zuschauer. GABRIELLE – (K)EINE GANZ NORMAL LIEBE ist Gewinner des Publikumspreises von Locarno, Eröffnungsfilm des Filmfests Hamburg und die kanadische Einreichung für die Oscars!

 

[su_youtube url=“http://youtu.be/_p66Ki-gvCY“]

 

Louise Archambault (Regisseurin)
Ich wollte über das Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie von geistig behinderten Menschen reden, deren Alltag im Wesentlichen von ihren Familien und Betreuern bestimmt wird. Mein Wunsch war es, die Zuschauer an ihrer Lebenswirklichkeit teilhaben zu lassen, damit sie einen Eindruck von ihrer Charakterstärke bekämen. Vor allem aber wollte ich zeigen, wie sehr ihre Begierden und Emotionen denen von allen anderen Menschen gleichen, kurzum: dass auch sie ganz gewöhnliche menschliche Wesen sind. Ich wollte erreichen, dass wir uns alle in dieser Geschichte irgendwie wiedererkennen würden. Als Ausdrucksmittel für ihre seelischen Bedürfnisse wählte ich unter anderem die Musik und den Chorgesang. Die Musik trägt ja in erheblichem Maße dazu bei, die Herzen zu öffnen und das Verlangen, zu lieben und geliebt zu werden, anzufachen. Außerdem hat die Musik – ganz besonders das Singen im Chor – die großartige Eigenschaft, die Leute miteinander zu verbinden. Sie ist universell und spricht uns in unserem Innersten an. Ich hoffe, dass man davon etwas in diesem Film spürt.

Zum anderen wollte ich auch eine Liebesgeschichte erzählen: eine Affäre zwischen zwei geistig behinderten Menschen, die den Wunsch haben, sich zu lieben, ihre Intimsphäre zu erkunden und sich ohne jeden Zwang einander hinzugeben. Die Liebe und die Sexualität sind ja zwei Themen, die nur selten zur Sprache kommen, wenn es um behinderte Menschen wie Gabrielle und Martin geht. Noch sind dies Tabuthemen. Dabei unterscheiden wir uns doch alle voneinander, nur dass bei manchen Menschen diese Unterschiede schon physisch viel mehr ins Auge fallen. Wir haben es gelernt, unsere Schwachstellen zu verbergen. Im Grunde aber haben wir alle das Bedürfnis, Liebe zu erfahren.“

Ein sehr berührender und einfühlsamer Film, der uns viel über das erzählt, was wirklich wichtig ist im Leben

Filmstart: 24.April 2014

Foto: P. Boss_AlamodeFilm

Das Williams-Beuren-Syndrom und Musikalität
Menschen mit dem Williams-Beuren-Syndrom (WBS) haben einen seltenen genetischen Defekt auf einem Abschnitt vom Chromosom 7. Insgesamt sind ca. 28 Gene betroffen, unter anderem das „Elastin“ Gen, welches mit verant-wortlich für die Bildung von Bindegewebe ist. Infolgedessen weisen Menschen mit WBS ein charakteristisches Äußeres auf mit aufgeworfenen Lippen, kugeliger Nasenspitze, kleinen Zähnen mit weiten Zahnlücken und häufig gekräuselten Haaren. Oftmals (aber nicht immer) leiden sie unter Kleinwuchs, Bluthochdruck, häufigen Atemwegs- und Mittelohrentzündungen, Herzfehlern und Fehlbildungen an den großen Hauptschlagadern sowie Diabetes. Bei den meisten WBS-Betroffenen entstand das Syndrom aufgrund einer Spontanmutation, wurde also nicht von einem Elternteil vererbt. Ist jedoch ein Elternteil betroffen liegt das Weitergaberisiko bei 50%.Kognitives Profil Kognitiv weisen Menschen mit WBS ein charakteristisches Profil von Stärken und Schwächen auf. Bei genereller Intelligenz-minderung unterschiedlichen Ausmaßes und motorischen Einschränkungen liegen die besonderen Stärken vor allem im sozialen, sprachlichen und musikalischen Bereich.
Menschen mit WBS sind anderen (auch Fremden) gegenüber sehr zugewandt und freundlich, erzählen gerne und benutzen häufig ein ausgefallenes Vokabular (z.B.würden sie bei der Aufforderung, 10 Tiere aufzuzählen, Tiere wie „Säbelzahntiger, Yak“ etc. nennen).
Außergewöhnliche Sensibilität für Klänge und Musik bei Menschen mit WBS Zu ihren Besonderheiten zählt zudem eine bereits in den ersten Lebensjahren ausgeprägte starke Sensibilität für unterschiedliche Geräusche und Klänge. Zunächst kann sich diese „auditorische Hypersensibilität“ in Form von Angst vor bestimmten Geräuschen zeigen (z. B. Staubsauger, Rasenmäher, Sirenen, Bohrmaschinen). Ungefähr mit dem Eintreten ins Schulalter verändert sich die Geräuschempfindlichkeit dahingehend, dass häufig ein besonderes Interesse und zum Teil auch eine große Vorliebe für bestimmte Geräusche entwickelt wird.
Man kann nun darüber streiten, ob Menschen mit WBS im klassischen Sinne besonders „musikalisch“ sind (die üblicherweise für Musiker ausgelegten Standardtests setzen Notenkenntnisse und Konzentrationsfähigkeit voraus, so dass sich diese Tests bei WBS-Betroffenen meist nicht anwenden lassen). Doch eines ist unumstritten: Kinder und Erwachsene mit WBS haben eine ganz besondere Liebe zur Musik!

Insbesondere stark rhythmusbetonte Musikrichtungen (Schlager, Volksmusik, Rock) begeistern große und auch schon ganz kleine Menschen mit WBS. Aufgrund dieses natürlichen Interesses an Musik fangen WBS-Kinder oft schon im Kindergartenalter an, ein Instrument zu erlernen; besonders beliebt sind Keyboard und Schlagzeug. Sie stimmen sofort mit ein, wenn gesungen wird, kennen viele Lieder auswendig (häufig in mehreren Sprachen), trommeln gern und bleiben wie gebannt stehen, wenn eine Musikkapelle durch die Stadt marschiert.

Auch wenn das Erlernen eines Musikinstrumentes aufgrund von motorischen und kognitiven Defiziten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein kann, spielt Musik für Menschen mit WBS eine ganz zentrale Rolle.
Neurobiologische Grundlage der Musikalität beim WBS Neurowissenschaftler fanden mittels MRT-Untersuchungen heraus, dass bei WBSBetroffenen die sog. „primäre Hörrinde“, also der Bereich des Gehirns, in dem auditorische Reize als erstes verarbeitet werden, im Vergleich zu gleichaltrigen gesunden Kindern deutlich vergrößert ist – und zwar in vergleichbarer Größe wie bei Profimusikern. Wenn man berücksichtigt, dass das Gesamt-Gehirnvolumen bei WBS um ca. 20% reduziert ist, ist die relative Größe der „Hörrinde“ sogar noch beeindruckender. Dies könnte der Grund für die scheinbar angeborene, starke Affinität zu Musik und Klängen sein.

Ein Text von Dr. med. Martina Wengenroth,
(Neuroradiologie Universität Heidelberg und Radiologie Universität München)

 

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
Artikel: 2719

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.