Zwei Filme möchten wir heute ans Herz legen: YI YI – entführt in den Lebenskosmos einer taiwanesischen Familie und „Sorry Baby“, beleuchtet den Weg einer jungen Frau aus einem Trauma.
YI YI
Man lebt dreimal länger, seit das Kino erfunden wurde. Edward Yang ließ den jungen Taiwanesen, den alle „Speckbauch“ nennen, diesen Satz sagen, nachdem er mit einer Freundin einen Film geschaut hat. In dem bezaubernden Film „YI YI“ dreht sich nicht alles ums Kino, sondern um das Leben und die Geschichten der Familie Jian aus Taipeh.
Der Vater N.J. (Nianzhen Wu) ist Computeringenieur und leitet eine Firma, um deren Fortbestehen er sich Sorgen macht. Seinem Schwager A-Di, der finanziell immer im Minus ist, leiht er ständig Geld. An seiner Seite stehen seine Frau Min-Min (Elaine Jin) und die Kinder: die lebhafte sechzehnjährige Tochter Ting Ting (Kelly Lee) und der achtjährige, fantasievolle und aufgeweckte Sohn Yang-Yang (Jonathan Chang).
Sie feiern eine Hochzeit, die ganz in Rosarot schwelgt, ein Glückstag für das Brautpaar und ein Tag, der von den Sternen begünstigt ist. Das weiß der Bräutigam A-Di genau. Dass die Braut hochschwanger ist, erregt kaum Aufsehen, nur die Ex-Geliebte des Bräutigams meldet sich lautstark zu Wort. Der Oma geht es daraufhin schlecht und sie will nach Hause.

Das Ende der Feier, bei der ein sturzbetrunkener Bräutigam zurückbleibt, birgt noch weitere Vorfälle. Die Oma, N.J.s Schwiegermutter (Ru-Yun Tang), erleidet einen Schlaganfall und muss ins Krankenhaus. Draußen, zwischen den Mülltonnen, wurde sie entdeckt. Ting Ting, die Enkelin, fühlt sich schuldig, weil sie den Abfall nicht weggeräumt hat.
Als Nj nach zwanzig Jahren seine Jugendliebe Sherry am Hotelaufzug wiedertrifft, gerät er emotional völlig aus dem Gleichgewicht. Doch zunächst kehrt die Oma zurück nach Hause, auch wenn sie noch tief im Koma steckt. Dann setzen sich nach und nach die Familienmitglieder ans Bett, plaudern mit ihr und versuchen, sie aus ihrem Traumland zu holen. Die stumme Zuhörerin setzt vor allem ihre Tochter Min-Min unter Druck, die von einer schweren inneren Leere erdrückt wird und deshalb beschließt, für eine Weile in ein Kloster zu flüchten.
Du siehst nicht das, was ich sehe

Können wir nur die halbe Wahrheit kennen?, fragt der kleine Yang-Yang seinen Vater, der nichts dazu sagt und seinem Sohn stattdessen eine Kamera schenkt. Und von nun an fotografiert der achtjährige Menschen stets von hinten, um sichtbar zu machen, was ihnen verborgen bleibt. Ting Ting spürt mit voller Wucht, wie fremd die Welt im Vergleich zu ihren Vorstellungen ist. Der Vater muss lernen, dass es keine zweite Chance gibt – nicht einmal für seine große Jugendliebe, der er auf einer Geschäftsreise nach Tokio noch einmal begegnet.
YI YI, der Film des verstorbenen Regisseurs Edward YANG, wurde in Taiwan und Japan gedreht. Er zeigt, wie eine Familie trotz einiger feiner Risse am Ende doch wieder zusammenhält und sich findet. Der Regisseur malt ein lebendiges Panorama des menschlichen Lebens, das er mit viel Gefühl und Verstand zum Leben erweckt. Mit poetischem Flair, liebevoller Zärtlichkeit und einem Hauch Melancholie sehen wir Bilder, die Menschen zeigen, die zwischen Traum und Wirklichkeit in ihrem ganz eigenen Universum schweben.
Ein berührendes Meisterwerk des Kinos, das seine Weltpremiere 2000 in Cannes hatte und als restaurierte Fassung 4K bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2025 erneut gezeigt wurde.
Nun ist „YI YI“ ab heute in den Kinos zu sehen!
Sorry, Baby
Agnes (Eva Victor) ist Literaturprofessorin an einer Universität in Neuengland. Mit ihrer Freundin (Naomi Ackie) verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Und als sie nach einem traumatischen Erlebnis aus der Bahn geworfen wird, braucht sie deren Hilfe ganz besonders. Ihre akademische Karriere und der Einstieg als Dozentin an der Universität, an der sie selbst ihr Studium absolviert hat, stehen kurz bevor.

Sie lebt allein und hat ihr Ziel klar vor Augen. Auch wenn ihre lesbische Freundin endlich ein Kind erwartet, hat Agnes andere Vorstellungen von ihrem Leben. Agnes bleibt in der Stadt, obwohl ihre Freund*innen in alle Welt ziehen. Hier war sie früher Klassenbeste und hat durch einen schockierenden Verrat ihren Tiefpunkt erlebt.

Als sie sich ein letztes Mal mit ihrem beratenden Professor trifft, begibt sie sich in dessen Haus, während die Zuschauer*innen außen vor bleiben und ahnen, dass sich dort trotz des einladenden und hell erleuchteten Inneren etwas Unheilvolles zutragen wird. Danach sieht man Agnes in Begleitung ihrer Freundin bei einem Gynäkologen, der wenig engagiert wirkt. Und auch die Frauenbeauftragten der Universität sind zwar verständnisvoll, aber ratlos. Der Professor indes hat, bevor er angezeigt werden kann, die Universität auf eigenem Wunsch verlassen .
In fünf Kapiteln begleitet der einfühlsame, in leisen Tönen ablaufende Film, die junge Literaturprofessorin auf ihren Weg der Verarbeitung ihres Traumas.
„Es ging mir weniger darum, Gewalt oder den Übergriff selbst zu erzählen, als vielmehr darum, wie ein Mensch heilt. Besonders interessierte mich das Gefühl des Feststeckens – wenn man sieht, wie
alle anderen weiterziehen, während man selbst noch in dem festsitzt, was einem passiert ist. Ich schrieb das ursprünglich für mein früheres Ich“, so die Regisseurin.
„Sorry Baby“ nimmt uns mit auf eine sensible Reise durch die verrückten, verwirrenden und manchmal fast komisch-tragischen Folgen eines traumatischen Erlebnisses – und zeigt, wie ein mutiger innerer Prozess den Ausweg ebnet, ganz ohne großes Drama.
Ein ermutigender Film, der durch seine klare Erzählstruktur besticht. Die Regisseurin verkörpert persönlich die Hauptrolle und überzeugt durch ihre authentische sowie introvertierte Spielweise. Auch dieser sehenswerte Film ist ab heute in den Kinos zu sehen.







