Faraz Shariats zweiter Spielfilm „Staatsschutz“ ist ein packender, temporeicher Justizthriller über Macht, Korruption und institutionellen Rassismus, der einen kritischen Blick auf den gegenwärtigen politischen Zustand Deutschlands wirft. Bei der diesjährigen Berlinale wurde er gleich dreifach ausgezeichnet.
Im Mittelpunkt steht die junge, ehrgeizige Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan), die rigoros gegen rechtsextreme Gewalt in einer ostdeutschen Kleinstadt vorgeht. Zu Beginn wirkt sie fast zurückhaltend. Immerhin befindet sie sich noch in der Probezeit, muss sich bewähren, darf sich keine Fehler erlauben. Kim glaubt fest an die Rechtsstaatlichkeit der Justiz. An die Würde und den Lohn harter Arbeit. Ihre tiefe Überzeugung einer blinden Gerechtigkeit bringt sie häufig in Konflikt mit engagierten Anwältinnen wie Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch), die ihren Beruf aus einer deutlich linksgerichteten Perspektive der sozialen Gerechtigkeit betrachtet.

Dann wird Kim Opfer eines Brandanschlags, den sie mit großem Glück überlebt. Der Angriff ändert alles. Kims Glaube an die Objektivität und Neutralität der Institutionen beginnt zu bröckeln. Eine Anhängerin des Systems wird zu dessen Opfer.
Kims Bemühungen, die Hintergründe und Täter des Anschlags aufzuklären, finden jedoch nur wenig Unterstützung. Ihre Kollegen verharmlosen die heimtückische Tat, wollen von einem rassistischen Tatmotiv nichts wissen und empfehlen ihr, die Untersuchungen einzustellen. Doch Kim, die auch gegen die ausdrückliche Weisung ihres Vorgesetzten, des Generalstaatsanwalts Forch, (Arnd Klawitter) heimlich weiter ermittelt, kommt zu einem gänzlich anderen Schluss. Bei ihren Recherchen im Archiv stößt sie auf beunruhigende Verbindungen zwischen Polizei, Amtsträgern und Neonazis, die mit Angriffen auf Migranten und Asylsuchende in Verbindung stehen. So verfestigt sich bei Kim das Bild eines größeren rechtsextremen Netzwerk, das ihre Behörde und deren Chef offensichtlich verschleiert hat. Kims Entschluss, gegen ihren Vorgesetzten vorzugehen, bringt sie schon bald in eine gefährliche Lage.

„Staatsschutz“ ist unglaublich packend und dicht inzensiert. Traditionelle Justizdramen wie „Die zwölf Geschworenen“ oder „Zeugin der Anklage“ neigen häufig zur Darstellung trockener Verfahrensabläufe. Fariat nutzt jedoch die Szenen im Gerichtssaal, um mit schnellen Schnitten maximale Spannung zu erzeugen. Vor allem die Anschlagsszene ist souverän inszeniert. Dynamische Kameraführung, dröhnendes Sounddesign und bedrohliche Musik sorgen für eine zusätzliche dramatische Wirkung.
Die Bilder, die Kamerafrau Lotta Kilian liefert, sind präzise, fangen sowohl das Kleine als auch das Große ein. Oft sind es gerade die kleinen Momente, die entscheidend sind. Ein Blick in einen Flur. Eine Pause in einer Besprechung. Die Anhäufung von kleinen Aggressionen. Kafkaesk dann die Bilder gegen Ende des Films, wenn Kim in eine Verkehrskontrolle gerät.
Der Film überzeugt auch mit seiner großartigen Besetzung, allen voran in der Hauptrolle mit Chen Emilie Yan als junge Staatsanwältin, die zwischen Wut und Resignation hin- und herschwankt.

Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) © Lotta Kilian, Jünglinge Film
„Staatsschutz“ scheut sich vor allem nicht, den größeren gesellschaftlichen Kontext von institutionellem Rassismus zu beleuchten. Rechtsextremismus wird hier nicht als Randphänomen dargestellt. Er existiert in Chatgruppen. In der nostalgischen Verklärung vergangener Regime. In verschlüsselter Sprache. Manches davon ist offensichtlich. Die Skinheads und Kopftätowierungen der Zuschauer im Gerichtssaal. Manches davon ist es nicht. Es findet sich in Büros, in der Verwaltungsarbeit, die Verfahren verschleppt und schließlich vorschnell einstellt. In Entscheidungen, die niemals hinterfragt werden. Es ist diese zweiten Ebene des Films, die uns heute wohl am meisten beunruhigen muss. Extremismus agiert selten isoliert am Rande der Gesellschaft. Er gräbt sich tief in die Gesellschaft und ihre Institutionen ein, verankert sich dort und bewirkt, dass Systeme, die Objektivität und Neutralität versprechen, still und leise zerbrechen können.
Dennoch ist „Staatsschutz“ nicht an einer einfachen Lösung interessiert. Letztlich ist das Ende offen. Was bleibt, sind die schwierigeren Fragen, die der Film stellt. Was tust du, wenn das System, dem du dienst, aufhört, der Gerechtigkeit zu dienen? Wie weit bist du bereit zu gehen? Was kostet das? Was passiert, wenn der Arbeitgeber von dir verlangt, etwas zu ignorieren, von dem du weißt, dass es falsch ist? Bleibst du? Gehst du? Oder wehrst du dich und riskierst alles? Es sind Fragen, die wir zunehmend in unserem Alltag beantworten müssen – nicht nur bei unserem Kinobesuch.
Titelbild: Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) und Min-Su (Kotbong Yan) © Lotta Kilian, Jünglinge Film







