Ein amerikanischer Filmstar fragt: „Warum wolltest du die Rolle nicht spielen?“ Die Tochter des Regisseurs, eine Schauspielerin, antwortet: „Ich kann nicht mit ihm arbeiten. Mein Vater ist ein sehr schwieriger Mensch.“ Und so geht es weiter. Joachim Triers Film SENTIMENTAL VALUE handelt von einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung voller schlechter Gefühle und mit einer langen Geschichte, die immer wieder aufgewühlt wird.

© Kasper Tuxen Andersen
Abwesende Väter und die Auswirkungen ihres Verhaltens auf die Kinder ist ein von der Psychologie vielfach beleuchtetes Drama, das überall auf der Welt zu finden ist. Diese anhaltende Vaterkrise spielt in Oslo. In einem großen, imposanten roten Haus im norwegischen Drachenstil, das Familiengeheimnisse birgt, die Jahrzehnte zurückreichen.
Damals hatte Gustav Borg (Stellan Skarsgård), ein junger Ehemann und Filmemacher, eine stürmische Beziehung zu seiner Frau. Sie liebten und sie küssten sich. Zwei kleine Mädchen kauerten in den Ecken hinter verschlossenen Türen, wenn sich das Paar lautstark stritt. Ausgelöst durch den Tod der Frau und eine Zusammenkunft nach der Beerdigung, kommt es zu einer Abrechnung in jenem purpurroten Herrenhaus, das die Familie zusammenhielt, bis es nicht mehr ging.

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So beginnt der Oscar-nominierte Drehbuchautor Joachim Trier, der auch Regie führt, diese bewegende Familiensaga. Zusammen mit seinem Co-Drehbuchautor Eskil Vogt fängt er die Vergangenheit und Gegenwart in einem Zuhause ein und sinniert darüber, wie die Zukunft für einen eigensinnigen Vater und seine beiden erwachsenen Töchter aussehen wird. Nora (Renate Reinsve), die Ältere, ist eine nie verheiratete, von neurotischen Ängsten geplagte Schauspielerin. Ihre junge, emotional stabilere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) ist Mutter und Ehefrau. Hinzu kommt noch die amerikanische Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning), ein Eindringling, der keine Ahnung hat, was zuvor geschehen ist.
Der Film wirft einen genauen Blick auf die Dynamik der Familie und gibt die emotionalen und mentalen Aspekte der Protagonisten mit einer Detailtreue wieder, wie man sie seit Ingmar Bergman („Schreie und Flüstern“) nicht mehr gesehen hat. Der skandinavische Autorenfilmer war ein wahrer Meister darin, Filme mit Figuren zu drehen, deren unterdrückten Gefühle sie in den Wahnsinn treiben.

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Trier steht ihm hierin um nichts nach. Er zeigt, wie tief der Schmerz sitzt, den ein nachlässiger Vater, der seine Töchter viel zu lange ignoriert hat, hinterlassen hat. Der ältere und nun nachdenkliche Gustav möchte sich wieder in das Leben seiner Kinder einschleichen, indem er in ihrem Haus einen Film dreht. Das Filmemachen ist die einzige Fähigkeit, die er hat und die zu einem Instrument der Versöhnung werden könnte. Doch der Auftakt verläuft nicht gut. Gustav schätzt die Stimmung nicht richtig ein. Er versteht nicht, wie tief der Groll, die Feindseligkeit und das Misstrauen sind, die seine Töchter ihm entgegenbringen.
Und sie machen es ihm nicht leicht. Vergebung steht nicht auf der Tagesordnung. Vor allem für Nora. Der Konflikt zwischen Vater und erwachsenem Kind spitzt sich immer weiter zu. Jeder Versuch, eine Annäherung zu erreichen, scheitert. Selbst das Angebot einer Hauptrolle in einem letzten Film, den der alternde Regisseur drehen will, reicht nicht aus, um die Zuneigung seiner launischen, tief gekränkten Tochter zu gewinnen. Dann besetzt Gustav die Rolle mit einer aufstrebenden US-Schauspielerin, was Nora als eine weitere Beleidigung in einer ganzen Reihe von Kränkungen empfindet.
Klugerweise hält das Drehbuch, während sich das köchelnde Familiendrama zuspitzt, eine Reihe von Überraschungen bereit, die hier nicht verraten werden sollen. Dann gibt es eine letzte schockierende Wendung, die alle obskuren Motive, die zuvor aufgetaucht sind, in einen Zusammenhang bringt.
Die Wendungen der gewichtigen Erzählung basieren auf Psychodrama und nicht auf Action. Das bedeutet, dass ihr Erfolg stark von den Darbietungen der SchauspielerInnen abhängt. Vor allem Reinsve meistert diese Verantwortung hervorragend als das zurückhaltende kleine Mädchen, das zur eigensinnigen erwachsenen Tochter wird, die entschlossen ist, einem Mann, der keine Gefühle hat, ihre Gefühle zu offenbaren.
Sie trägt ihre Wunden offen sichtbar und vermittelt auf äußerst realistische Weise eine lähmende Angst. Ihr Gegenpol ist Lilleaas, die mit konservativem Charme die vermittelnde, jüngere Tochter spielt, die die Wogen immer wieder glättet. Und nicht zuletzt Skarsgård überzeugt ohne Abstriche als Vater, dessen Motive fast durchgehend verdächtig erscheinen.
Die Bilder, die Kameramann Kasper Tuxen einfängt, sind eine wahre Freude zu sehen. Er beleuchtet das geheimnisvolle Haus gut, die Filmfestivalszenen in Deauville, Frankreich, könnten nicht bezaubernder sein. Die intimen Szenen, ob sie nun Liebe oder Hass zeigen, sind perfekt inszeniert. Die von Hania Rani geschriebene Filmmusik liefert schließlich perfekt die Unterstützung der erhabenen Sequenzen.
Nicht nur Bergman-Fans werden von diesem exzellenten, tiefgründigen Film skandinavischer Melancholie fasziniert sein.
Alle Fotos: © Kasper Tuxen Andersen Titelbild: Stellan Skarsgård und Elle Fanning
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