EIN ANDERES LAND Roman von James Baldwin

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Was bedeutet Liebe? Gesehen zu werden, so wie man ist? Aber, wer ist „man“? Der junge Jazzmusiker Rufus Scott, der am Beginn des Romans „Ein anderes Land“ steht, verzweifelt an dieser Frage. In seinem Land, in New York Ende der 1950er Jahre, ist etwa entscheidend, ob jemand schwarz oder weiß ist. Rufus ist schwarz und sein bester Freund Vivaldo ist weiß.

Rufus verliebt sich in Leona, eine weiße junge Frau und Mutter, der man ihr Kind weggenommen hat. Sie beginnen eine Beziehung, die eine Mischung aus Liebe und verstecktem Hass ist und Rufus gewalttätig gegen Leona werden lässt. Er liebt Leona wegen ihrer kindlichen Hingabe und hasst sie, weil sie aus dem rassistischen Süden ist und ihn nicht wirklich lieben kann, sondern nur den Sex mit ihm.

Doch Rassismus ist überall! Das weiß Rufus – es gibt kein anderes Land für ihn, sondern nur einen Ausweg. Rufus Scott begeht Selbstmord durch einen Sprung von der George-Washington-Bridge.

Ein Leben ohne Rufus, für Ida, die jüngere und sehr schöne Schwester, zunächst unvorstellbar. Doch Ida ist stark, sogar stärker als Rufus, das bemerkt auch Vivaldo. Beide suchen die Nähe des anderen. Vivaldo war der Letzte, der Rufus gesehen hat. Sind es seine Schuldgefühle, die ihn zu Ida ziehen? Und was wird Ida für ihn sein – ein schönes, schwarzes Sexobjekt, das ihn immer an Rufus erinnern wird? Und was ist Vivaldo für Ida? Ein weißer Stützpunkt, um im rassistischen New York, in dem sie als Sängerin Karriere machen will, zu überleben?

Vivaldo und Ida sind nicht allein, sondern unter Freunden, deren Verbindungsglied einmal Rufus war. Cass, Richard und Eric, Freunde, die weiß sind. Sie gehen, einem unbekannten Rhythmus folgend, einen Reigen ein, der aus Liebe und Sex besteht, deren Sinn sie nicht verstehen. Cass, die nie einen anderen Mann hatte als Richard, fühlt sich von ihm plötzlich nicht mehr gesehen. Sie wendet sich an Eric, der nach zwei Jahren, die er in Frankreich verbracht hat, zurück nach New York kommt. Aber kann er Cass sehen oder gar lieben? Eric liebt Yves, doch das weiß sie zunächst nicht.

Sezierend genau beobachtet James Baldwin seine Protagonisten, lässt sie die Welt mit den Augen Schwarzer und Weißer sehen, aber völlig farbenblind. Weder Vivaldo erfasst, noch nimmt er wahr, was Ida sieht und wahrnimmt und umgekehrt. Sie schöpfen dennoch Kraft voneinander, weil sie miteinander reden lernen und ihre Wunden offen legen.

Kann Liebe Hürden überwinden? Oder wirkt Liebe wie eine Milchglasscheibe, die den wahren Blick auf den anderen für kurze Zeit undeutlich macht? Letztlich hält sie oder nicht, wir wissen nicht immer warum.

James Baldwin erzählt mit großer emotionaler Kraft und mitreißender Poetik. Er formt in seinem Roman die Idee einer offenen Gesellschaft, die Menschen nicht vorschreibt, wen sie lieben dürfen und in der es gleichgültig ist, welche Hautfarbe sie haben. Selbstmord ist keine Option, sondern weiterzuleben, zu kämpfen und zu lieben. Ein aufrüttelnder und sehr wichtiger Roman!

EIN ANDERES LAND

Roman von James Baldwin

Übersetzung: Miriam Mandelkow

Verlag: dtv

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