Die Stimmen der Nacht

2005 – Seine Haut ist hell, und nicht zum ersten Mal – nun auch hier an seinem neuen Wohnort in Atlanta – muss Benjamin darauf hinweisen, dass er Nigerianer ist. Und in dem Maße, in dem er äußerlich von seinen nigerianischen Vorfahren und Verwandten entfernt ist, übernimmt er auch nur wenig von deren Ritualen und Traditionen in sein Leben. Längst jedoch hatte Benjamin sich vorgenommen, in das Land seiner Ahnen zu reisen, um mehr darüber zu erfahren und zudem Spuren seines halb-nigerianischen Vaters zu finden.

1905. Durch die britische Kolonisation erlebt Nigeria eine Welle der Veränderung – und auch das Leben der Dorfbewohner von Umumilo wird davon beeinflusst. Besonders heftig wird es, als sich drei junge Frauen plötzlich schwanger zeigen – und keine von ihnen hat auch nur die leiseste Ahnung, wie das passieren konnte. Auch Okolu, der bereits drei Frauen an seiner Seite hat, erlebt nun die Überraschung: Seine vierte, die er bald mit den traditionellen Ritualen heiraten will, trägt ein Baby – allerdings nicht von ihm.

Die frisch erbaute Kirche zieht einige Stammesmitglieder magisch an, sodass sich plötzlich viele nach solch imposanten Bauwerken sehnen, die gen Himmel wachsen. Okolu, dessen Meinungen und Urteile viel Gewicht im Dorf haben, reagiert unruhig und mit Sorge darauf.

Jahrzehnte später trifft Benjamin auf Margaret, die anders als er tief mit ihrer nigerianischen Kultur verbunden ist. Beide ahnen jedoch nicht, in welchem Ausmaß die Ähnlichkeiten ihrer Familiengeschichten ihre Verbindung beeinflussen werden. Benjamin bemerkt zwar, dass manches an Margaret befremdlich ist. Doch so richtig deutlich wird diese Tatsache für ihn erst, als sie zu Margaretes Mutter nach Umumilo fahren, um ihre Heirat anzukündigen.
Benjamin ist wenig beeindruckt, als der Familienrat nichts davon hält, dass die beiden heiraten, denn ein Fluch liegt auf Benjamins Familie, der unwiderruflich auf ihm lastet. Margaret dagegen ist besorgt und glaubt an diesen Fluch, auch noch nachdem sie Benjamin geheiratet hat.

Sie trennen sich, doch ihre gemeinsame Geschichte ist noch nicht zu Ende. Im Jahr 2005, mehrere Jahrzehnte später, lebt Margaret zurückgezogen in einer exklusiven Wohnanlage. Ihre Tochter sorgt liebevoll für sie, doch sie verschweigt, dass sie Kontakt zu ihrem Vater Benjamin aufgenommen hat – dem Mann, den sie als Kind kaum kennenlernen durfte.
Margaret sieht immer öfter Zeichen, die zeigen, dass der Fluch nicht nur sie betrifft, sondern auch ihre Tochter und ihren Enkel. Sie hört schrille Stimmen und sieht grässliche Fratzen, die sich ihr wie ungebetene Gäste aufdrängen und an die Familiengeheimnisse erinnern wollen. Sie ruft Benjamin an, der nun allein im amerikanischen Atlanta lebt.

Soll er den Kontakt zu Margret und damit auch zu seiner Tochter und seinem Enkel aufnehmen? Kann er sich, der sich gerade von einem Herzinfarkt kuriert, möglichen Herausforderungen stellen? Und können die lange verdrängten Geheimnisse gelüftet werden und die Familie so dem Fluch, der auf ihr lastet, endgültig entfliehen?

„Die Stimmen der Nacht“ ist ein hochgradig fesselnder Roman, der tief in die generationsübergreifende Erzählung einer Familie eintaucht und die komplexe Wechselwirkung zwischen traditionellen Strukturen und der globalisierten Moderne analysiert. Dabei gelingt der Autorin Tochi Eze in ihrem Debütroman lebendig zu vermitteln, wie die Menschen vor über 100 Jahren, eingebettet in eine zusammenhaltende rituelle Gemeinschaft, dachten und lebten. Auf einfühlsame Weise erzählt sie darüber hinaus von einer ungewöhnlichen Liebe, die trotz Brüche Entfernungen überwindet und von der Stärke einer Frau getragen wird. Eine mitreißende Lektüre.

Die Stimmen der Nacht
Autorin: Tochi Eze

Verlag: Pfaueninsel-Verlag.de
ISBN 978-3-69131009-2

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

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