DIE GROSSE FREIHEIT – ein Film von Sebastian Meise

Hans, die Hauptfigur des Films DIE GROSSE FREIHEIT liebt Männer. Dafür war er während der Nazi-Schreckensherrschaft in einem Konzentrationslager. Aber auch als er daraus befreit wird, ist er immer noch kein freier Mann, sondern nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches weiterhin ein Straftäter.

In Deutschland hatte dieser Paragraf, der sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte, eine unsägliche Tradition, die bis ins Jahr 1871 zurückreichte. In der Nazi-Zeit wurde er verschärft und dauerte in Westdeutschland bis in die späten 1960er Jahre an. Er zerstörte das Leben Tausender Männer –  viele verloren ihre Arbeit und es gab Dutzende von Selbstmorden – bis er 1994 fünf Jahre nach dem Mauerfall ersatzlos gestrichen wurde.  

Der Film beginnt im Jahre 1968, als Hans Hoffmann wieder einmal im Gefängnis ankommt, um eine 24-monatige Freiheitsstrafe anzutreten. Seine stillschweigende Akzeptanz bei der Verkündung des Urteils sowie seine offensichtliche Vertrautheit mit dem Aufnahmeverfahren im Gefängnis deuten darauf hin, dass dies nicht seine erste Verurteilung ist. Während er in der Gefängniswerkstatt Bettlaken näht, fällt ihm ein älterer Häftling, Viktor (Georg Friedrich), auf.

Es ist wie ein Déjà-vu – Hans landet im Gefängnis und immer ist da Viktor, der Lebenslängliche. Der will mit einem „175-er“ nichts zu tun haben. Droht ihm, ihn totzuschlagen, wenn er ihn anrührt. Doch Hans‘ rebellischer, stoischer Stolz, der sich auf dem Gefängnishof und gegen die Willkür der Wärter zu behaupten weiß, nötigt ihm Respekt ab.

Hans (Franz Rogowski)
© Freibeuterfilm_Rohfilm

Hans will sich nicht unterwerfen. Er will leben und lieben. Mit Oskar erlebt er eine glückliche, verliebte Zeit, fast unbeschwert trotz des unaufhörlichen Zwangs, sich verstecken zu müssen. Dann weist der Paragraf 175 auch diese Beziehung in die Schranken. Oskar ist im Gegensatz zu Hans der unbarmherzigen Härte des Gefängnisalltags nicht gewachsen. Und obwohl sie sich heimlich treffen und lieben können, resigniert Oskar schließlich.

Das Gefängnis wird für Hans zu einem vertrauten Ort und Viktor, den er über die Jahrzehnte kennt, zu einer wichtigen Person. Sie vertrauen sich, sie kennen die Umstände, denen sie standhalten müssen, und die kleinen Tricks, die ihnen Luft zum Atmen verschaffen. Eine Schicksalsgemeinschaft, verbunden durch eine unstillbare Sehnsucht nach Freiheit und Leben. Oder ist es am Ende mehr?

Hans (Franz Rogowski) und Viktor (Georg Friedrich)
© Freibeuterfilm_Rohfilm

Sebastian Meises Film DIE GROSSE FREIHEIT, der in einem Gefängnis gedreht wurde und nicht nur deshalb hohe Authentizität besitzt, zeichnet das Leben eines homosexuellen Mannes nach, der in die entmenschlichenden Mühlen des Strafvollzugs gerät und ihnen niemals entrinnt, auch als es den Paragrafen nicht mehr gibt.

Obwohl Homosexualität immer noch nicht überall akzeptiert wird und Menschen deswegen diskriminiert werden, ist die schreckliche und menschenunwürdige Zeit des Paragrafen 175 in Deutschland zum Glück vorbei. Der sehr berührende und aufwühlende Film DIE GROSSE FREIHEIT mit den beiden herausragenden Schauspielern Franz Rogowski und Georg Friedrich vermag diese Zeit nochmals in ein düsteres Licht und erschütternden Bildern auf die Leinwand bringen. Ein wichtiger und sehr sehenswerter Film!

Wo der Film zu sehen ist, erfährt man unter Spieltermine

AUSZEICHNUNGEN

Festival de Cannes 2021
Un Certain Regard
Preis der Jury

Offizieller österreichischer
Kandidat Academy Award: Best International Film

Sarajevo Film Festival 2021
Bester Film • CICAE Award • Bester Schauspieler: Georg Friedrich

Festival 2 Cinéma Valenciennes 2021
Grand Prix – Bester Film • Bester Schauspieler: Franz Rogowski

Athen International Film Festival 2021
Publikumspreis • Preis der griechischen Filmkritik: Beste Regie

Hamptons International Film Festival 2021
Special Jury Prize for Exceptional Performances – Franz Rogowski

Festival du Nouveau Cinéma De Montréal 2021
Louve d’Or – Bester Film

Waterloo Historical Film Festival 2021
Bester Schauspieler: Franz Rogowski

Filmfest Hamburg 2021
Eröffnungsfilm

Standardbild
Ingrid
Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen. Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.
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