Die Gabe des Regens

Im Roman „Die Gabe des Regens“ des Autors Tan Twan Eng klingelt es eines Tages an der Tür des Unternehmers Philip Hutton in Penang, und eine ihm unbekannte Frau bittet ihn um ein Gespräch. Sie beide verbindet eine Person, die einmal eine große Rolle in ihrem jeweiligen Leben gespielt hat – der Japaner Endo-san, der jedoch schon lange daraus verschwunden ist.

Einige Jahrzehnte zuvor im Penang des Jahres 1939: Der sechzehnjährige Philip will nicht mit seiner Familie nach England reisen, ganz zum Verdruss seines Vaters Noel. Dagegen lieben seine Halbgeschwister Isabel, William und Edward England und bedauern, dass Philip in Penang bleiben will. Und erneut weckt sein Verhalten den Eindruck, dass er ein Einzelgänger ist. Er fühlt sich als Sohn einer chinesischen Mutter und eines britischen Vaters immer ein wenig wie ein Außenseiter und nicht wirklich der Familie zugehörig, seit seine Mutter früh gestorben ist.

Nun allein in der beeindruckenden Villa, die zu den schönsten Häusern Penangs gehört, begegnet ihm ein Mann, der von seinem Vater die kleine Insel gegenüber ihres Anwesens gemietet hat und ein Boot braucht, um dorthin zu gelangen. Der Mann, der sich Hayato Endo nennt, besitzt ein geheimnisvolles Charisma, und es stellt sich heraus, dass er ein Aikido-Sensei ist. Philip zeigt ihm seine geliebte Insel Penang, und im Gegenzug unterrichtet Endo ihn in der Kunst und Disziplin des Aikido. Die kämpferische Perfektion, die er mit der Zeit gewinnt, ergibt sich durch ein nahezu tägliches Training; Philip profitiert darüber hinaus auch auf geistiger Ebene davon. Er lernt schnell und entwickelt ein großes Vertrauen zu seinem Lehrer und ein Zugehörigkeitsgefühl, das er bisher nicht kannte.

Doch Japaner sind in Penang, das unter britischer Herrschaft steht, nicht sehr beliebt. Zwar leben die chinesischen, indischen und malaysischen Bürger*innen friedlich nebeneinander, doch da seit 1937 Japan große Teile Chinas entlang der Küstenregionen sowie Shanghai, Peking und Wuhan erobern konnte, sind Japaner in der chinesischen Community verhasst. Deswegen vermeiden die beiden zunächst, sich gemeinsam in der Stadt zu zeigen.

Mittlerweile fühlt sich Philip auch in seiner Familie aufgehoben und die täglichen Mahlzeiten, die sie gemeinsam einnehmen, werden zu einem familiären Highlight des Tages. Doch als Gerüchte lauter werden, der Krieg würde bald auch Penang erreichen und von den Japanern übernommen, glaubt zunächst keiner in der Familie, dass es soweit kommen wird. William jedoch will sich zum Dienst in der britischen Armee melden und ein erster Schatten fällt auf die Familie.

Als die Japaner schließlich einmarschieren, sehen sich sowohl Endo-san als auch Philip hin- und hergerissen zwischen ihrer Loyalität zueinander und ihrer Familie und ihrem jeweiligen Land gegenüber. Die Japaner sind grausam und kennen keine Gnade. Philip wird klar, dass sein vertrauter Sensei ein verheerendes Geheimnis hütet. Und dass sein unbedachtes Verhalten, Endo-san die gesamte Insel gezeigt zu haben, nun Folgen hat.

Philip beschließt, den Japanern und Endo bei der Verwaltung des Landes zu helfen, um seine Familie zu schützen. Doch wann immer es möglich ist, leitet er Informationen weiter, die seine Landsleute bedrohen. Er muss alles riskieren, um diejenigen zu retten, die er in Lebensgefahr gebracht hat. Doch am Ende scheint es so. als könne er seinem vorhergesagten Schicksal nicht entkommen. Wird seine Willensstärke schließlich entscheiden, wer und was er wirklich ist?

Mit meisterhafter und wunderschöner Erzählkunst fasziniert der Autor von der ersten Seite des Romans an. Magische Bilder erwecken die kraftvolle Schönheit des Meeres und der Natur Penangs zum Leben – zusammen mit den geheimnisvollen Bergtempeln und den vom Regen getriebenen Stränden. Die klar umrissenen Charaktere, die moralischen Herausforderungen, der Schrecken des Krieges, Mut und Liebe, die Macht der Erinnerungen – all das spinnt der Autor Tan Twan Eng zu einer faszinierenden, tiefgründigen und mitreißenden Erzählung, die zudem philosophische Gedanken lebendig werden lässt. Ein vielschichtiger und fesselnder Roman, den man nur ungern aus der Hand legt.

Die Gabe des Regens – Roman von Tan Twan Eng
Erscheinungstag: 15.09.2026
ISBN: 978-3-7558-0019-4
Verlag: Dumont

TAN TWAN ENG, 1970 in Malaysia geboren, hat in England Jura studiert und lange als Anwalt gearbeitet. All seine drei Romane standen auf der Longlist bzw. Shortlist des Booker Prize. Sein Roman ›Das Haus der Türen‹ erschien 2025 bei DuMont. Tan Twan Eng lebt in Malaysia und in Südafrika.

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
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