Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Mit seiner hinreißenden Wendekomödie „Good Bye Lenin“ landete der Berliner Regisseur Wolfgang Becker 2003 einen der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Seine jüngste und zugleich letzte Arbeit „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ – Becker verstarb im letzten Jahr kurz nach Abschluss der Dreharbeiten – ist wieder ein Film, der die komischen, aber auch tragischen Dimensionen menschlicher Existenz zeigt.

Im Mittelpunkt steht Micha Hartung (Charly Hübner), eine etwas tollpatschige Persönlichkeit mit charakterlichen Schwächen und sympathischen Macken. Micha betreibt eine Videothek in Berlin-Neukölln. Doch die läuft seit Jahren nicht gut. Denn Videotheken sind seit der Ankunft von Streaming-Portalen out. Eigentlich steckt Micha bis zum Hals in finanziellen Schwierigkeiten, doch er redet sich seine Lage schön. Mahnungen und Vollstreckungsbescheide wandern regelmäßig ungeöffnet in einer Kiste.

Leon Ullrich und Charly Hübner
© X Verleih AG – Frédéric Batier

Dann tritt eines Tages der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) in Michas Leben und seine Situation verändert sich schlagartig. Landmann hat recherchiert, dass Micha 1984 als ehemaliger Weichensteller an der größten Massenflucht in der Geschichte der DDR irgendwie beteiligt war. Damals wurde eine S-Bahn wegen einer blockierten Weiche vom Ostberliner Bahnhof direkt in den Westen geleitet und 127 Menschen gelang die Flucht.

Landmann bietet Micha Geld, wenn der Videobesitzer bereit ist, ihm seine Geschichte zu erzählen. Der Journalist, der ähnlich wie Micha vom Leben nicht gerade begünstigt ist, erhofft sich eine sensationelle Story, die ihn zu einem prominenten Investigativjournalisten machen wird.

Micha zaudert zunächst, doch dann nimmt er das Geld und aus dem Loser wird über Nacht ein Erfolgsmensch. Seine Name steht auf den Titelseiten aller Zeitungen. Er erhält Einladungen zu Interviews und Talkshows, selbst der Bundespräsident empfängt ihn und auch seine Videothek läuft auf einmal wie geschmiert.

Micha auf Paula, (Christiane Paul)

Dann trifft Micha auf Paula, die damals als Kind in der S-Bahn saß, heute als Staatsanwältin arbeitet, und ihren Retter kennenlernen möchte. Hinzu kommt, dass sich nicht alle über den neuen Nationalhelden freuen. Da ist zum Beispiel Harald Wischnewsky (Thorsten Merten), ein Dissident, der jahrelang im DDR-Gefängnis saß und jetzt mit Vorträgen an Schulen, seine bescheidene Rente aufbessert. Er ist verärgert, dass jetzt Micha an seiner Stelle beim Festakt zum bevorstehenden 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls im Bundestag sprechen soll. Womöglich ist der schlunzige Videothek Besitzer unter fragwürdigen Umständen zu seinem Ruhm gekommen, wie Harald argwöhnt. Und plötzlich geht es um alte Feinde und neue Freunde und nicht zuletzt um die alten Seilschaften, die auch nach der Wende noch intakt sind.

Klar, die Geschichte von der Massenflucht ist frei erfunden. Dennoch ist Wolfgang Beckers „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ein großartiges, unterhaltsames filmisches Lehrstück über die Tücken der kollektiven Erinnerungskultur, das seine Charaktere mit viel Humor und einem Hauch Tragik gut beobachtet.

Charly Hübner brilliert als schlampiger Held und Betrüger wider Willen. Doch auch die Nebenrollen sind glänzend besetzt, allen voran Christiane Paul als nüchterne Staatsanwältin Paula, die ihre eigene tragische Lebensgeschichte hat, und Thorsten Merten als nölender Dissident Harald Wischnewski. Unbedingt sehenswert!

Fotos: © X Verleih AG – Frédéric Batier

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
Artikel: 497

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.