Der Fremde – Filmtipp

Wir wünschen ein erfolgreiches und gesundes Jahr 2026 und möchten zugleich den Film „Der Fremde“ von Regisseur François Ozon empfehlen, der auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus basiert.

Der Roman „Der Fremde“ des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus, der in den 1930er Jahren in Algier spielt, zählt immer noch zu den meistgelesenen französischen literarischen Werken. Unter der arabischen Bevölkerung fand er jedoch damals nur begrenzte Resonanz. Nach Ansicht der Kritiker reflektiert der Roman die Realität der durch koloniale Unterdrückung geprägten arabischen Bevölkerung unzureichend und reduziert sie stattdessen auf die Karikatur des „hinterhältigen Arabers.

Andererseits spart Camus die französische Präsenz in Algier und das unbeständige politische und kulturelle Umfeld im Roman nicht aus oder leugnet es gar. Vielmehr macht er als Vorwegnahme seiner philosophischen Schriften, die Revolte gegen die Absurdität eines Lebens deutlich, das von gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist.

Der Roman erzählt die Geschichte des introvertierten Mannes Meursault

Der Name ist nicht zufällig gewähl. Er könnte gelesen werden als „Meurs, sot!“ „Stirb, Tor!“. Oder gedeutet werden als Mère, die Mutter, deren Sohn einen Mord begeht.

Der Regisseur François Ozon lässt in seinem gleichnamigen Filmdrama „Der Fremde“ beide Deutungen des Namens zu.

Die Anfangsszenen des ganz in Schwarz-Weiß im 4:3-Format gefilmten Dramas zeigen, nachdem einige originalen Stadtansichten von Algier zu sehen sind, eine Gefängniszelle, deren Tür sich hinter Meursault schließt. Von einem Mitgefangenen auf Arabisch gefragt, welches Verbrechen er begangen habe, antwortet er: „Ich habe einen Araber getötet“.

Die Erzählstruktur des Films folgt der des Romans. Von der Gefängnisszene wechselt das Thema zum Alltag von Meursault , der ein Telegramm erhält, das ihn über den Tod seiner Mutter informiert. Die Beerdigung findet bereits am nächsten Tag statt und der Film folgt Meursault auf seiner Busreise in ein Altersheim, wo seine Mutter lebte. Die Luft ist staubig, die Sonne brennt unbarmherzig heiß und Meursault verschwindet nach der Beerdigung so schweigsam, wie er auch gekommen ist.

Meursault (Benjamin Voisin) fährt zur Beerdigung seiner Mutter.  
© Foz – Gaumont – France 2 Cinema, Foto: Carole Bethuel

Es war die Sonne

Meursault wirkt wie ein Mensch, der weder beruflichen Ehrgeiz besitzt noch irgendwelche Ambitionen hat. Er lässt alles geschehen. Auch als er kurz nach der Beerdigung seiner Mutter der jungen Marie (Rebecca Marder) begegnet, die er bereits flüchtig kennt. Sie beginnen eine Affaire und Marie möchte ihn heiraten.

Marie Cardona (Rebecca Marder) wünscht sich, dass Meursault (Benjamin Voisin) sie heiratet. © Foz – Gaumont – France 2 Cinema, Foto: Carole Bethuel

Sein Nachbar Raymond Sintès (Pierre Lottin) freundet sich in der Absicht mit Meursault an, er möge ihm bei einem Konflikt mit seiner Ex-Freundin behilflich sein. Sie ist Araberin und ihre Brüder bedrängen Sintès. Bei einem Ausflug ans Meer gemeinsam mit Marie treffen Meursault und Sintès erneut auf die Brüder. Die Situation eskaliert und es kommt zu einer Schlägerei.

DER FREMDE: Mersaults Nachbar Raymond Sintè (Pierre Lottin) ist in krumme Geschäfte involviert.  
© Foz – Gaumont – France 2 Cinema, Foto: Carole Bethuel

Nachdem Sintès Wunde versorgt ist, geht Meursault zurück zu der Stelle am Strand. Die Hitze ist stärker geworden und die Sonne lässt die Luft vibrieren. Meursault sieht den Araber, der auf dem Rücken liegt und verächtlich lächelt, noch einmal. Er ist alleine wie Meursault, der ihn mustert, doch plötzlich von der Sonne geblendet wird. Nur schwach sieht er das Aufblitzen eines Messers in der Hand des Arabers. Dann fällt ein Schuss.

Der Prozess

„Ich wollte lediglich sagen, dass der Held meines Buches verurteilt wird, weil er nicht mitspielt. In dieser Hinsicht ist er der Gesellschaft, in der er lebt, fremd; er wandert am Rande, in den Vororten eines privaten, einsamen, sinnlichen Lebens.“ Allbert Camus

Tatsächlich will Meursault nichts von den Vorschlägen seines Pflichtverteidigers wissen, der ihm dazu rät, bestimmte Wahrheiten nicht zu nennen oder zu lügen, um freigesprochen zu werden. „ich lüge nicht“, so seine Antwort. Meursault wird zum Tode verurteilt und in seiner Todeszelle scheint er von seinem konsequenten Lebensansatz abzuweichen. Sein gleichgültiges und teilnahmsloses Verhalten wird brüchig, als Marie ihn besucht, die immer noch überzeugt davon ist, dass das Gnadengesuch erfolgreich sein wird. Seine existentielle Not will ein Geistlicher auffangen, doch Meursault verliert die Beherrschung und erstmals seine gleichgültige Kontrolle.

Der Film wurde hauptsächlich in Frankreich und Marokko gedreht und besitzt daher eine hohe Authentizität. Die ganz in Schwarz-Weiß zu sehenden Szenen, langsame Kameraeinstellungen oftmals nur auf das Gesicht von Benjamin Voisin gerichtet, der meisterhaft Meursault verkörpert, lassen die Nüchternheit und Klarheit des philosophischen Ansatzes erkennen. Das Licht spielt dabei eine dramatische Rolle, die Sonne am Strand rückt die Tat in ein magisches und unwirkliches Licht . Beim Prozess dagegen zeichnet es eine klare, harte und realistische Welt.

Dem Regisseur gelingt es, den philosophischen Ansatz durch seine spezifische Filmsprache einen besonderen Rhythmus zu verleihen, indem er auf minimalistische Dialoge und Inszenierungen zurückgreift. Der dennoch sinnliche Film leitet die Zuschauer*innen durch ein Drama, das exemplarisch darstellt, wie das Fehlen von Sinnhaftigkeit und Liebe das Leben als absurd erscheinen lässt.

„Der Fremde“ ist ein herausragendes Meisterwerk, das insbesondere am Neujahrstag zum Nachdenken anregt und zugleich die Faszination des Genre-Films auf eindrucksvolle Weise illustriert, bedingt auch durch die fantastische Besetzung. Für Filmfans der richtige Start ins neue Jahr!

Kinostart: 01.01.2026 – Der Fremde – Regie: François Ozon

Besetzung: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Verleih: Weltkino Filmverleih

Titelbild: DER FREMDE: Meursault (Benjamin Voisin) und Marie (Rebecca Marder) begegnen sich an einem heißen Sommertag. © Foz – Gaumont – France 2 Cinema, Foto: Carole Bethuel

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

Artikel: 4215

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.