Deep Purple: TURNING TO CRIME

Manche haben es vielleicht vergessen. Aber die britischen Altrocker Deep Purple haben tatsächlich einmal als eine Coverband angefangen. Die ersten vier Singles stammten aus den Katalogen anderer. Von Joe South („Hush“) etwa und Neil Diamond („Kentucky Woman“) Oder den Beatles („Help“). Doch spätestens seit der sogenannten Mark II-Besetzung mit Ian Gillan und Roger Glover änderte sich das. Ab ihrem legendären Album „In Rock“ schrieben und spielten die Briten ihr eigenes Material. So betrachtet kehrt die Band mit ihrem neuen Album TURNING TO CRIME, das heute erschienen ist, zu ihren Anfängen zurück, weil es ausschließlich Coversongs enthält. Zwölf Rockklassiker von Bands wie Fleetwood Mac, Bob Dylan, Mitch Ryder & The Detroit Wheels, The Yardbirds, Bob Seger, Cream und anderen, von denen man nicht unbedingt annehmen würde, dass Deep Purple sie aufnehmen würden. Das ist, um den Albumtitel zu paraphrasieren, beileibe kein Verbrechen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn die Cover so überzeugend geraten sind wie hier.

Das übermütige „Dixie Chicken“ simuliert gekonnt die musikalische DNA von Little Feat. „White Room“ von Cream ist angemessen düster. Beim Stück „Watching The River Flow“ von Bob Dylan versetzt Aireys Barrelhouse-Klavier den Zuhörer geradewegs in einen verrauchten Saloon im Wilden Westen. „Caught In The Act“ ist glücklicherweise keine Neuauflage des gesamten Live-Doppelalbums von Styx aus dem Jahr 1984, sondern ein achtminütiges Medley aus Songs von Freddie King, Booker T. & the M.G.’s, den Allman Brothers und der Spencer Davis Group, das fast ganz ohne Gesang auskommt. Ach ja, und dann gibt es noch zwischendurch einen Hauch von „Dazed and Confused“. Deep Purple spielen Led Zeppelin? Wer hätte das gedacht?!  

Klanglich hat die Band ganze Arbeit geleistet, indem sie die Integrität der Originalsongs beibehalten und ihnen gleichzeitig einen Hauch des typischen Deep Purple-Sound hinzugefügt hat. Am deutlichsten zeigt sich das an Don Aireys kultigen Keyboards. Ian Gillians Gesang ist so wiedererkennbar wie eh und je und erstaunlich stark für eine Stimme, die vor über 50 Jahren „Child In Time“ sich in die höchsten Töne schrauben konnte und dennoch nicht gequält, sondern weiterhin druckvoll klang. Steve Morses Gitarrenspiel begeistert wie gewohnt, besonders seine Neuinterpretation des Solos beim Yardbirds-Stück „Shapes of Things“ hat es in sich. Und natürlich ist nicht zu vergessen der klassische Deep Purple-Groove, für den Drummer Ian Paice und Bassist Roger Glover sorgen.

Fazit: Der Rückgriff ausschließlich auf Coversongs mag der Lockdown-Situation geschuldet sein. Aber TURNING TO CRIME zeigt, dass auch 53 Jahre nach dem Debüt von Deep Purple im Jahr 1968 die Band es schafft, Musik aufzunehmen und herauszubringen, an der Rockfans mehrerer Generationen ihre helle Freude haben dürften.

Deep Purple
Album-Release:“Turning to Crime”
26.11.21
Label:earMUSIC / Vertrieb: Edel Germany
Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 307

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