Das gelbe Haus – Roman von Mieko Kawakami

Auch in Japan werden die Menschen von der Coronapandemie überrollt. Bisher ist Hana im Roman „Das gelbe Haus“ jedoch verschont geblieben. Wie jeden Morgen wirft sie einen Blick in die Tageszeitung – doch heute bleibt sie an einer Meldung hängen, die sie zum Nachdenken bringt. Es geht um Freiheitsberaubung und Misshandlung und um die mutmaßliche Täterin Kimiko Yoshikawa. Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Hana – inzwischen vierzig – diesen Namen zum letzten Mal ausgesprochen hat. Hanas Gedanken schweifen zurück in die Vergangenheit, wo vor ihrem geistigen Auge das Bild von Kimiko auftaucht – damals eine Art Ersatzmutter, die zwanzig Jahre älter war als sie.

Hana wuchs ohne ihren Vater auf, bei ihrer Mutter, die in Bars jobbte und immer wieder für kurze Zeit verschwand – ein Leben zwischen flackerndem Neonlicht und Einsamkeit. Wieder einmal ließ ihre Mutter sie allein in dieser schäbigen Wohnung zurück – und plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte Kimiko in ihrem Leben auf. Jetzt sitzt Hana da und grübelt, denn nicht alles, was sie einst mit Kimiko geteilt hat, war ganz legal. Kann sie nun durch Kimikos beginnenden Prozess ins Visier der Polizei geraten?

Lebhaft erinnert sie sich daran, wie sie sich lebendiger fühlte, als neben Kimiko auch die Farbe Gelb in ihr Leben trat und sie sich sicher war, dass nicht allein die Farbe ihr Glück bringen würde. Die Schule hatte sie mittlerweile abgebrochen, fleißig gearbeitet und gespart. Mit Kimiko übernimmt sie eine kleine Bar, die sie „Lemon“ taufen – und natürlich soll das sonnige Gelb auch hier Glück bringen!

Das Geschäft floriert und Hana erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben ein gewisses Maß an Freiheit und Sicherheit. Mit der Zeit lernen sie zwei weitere noch junge Frauen kennen, die ähnlich wie Hana am Rande der Gesellschaft leben. Sie mieten ein Haus und nun arbeiten sie nicht nur zusammen, sondern leben unter einem Dach. Als das „Lemon“ plötzlich in Flammen steht und lichterloh abbrennt, ist ihr bisheriges Leben auf einen Schlag dahin.

Zunächst ist besonders Hana deprimiert und sieht kaum Hoffnung für einen Neuanfang. Ihre Mutter meldet sich zurück, hat Schulden und ist an Krebs erkrankt. Mit schwerem Herzen übergibt Hana all ihre Ersparnisse und sieht, wie die Chance, ein neues Lemon zu eröffnen, langsam verblasst. Doch sie richtet sich auf und begegnet einer Frau, die auf abenteuerliche Weise ihren Lebensunterhalt durch zwielichtige Geschäfte bestreitet. So taucht Hana immer tiefer in eine dunkle, kriminelle Parallelwelt ein, aus der es scheinbar kein Entkommen mehr gibt.

In einer schnörkellosen Sprache, aber mit psychologischem Gespür erzählt die Schriftstellerin MIEKO KAWAKAMI in ihrem Roman „Das gelbe Haus“ behutsam das Leben einer Frau in der Einsamkeit einer japanischen Großstadt, die Familienzugehörigkeit vermissen muss und darum auf der Suche nach Sicherheit ist, die scheinbar nur im Geld zu finden ist. Dabei bringt ihr die zusammengewürfelte Zweckfamilie Gefühle der Geborgenheit und Zuversicht. Doch ihrem Milieu kann sie trotz Fleiß und Hartnäckigkeit nicht entrinnen. Ihre Menschenwürde verliert sie dennoch nicht. Ein mitreißender Gegenwartsroman, der die Wirklichkeit klar beschreibt und das, was fehlt, spürbar macht. Ein Must-have-Read!

Das gelbe Haus – Roman von Mieko Kawakami

Übersetzung: Katja Busson

Seiten: 528
Erscheinungstag: 12.08.2025
ISBN: 978-3-8321-6834-6
Gebunden mit Schutzumschlag, Glanzlack und Lesebändchen
Verlag: Dumont

Lesereise: 18.09.2025 Berlin | 20.09.2025 Hamburg

MIEKO KAWAKAMI, geboren in Osaka, ist die Autorin des internationalen Bestsellerromans ›Brüste und Eier‹ (DuMont 2020), der von der New York Times zu einem der bemerkenswertesten Bücher des Jahres gekürt und vom Time Magazine unter die besten zehn Bücher 2020 gewählt wurde. 2006 debütierte Kawakami als Lyrikerin und veröffentlichte im Folgejahr ihren ersten Roman ›My Ego, My Teeth, and the World‹. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Akutagawa-Preis und der Tanizaki-Preis. Mit ›Heaven‹ (DuMont 2021) schaffte sie es auf die Shortlist des International Booker Prize. Sie lebt in Tokio.

Ingrid
Ingrid

Kunst und Kultur, Musik und Bücher, ohne sie ist ein Leben denkbar, aber für mich sinnlos. Darum habe ich diesen Blog ins Leben gerufen. Es macht viel Spaß, ihn zu gestalten - ich hoffe, den Usern, ihn zu lesen.
Nicht alles, was gedruckt wird, muss gelesen, nicht jedes Album gehört werden. Was die User hier finden, gefällt mir und den Gastautoren, die ab und zu Lust haben, etwas zu schreiben.

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