Colin Stetson: SORROW a reimagination of Gorecki’s 3rd Symphony

In den vergangenen fünf Jahren hat sich der kanadische Saxofonist Colin Stetson von einem bei bekannten Bands (Arcade Fire, Bon Iver, TV on the Radio, Feist) gern gesehenen Gastmusiker zu einem viel beachteten eigenständigen Künstler entwickelt. Sein Album „2011’s New History Warfare Vol. 2: Judges“ wurde gar für den höchsten kanadischen Musikpreis POLARIS nominiert. Auch seine gemeinsame Arbeit mit Sarah Neufeld aus dem Jahre 2015, „Never Were the Way She Was“, erhielt von der Fachkritik großes Lob. Seit Jahren begeistert der 39jährige Jazzer sein Publikum mit Auftritten, die eine Mischung aus großer physischer Ausdauer und exzellentem musikalischen Können darstellen, und bei denen er sein Saxofon schier endlos arpeggieren lässt.

Mit seinem neuen, am 8. April 2016 veröffentlichten Werk „SORROW – A Reimagining of Gorecki’s 3rd Symphony“ stellt der Kanadier jetzt einerseits sein wohl bislang ambitioniertes Projekt vor. Andererseits drohen schon die schiere Größe und Bedeutung von SORROW die Virtuosität des Kanadiers in den Schatten zu stellen, indem sie ihm das nehmen, was seine Musik bislang so faszinierend gemacht hat: den Sound eines Musikers, der es kraft einer ausgefeilten Zirkularatmungstechnik schafft, sein Instrument wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen. Wenngleich sein Saxofon durchaus deutliche Akzente setzt, tritt Stetson auf SORROW zurück und ist einer von mehreren musikalischen Kollaborateuren.

Die „Klagelieder“ des 2010 verstorbenen polnischen Komponisten sind eine einfache wie eindringliche Meditation über Verlust und Tod, in die ein Marienlied aus dem 15. Jahrhundert, ein in die Wände eines Gestapo-Kerkers eingeritztes Gebet eines jüdischen Mädchens und das Lamento einer Mutter über ihren in den schlesischen Aufständen getöteten Sohn dicht verwoben sind. Stetson behält die Notation des aus drei Sätzen bestehenden Werkes bei, nimmt aber an der Orchestrierung erhebliche Änderungen vor. Während das ursprüngliche Werk für ein 60-köpfiges Orchester geschrieben war, besteht Stetsons Ensemble aus zwölf exzellenten Avantgarde-Musikern, unter ihnen Sarah Neufeld (Violine; Arcade Fire; Bell Orchestra), Rebecca Foon (Cello; Saltland; Esmerine), Gyða Valtýsdóttir (Cello) Greg Fox (Schlagzeug; Lithurgy), Greg McMurray (Gitarre; John Cale; John Scott Heron) und nicht zuletzt die Mezzo-Sopranistin Megan Stetson, seine Schwester.

Das Ergebnis ist schlicht beeindruckend. Stetsons Version ist im Vergleich zum Original tonal um einiges düsterer gehalten, kombiniert Elemente der modernen Klassik mit treibenden Black-Metal-Klängen, rhythmischen Stammesklängen und elektronischen Klanggewittern. Das Grummeln seines mannshohen Baritonsaxofons legt dabei die Grundlagen für eine bedrohliche Kakophonie der Klänge aus Violine, Celli, elektrischen Gitarren, Schlagzeug, Synthesizern, Holzinstrumenten und Mezzo-Soprangesang. Stetons SORROW bewegt sich durch baltische Walzer, ergreifende Lamenti, Reprisen und subtil übereinander getürmte instrumentale Schichten, die an- und abschwellen und sich zu einem gewaltigen, wütenden Wall of Sound aufbauen.

Fazit: Mit SORROW gelingt Colin Stetson eine radikale,  kraftvolle und ausdrucksstarke Neuinterpretation eines der weltweit am meisten verkauften Stücke zeitgenössischer klassischer Musik, die den Spagat zwischen Klassik, Black Metal und elektronischer Musik schafft. Diese Musik ist gewiss nicht leicht zugänglich und wird womöglich manchen nicht gefallen, die Colin Stetson, den Solisten, lieben. Auch mag die Behauptung, Stetsons Version sei eine Verbesserung des schönen, opulenten Originals, ein wenig weit hergeholt erscheinen. Doch darauf kommt es gar nicht an. Stetsons „Reimagination“ der „Klagelieder“ Góreckis transzendiert die Themen Verlust und Trauer angesichts von Terror, Genozid und der humanitären Katastrophe der Flüchtlingskrise in einen neuen musikästhetischen Kontext und macht menschliches Leid in einem veränderten Klangraum hörbar.

Colin Stetson
Sorrow – A Reimagining Of Gorecki’s 3rd Symphony

Label: 52Hz
Vertrieb: Indigo
VÖ: 08.04.2016
Foto Brantley Gutierrez

Standardbild
Hans Kaltwasser
Artikel: 375

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