Closing Time – Tom Waits Meisterwerk in Moll

Von Tom Waits heißt es, keiner habe Amerika so charmant entzaubert wie er. Sein Markenzeichen ist seine knurrende, fistelnde und manchmal einfach wunderbare Stimme, mit der von Verlierern und gesellschaftlichen Außenseitern singt. Von Säufern, Huren und Bardamen, die das Herz am richtigen Fleck haben, von Marktschreiern, Kleinkriminellen und abgefuckten Entertainern. CLOSING TIME war Waits Debütalbum. Heute vor 50 Jahren ist es beim US-Label Asylum Records erschienen. Produziert wurde es von Jerry Yester.

In den USA war das Album ein mäßiger Erfolg, in Deutschland und international schaffte es weder den Sprung in die Charts, noch fand es größere Beachtung in der Presse. Dennoch wurde CLOSING TIME von der Fachkritik gelobt und gilt heute manchen gar vor allem Jazz-Fans, als eines der besten Alben des kauzigen Barden.

Obwohl CLOSING TIME bei seinem Erscheinen als ein im Folk verwurzeltes Album rezipiert wurde, war es von Waits als Jazz-Album mit Klavierbegleitung gedacht. Dass manche Songs in Richtung Folk tendierten, mag wohl an Yesters musikalischer DNA gelegen haben, der Mitglied der US-Folkgruppe Lovin‘ Spoonful gewesen war. Hinzu kommt, dass Asylum Records damals die Eagles herausbrachte. Denkbar ist, dass Waits und Yester angesichts des kommerziellen Erfolgs der Eagles zu einer eher folkigen Ausrichtung gedrängt wurden. Tatsächlich wurde das erste Stück des Albums „Ol‘ 55“ kurz darauf erfolgreich von den Eagles gecovert, was dem Song zu einer breiteren Aufmerksamkeit verhalf.

Bekannte Songs „Martha“ und „I Hope That I Don’t Fall In Love With You“

Zu den bekanntesten Titeln des Albums gehören außerdem „Martha“ und „I Hope That I Don’t Fall In Love With You“. Letzterer ist ein von Akustikgitarren getragener Folksong, während Ersterer wohl eher dem entspricht, was Waits wohl ursprünglich für das gesamte Album im Sinn hatte, nämlich eine vom Klavier begleitete Ballade.

Demgegenüber ist „San Diego Serenade“ ein langsamer Walzer, gewissermaßen der perfekte Kontrapunkt zu „New Coat Of Paint“. 

CLOSING TIME mag sich schlecht verkauft haben. Dennoch ist es bis heute ein beachtliches Debüt, das die Ankunft eines der neben Dylan und Springsteen talentiertesten Songwriter ankündigt, der sich durch sein Selbstbewusstsein, seine Ironie und Melancholie von fast allen seiner Kollegen abhebt und sich nur schwer in eine Schublade stecken lässt.  

Standardbild
Hans Kaltwasser
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