Slawistik – Ende der achtziger Jahre tauchte eine Gruppe junger Frauen in dieses seltene, aber breit gefächerte Fach ein. Sie lesen Dostojewski, Anna Achmatowa, trinken Wodka und lernen über Reisen durch die Sowjetunion das Land kennen, das im Begriff ist, sich unter Michail Gorbatschow zu verändern. Glasnost und Perestroika sollen die UdSSR reformieren und nach westlichem Vorbild gestalten. Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Insbesondere auch Deutschland erhofft sich eine Wende.
Drei Freundinnen und die Autorin, Journalistin und Osteuropa-Expertin Christiane Hoffmann, die als Studentin neugierig auf das Land ist und in Leningrad für einige Monate studiert, erfährt dort Ende der 80er Jahre, wie es ist, in Russland zu leben. Telefonkontakte nach Deutschland sind schwierig, und Informationen zu bekommen auch. Sie wird zumeist als aus dem Westen kommend erkannt, auch als sie sowjetische Kleidung trägt. Steht in der Schlange vor den Läden und lernt Kommilitoninnen kennen, die Russland lieben.
Die Autorin stolpert beim Besuch eines estnischen Ehepaars im Vorort von Tartu, quasi am Ende der Welt, über die Nachricht vom Mauerfall in Berlin. Ihre liebste Freundin aus der Gruppe der jungen Slawistik-Studentinnen ist derweil in Hamburg und bereut, nicht nach Berlin gefahren zu sein.
Jahrzehnte später nimmt sich diese Freundin, verheiratet mit einem russischen Künstler und eine angesehene, erfolgreiche Universitätsgelehrte, das Leben. Es ist der 24. Februar 2022, an dem Russland die Ukraine angreift und Christiane Hoffmann die schreckliche Nachricht vom Tod durch Suizid ihrer engsten Freundin erhält. Zwei Welten, die einstürzen – eine, die für viele, insbesondere für die Ukrainer*innen, erschütternd ist. Und eine andere, ebenso tragisch, die eine langandauernde herzliche Freundschaft beendet.
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen außer dem zeitlichen. Doch beide Ereignisse werfen die Frage auf:
Hätte man es verhindern können? Den Tod der Freundin, aber auch den Krieg gegen die Ukraine und die Selbstzerstörung Russlands? Gab es genug Hinweise, die ein frühes Eingreifen oder ein anderes Verhalten der Menschen rund um die Freundin und auf der anderen Seite der politisch Verantwortlichen im Prozess zwischen dem Westen, Russland und der Ukraine nötig machten?
Die Autorin beginnt eine präzise, sehr feinfühlige Suche nach den Ursachen. Blickt zurück auf ihre Freundschaft und die Zeit, die sie miteinander verbringen konnten, und auf die, die sie trennte. In denen die Autorin jedoch oftmals hautnah die deutsch-russisch-ukrainischen Beziehungen erlebte. Dadurch erhält die gelebte Geschichte eine noch persönlichere Note und Anschauung durch die Autorin.
Auf den zwei Seiten dieser Erzählungen, die durch Zufall verbunden sind, gibt es Raum für Zweifel und Trauer.
Fragen sind nicht immer eindeutig zu beantworten, jedoch werden sie durch die Unterstützung und Berichte von Freund*innen und Angehörigen sowie durch medizinische Diagnosen entlastet.
Wie gestaltet sich die Situation auf der anderen Seite der Erzählung? Inwieweit hatten mangelnde Aufmerksamkeit, fehlendes Wissen und Ignoranz der politischen Akteure zum Beispiel beim Kurs der Annäherung an den Westen, etwa durch Beitrittsperspektiven der Ukraine und Georgien auf dem Nato-Gipfel 2008, im Vorfeld bereits Einfluss auf den Ukrainekrieg?
Der Blick der Autorin auf diese Zeit und politische Ereignisse, die Debatten und Krisen, ist zwar auch persönlich, darüber hinaus jedoch der einer exzellenten Journalistin. Deshalb erhalten sie in diesem Buch einen besonderen Stellenwert und gewinnen zudem über persönliche Betroffenheit an emotionaler Tiefe, die verbindet und nicht trennt.
Ein sowohl persönliches als auch politisches Werk, das politische und gesellschaftliche Ereignisse in Erinnerung ruft, bisher der Öffentlichkeit unbekannte Fakten benennt und einen Trauerprozess beschreibt. „Die Träume, die wir hatten“, ist ein Buch, das sich unbedingt zu lesen lohnt und den Horizont der Leser*innen erweitert.
Die Träume, die wir hatten
Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich.
Autorin: Christiane Hoffmann
Verlag: C.H. BECK | ISBN: 978-3-406-84378-5
Christiane Hoffmann ist Autorin, Journalistin und Osteuropa-Expertin. Nach dem Studium der Slawistik, osteuropäischen Geschichte und Journalistik in Freiburg, Leningrad und Hamburg arbeitete sie fast 20 Jahre für die FAZ, unter anderem als Auslandskorrespondentin in Moskau und Teheran. Anfang 2013 wechselte sie in die Leitung des Spiegel-Hauptstadtbüro. Sie war zudem häufig Gast in Rundfunk und Fernsehen, bevor sie unter der Ampelkoalition Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung wurde.
Quelle: C.H. Beck







