Christian Petzold: MIROIRS NO. 3

Erinnerung, Trauer, Verlust, Lebenskrisen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Filme von Christian Petzold. Auch sein neuer Film MIROIRS NO. 3, dessen Titel auf ein Klavierstück von Maurice Ravel anspielt, handelt von einer Krise und geschädigten Menschen, die nach einem Trauma wieder zu sich selbst zu finden.   

MIROIRS No 3 by Christian Petzold
with Paula Beer, Barbara Auer Matthias Brandt und Enno Trebs

Photo by Christian Schulz/ Schrammfilm

Paula Beer spielt Laura, eine junge aufstrebende Klavierstudentin in Berlin, die zu Beginn des Films an einer nicht näher bezeichneten emotionalen Belastung leidet. Sie scheint niemandem sagen zu können, was sie plagt, am wenigsten ihrem gut aussehenden, ungeduldigen Freund Jakob, der gemeinsam mit ihr und einem befreundeten Paar zu einem Segelwochenende fahren möchte. Auf halbem Wege überlegt es sich Laura jedoch anders und drängt Jakob, sie zum Bahnhof zurückzufahren.

Jakob willigt missmutig ein. Doch ihre gereizte Autofahrt endet jäh in einem schrecklichen, nicht dargestellten Unfall, bei dem Jakob getötet wird, während Laura ihn wundersamerweise nur leicht verletzt überlebt. Betty (Barbara Auer), eine Frau mittleren Alters, die Zeugin des Unfalls wurde, rettet sie aus dem Wrack und nimmt sie mit in ihr unscheinbares, aber gemütliches Haus. Dort gefällt es Laura, die von dem Unfall emotional schwer erschüttert, aber vom Verlust ihres Freundes offensichtlich unbeeindruckt ist. Sie bittet deshalb, auf unbestimmte Zeit bleiben zu dürfen. Betty ist überrascht, willigt aber ohne zu zögern ein.

Man fragt sich, warum sie eine verwirrte Fremde einlädt, sich unter ihre Fittiche zu begeben. Hinter dem scheinbar irrationalen Verhalten der beiden Frauen stecken düstere menschliche Beweggründe, denen wir erst nach und nach auf die Spur kommen.

Allmählich bauen die beiden Frauen eine Bindung auf, machen vieles zusammen; kochen, putzen, streichen den Gartenzaun an, fahren Fahrrad. Laura lernt das ruhige, beschauliche Leben auf dem Land zu schätzen und zeigt wenig Neigung, in das hektische Stadtleben in Berlin zurückzukehren. Und auch Bettys anfänglich schroffer Ehemann Richard (Matthias Brandt) und ihr erwachsener Sohn Max (Enno Trebs), von denen sie getrennt lebt, heißen sie nach anfänglicher Zurückhaltung und Skepsis willkommen.

Richard (Matthias Brandt) und Sohn Max (Enno Trebs), Laura ( Paula Beer) und Betty (Barbara Auer)

Lauras gelassene Anwesenheit im Haus wirkt wie ein heilender Katalysator. Richard und Max werden wieder zu regelmäßigen Besuchern. Bettys anfangs unübersehbare Traurigkeit schwindet. Und die zerbrochenen Dinge im Leben der Familie – ein tropfender Wasserhahn, ein Geschirrspüler, ein verstimmtes Klavier, ein Fahrrad, selbst die Ehe von Betty und Richard – werden nach und nach repariert.

Doch die scheinbar harmonische Oase der vier steht auf wackligen Beinen. Im Laufe der Zeit entdeckt Laura, dass die Familie nicht die ist, die sie zu sein vorgibt. Und so beginnt sie, die Beweggründe von Betty, Richard und Max zu hinterfragen. Schließlich sieht sich Max gezwungen, Laura eine schmerzliche Wahrheit zu offenbaren.

MIROIRS NO. 3, ,ist ein tiefsinniges Psychodrama über familiäre Brüche, Verdrängung, fluide Identitäten und die schwierigen Wege, auf denen Menschen aus einer Lebenskrise herausfinden. Zudem profitiert der Film von einer fantastischen Besetzung, allen voran Paula Beer in der Rolle der selbstbeherrschten, aber innerlich aufgewühlten Laura. Ihre magnetische Anziehungskraft und die Andeutung eines komplizierten Innenlebens machen die Figur zu einer faszinierenden, sphinxhaften Unbekannten, auf die andere ihre Bedürfnisse projizieren.

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
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