Camille Bertault & David Helbock: Playground 

Der österreichische Pianist David Helbock und die französische Sängerin Camille Bertault sind beide auf ihre eigene Art und Weise wohl bekannt. Der mehrfache Preisträger David Helbock gehört einer Generation von Jazzmusikern an, die sich in keine Genreschublade sperren lassen, das Verständnis von Komposition und Improvisation neu ausloten und dabei ihren eigenen Stil finden. Camille Bertault hat vor ihrem Jazzstudium eine klassische Klavierausbildung abgeschlossen und ist Frankreichs aufstrebender Star des Vokaljazz. Ihre Vocalese-Version zu John Coltrane „Giant Steps zählt in der Jazzszene zu den All-Time-Video-Hits auf Youtube.

Seit 2019 arbeiten Bertault und Helbock zusammen. PLAYGROUND ist ihr erstes Album. Es umfasst zwölf Stücke voller Emotionalität und großer Spielfreude. Sieben davon sind Eigenkompositionen, von denen vier aus der Feder von Helbock stammen, drei steuerte Bertault bei. Die restlichen fünf sind großartige Coverversionen, die ein breites musikalisches Spektrum von Hermeto Pascoal über Björk bis Thelonious Monk abdecken. 

Seine Liebe für brasilianische Musik offenbaren Helbock und Bertault gleich mit dem Opener „Frevo“, einer Komposition des brasilianischen Komponisten und Multiinstrumentalisten Egberto Gismonti. Die Version des österreichisch-französischen Duos sprudelt förmlich vor Verspieltheit und Präzision. Die Melodie ist komplex, Bertault singt sie zart, geschmeidig und in großem Tempo. An einer Stelle erhebt sich ihre Stimme zu ungeahnten Höhen und bleibt dabei glasklar – Bertaults Vokalartistik bewahrt auch hier mühelos die Kontrolle, glänzt aber auch durch eine ordentliche Portion Jazz-Feeling. Helbock hat dazu präparierte Pianoklänge geloopt, die Grooves nehmen etwas von der Rock-Energie des Originals auf.

„Good Morning Heartache“ ist dagegen eine betörende, sanfte Jazzballade. Mit intimer und leichtem Knistern in den tieferen Lagen singt Bertault von Kummer und Leid als ihren einzigen Begleitern, seit ihr Liebhaber sie verlassen hat. Viele bekannte Jazzsängerinnen haben diesen großartigen Song aufgenommen, unter ihnen Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Durch seinen französischen Text erhält er hier eine besondere Note.

Helbocks Komposition „Lonely Supamen“ ist dagegen ein bluesig angehauchter Song mit höchst unterhaltsamen cartoonartigen Gesangsklängen, bei denen Bertaults Ausbildung als Schauspielerin zur Geltung kommt. Das groovige präparierte Klavier verleiht dem Song einen ausgesprochen perkussiven Charakter.

Das Stück „Etude in C-sharp minor, Op. 2, No 1“ wiederum ist eine spannende Exkursion in die gleichnamige klassische Komposition des russischen Komponisten Alexander Nikolajewitsch Skrjabin, dessen dunkle melodische Stimmung durch die wortlose Gesangslinie aufgelockert wird. Helbocks präpariertes Piano hat einen trockenen Ton, der einen wunderbaren Kontrast zu Bertaults klarer Stimme bildet.

Das chansonartige „Aide-moi“ gefällt mit seinen fesselnden Reimen voller skurriler, surrealer Bilder – der Wunsch nach einer Flucht in eine Welt der Freiheit und des Lachens spiegelt sich in der übermütigen Stimmung des Liedes wider. Das stark rhythmische Klavier passt gut zur Zartheit des Gesangs – beide ergänzen sich perfekt, während sie frei miteinander improvisieren.

Björks „New World“ sucht mit Gesangsschichten und perkussiven Klängen die Nähe zum Original der isländischen Musikerin und Komponistin.

Helbocks düsteres Stück „Das Fabelwesen“ ist voller grüblerischer Intensität, während der englische Text untermalt von Halbtönen auf dem Klavier von der Liebe träumt.

In „Dans moi boite“ gibt Bertault ihrer Stimme eine fast kindliche Färbung. Die besagte Schachtel enthält eine fantasievolle imaginäre Welt, in der Träume weder Kopf noch Zahl haben und Steine und Teekannen besungen werden. 

Und Monks großartiges „Ask Me Now“ wird hier mit einer Spieluhr eröffnet, die langsamen Schritten und glitzernden Clustern weicht, während sich die Falsett-Stimme perfekt auf die hohen Töne zubewegt.

Angesichts des hohen musikalischen Niveaus aller Stücke fällt die Auswahl von Favoriten ausgesprochen schwer. Das Album PLAYGROUND ist eine ausgezeichnete, breit gefächerte Sammlung klangvoller Pretiosen, ein wahrer Spielplatz, auf dem das Duo Bertault & Helbock seine außergewöhnliche Musikalität und große Lust am Experimentieren gepaart mit einem Sinn für Humor lebt.

Das Album PLAYGROUND ist am 27. Mai beim Label ACT erschienen

Foto: Camille Bertault & David Helbock © ACT / Joanna Wizmur

Standardbild
Hans Kaltwasser
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