Vor 100 Jahren – James Joyces‘ ULYSSES

Vor etwa 2700 Jahren entstand ein Gedicht, das wir als „Odyssee“ kennen und als dessen Verfasser der Grieche Homer angenommen wird. Es spielt in der Zeit nach dem Trojanischen Krieg, der vier oder fünf Jahrhunderte zuvor stattgefunden hatte, und erzählt von der wechselvollen Heimkehr des griechischen Königs Odysseus. Die Entfernung zwischen Troja und seinem Inselreich Ithaka beträgt etwa nur 565 Seemeilen. Dennoch braucht der Held für die Reise zehn Jahre. Doch die Mühe lohnt sich. Denn auf Odysseus wartet seine treue und einfallsreiche Frau Penelope, die sich immer etwas einfallen lassen muss, um sich die vielen Freier, von denen sie bedrängt wird, vom Hals zu halten und die ihr weismachen wollen, dass Odysseus längst tot ist.

PARALLELEN ZUR ANTIKEN VORLAGE

Springen wir aus der Vergangenheit ins Jahr 1914 in die irische Stadt Dublin. Hier arbeitet der mäßig erfolgreiche Schriftsteller James Joyce, den als Kind die homerische Odyssee in der Prosa-Fassung von Charles Lamb begeistert hatte, hart daran, eine Irrfahrt eigener Art durch die Stadt zu erzählen, die nicht zehn Jahre, sondern nur einen einzigen Tag dauern wird. Die Rolle des antiken Telemach, des Sohns des Odysseus, spielt im Roman ein unzufriedener Teilzeitlehrer und Möchtegern-Künstler namens Stephen Dedalus, dessen Name an eine andere antike griechische Geschichte erinnert. Und Odysseus ist in Joyces‘ Version kein listiger und reicher König, sondern ein verarmter jüdischer Einwanderer und Anzeigenverkäufer namens Leopold Bloom. Dessen Frau Molly ist auch keine treue Penelope. Und wenn sie am Ende des Buches lustvoll im Schlaf stöhnt „Ja, ich will“, dann denkt sie nicht an ihren Mann, sondern hat einen anderen im Sinn.    

WAS GESCHIEHT IN ULYSSES?

Der Roman erstreckt sich über 19 Stunden und schildert die Begegnungen und Beziehungen der beiden Protagonisten Stephen Dedalus und Leopold Bloom, während sie ihrem täglichen Leben nachgehen. Stephen beginnt seinen Tag im Martello Tower in Sandycove. Er frühstückt mit seinem Mitbewohner, unterrichtet eine Klasse, unterhält sich mit anderen Intellektuellen, betrinkt sich, besucht ein Bordell und wird zusammengeschlagen, weil er mit einem britischen Soldaten ein zu lockeres Wort gewechselt hat. Stephen wird auch von dem kürzlichen Tod seiner Mutter heimgesucht. Beten für sie wollte er nicht, weil er die Religion ablehnt.

Wir lernen Leopold Bloom erst im vierten Buch des Romans kennen, als er sich gerade auf die Reise begibt, um nicht zu Hause zu sein, wenn Mollys Liebhaber kommt. In einer Episode nach der anderen, die an Homers Odyssee erinnert, geht Bloom zur Post, besucht eine Beerdigung, gibt versehentlich einen Tipp auf ein Rennpferd ab und überlebt eine hässliche Begegnung in einer Bar mit einem antisemitischen Nationalisten, geht bei Sonnenuntergang für eine Stunde an den Strand, besucht eine Entbindungsklinik, in der eine Freundin in den Wehen liegt. Schließlich trifft Bloom auf Stephen, was zu einem alkoholgetränkten Besuch in einem Bordell führt, bevor die beiden zu Blooms Haus und dem unverhohlenen Beweis von Mollys Ehebruch stolpern. 

WARUM WURDE ULYSSES VERBOTEN?

 James Joyce hatte sein Buch selbst als eine „spaßhaft-geschwätzige, allumfassende Chronik mit vielfältigsten Material“ charakterisiert. Die New Yorker Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters sah das 1920 anders und verdammte ihn als „obszön, unzüchtig, lasziv, nichtswürdig, anstößig und widerlich“. Die Zensoren führten eine jahrelange Kampagne gegen das Werk und seinen Autor. Kopien wurden regelmäßig aus dem Verkehr gezogen und verbrannt. In Irland wurde Joyce des Verrats beschuldigt, weil er gegen die irisch-katholische Kirche in den Krieg gezogen war und sich von seinem eigenen Volk abgewandt hatte. Zahlreiche Szenen und Wörter galten als obszön und blasphemisch.

WAS WOLLTE JAMES JOYCE MIT SEINEN ROMAN BEZWECKEN?

Dass ULYSSES 1922 in Paris von der englischen Buchhändlerin Sylvia Beach herausgebracht wurde, war also für seine damalige Zeit schon ziemlich gewagt: Ehebruch, Selbstbefriedigung und andere Themen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, standen im Vordergrund. Doch Joyce hatte größere Ambitionen: Mit seinem wortgewaltigen Bericht über die Ereignisse des 16. Juni 1904, der heute als „Bloomsday“ gefeiert wird, wollte der irische Romancier gleichsam einen homerischen Katalog von Dingen und Orten erstellen, der so umfassend sein sollte, dass, so Joyce, wenn Dublin wie Troja zerstör würde, Archäologen es dereinst anhand seines Buches rekonstruieren könnten. Wir wissen nicht genau, wie der Palast des Odysseus aussah, aber wir kennen jedes Möbelstück, jedes Bild in Blooms‘ Haus; jedes Detail der Dubliner Straßen, der Kneipen der Stadt, der Orte, an denen die Menschen lebten und arbeiteten.

Acht lange Jahre arbeitete Joyce an ULYSSES und bemerkte ironisch, er habe erwartet, dass der geneigte Leser ebenso lange brauchen würde, um es zu lesen. Heute vor 100 Jahren, am 2. Februar 1922, wurde der Roman veröffentlich. Bis er frei zugänglich war, dauerte es indessen elf weitere Jahre, da er wegen Obszönität in vielen Ländern verboten war. Als Klassiker gepriesen wurde es in der literarischen Welt schon bald nach seiner Veröffentlichung. An dieser Wertschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Und so ist ULYSSES auch 100 Jahre nach seiner Geburt noch immer aktuell.   

Bei Suhrkamp ist eine Jubiläumsausgabe von ULYSSES erschienen

Hans Kaltwasser
Hans Kaltwasser
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