50 Jahre YES-Album CLOSE TO THE EDGE

Der in den frühen 1970er-Jahre entstandene Progressive Rock spaltete die Musikwelt von Anfang an. Die einen spotteten über die schier endlos mäandernden Dudelrocksongs, in denen Elfen, Zeitreisen und andere esoterische Dinge besungen werden. Die anderen liebten die kühne Experimentierfreude und kraftvolle Virtuosität dieser Musik. Neben Pink Floyd, Genesis und King Crimson zählte vor allem die britische Band Yes zu den Aushängeschildern des Genres. Heute vor 50 Jahren veröffentlichten die Briten ihr fünftes Studioalbum CLOSE TO THE EDGE, das weithin kommerziell und künstlerisch als ihr größter Wurf gilt.   

Vielfältige musikalische Einflüsse

Die Musik von Yes ist intensiv, aggressiv und dann wiederum im abrupten Wechsel melodisch. Einflüsse aus Jazz, Folk und Country werden mit kühnen Explorationen an Keyboard und Synthesizern, wildem Art-Boogie-Gitarrengeschredder und einem pumpenden Bass gemischt, der lauter ist als der der meisten späteren Metal-Bands. Hinzu kommt ein wuchtiges, komplexes Schlagzeugspiel und vor allem Jon Andersons einzigartiger Gesang mit seinem hohen Wiedererkennungswert in den oberen Stimmlagen.

Erfolg erst nach drei Alben

Die im Sommer 1968 gegründete Band um Chris Squire und Jon Anderson machte sich in der Londoner Clubszene schnell einen Namen. Nach einem glänzenden Auftritt als Eröffnungsband für das Abschiedskonzert von Cream in der Royal Albert Hall wurde sie auch weit über die Metropole hinaus bekannt. Die ersten beiden Alben waren nur mäßig erfolgreich, so dass ihr Label die Vertragskündigung erwog. Ihren eigenen Sound entwickelte die Band erst auf ihrem dritten, schlicht „The Yes Album“ betitelten Werk. Der Durchbruch kam mit ihrem vierten Album „Fragile“, das auch die Klassiker „Long Distance Runaround“, „The Fish“, „Heart Of The Sunrise“ und vor allem „Roundabout“ enthielt.

Literarisch inspiriertes, vielschichtiges Werk

Mit CLOSE TO THE EDGE, das vielfach als Höhepunkt ihrer Karriere und als das beste Progressive-Rock-Album aller Zeiten gilt, ging die Band musikalisch und künstlerisch weiter als jemals zuvor. Mit nur drei mehrteilig aufgebauten Songs, dem fast 19-minütigen, von Hermann Hesses Roman „Siddhartha“ inspirierten Titeltrack, dem zehnminütigen „And You and I“ und dem knapp neun Minuten dauernden „Siberian Khatru“ bot das damalige LP-Format keinen Platz für Filler-Songs. „No Fillers, just killers“, wie es in der Branche heißt. Alles ist hier notwendig für das große Ganze.

Vor allem das titelgebende Stück „Close To The Edge“ zeigt so ziemlich alles, wozu die Band damals fähig war. Die in vier Sätzen unterteilte Suite beginnt mit Naturgeräuschen wie fließendem Wasser und Vogelgezwitscher, die jäh durch eine wütende, giftige Gitarre unterbrochen werden. Hinter den schrillen Klängen der Gitarre baut die mächtig jammende Band eine wüste kakofonische Passage auf, die Anderson hin und wieder mit ein paar unverständlichen Silben unterbricht. Der eigentliche Liedtext setzt erst nach rund vier Minuten ein. Eine zweite Gesangslinie setzt einen Kontrapunkt, bevor Rick Wakeman mit einem gewaltigen Orgelsolo die Struktur des Songs praktisch platt macht und die Band zwingt, sich für die letzten fünf Minuten neu zu formieren.

Auch die beiden übrigen, ebenfalls mehrteiligen Stücke festigten den Ruf der Band als einer der besten Repräsentanten des Progressive Rock. Das mit einem schneidenden Gitarrenriff eröffnende rockige „Siberian Khatru“ besticht mit seinen komplexen chorischen Gesangsharmonien, Rick Wakemans Cembalo aus dem Off und Howes elektrisch verstärktem Sitar-Auftritt. Dazu überrascht Chris Squire mit Bass-Grooves, die irgendwo zwischen Funk und Metal angesiedelt sind. Das aus vier Sätzen bestehende sanftere Proteststück „And You And I“ mit seinen vierstimmigen, sublimen Gesangsharmonien und virtuoser Musikalität gefällt unmittelbar.

CLOSE TO THE EDGE war ein Riesenerfolg und wurde millionenfach verkauft. Auch fünf Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des Albums gelten Yes immer noch als hip. Zu ihren prominentesten Verehrern zählen der US-Rapper Kanye West und die Aphex Twins. Mode- und Musiktrends kamen und gingen. Aber Yes haben überlebt, auch wenn es die großartige Band, die dieses exzellente  Album eingespielt hat, längst nicht mehr gibt.

Titelfoto: RickDikeman – Wikipedia

Standardbild
Hans Kaltwasser
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