Wolfgang Niedecken im Interview

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Wir haben uns sehr gefreut, Wolfgang Niedecken zu einem Interview in Berlin getroffen zu haben. Anlass ist das am 15.1 erscheinenende 18. Studioalbum „Lebenslänglich“ und 40 Jahre Niedeckens BAP

DKB: Herr Niedecken, in einem jüngst veröffentlichten Interview haben Sie gesagt, warum Sie Kölsch singen: weil Sie Kölsch denken und in Köln zu einer Zeit geboren wurden, in der die Umgangssprache tatsächlich noch Kölsch war. Jetzt fast 40 Jahre später, haben Sie jemals bereut, damit angefangen zu haben, Kölsch zu singen?

WN: Nein, überhaupt nicht. Also, das war ja damals keine bewusste Entscheidung, sondern eine instinktive Geschichte. Ich habe den ersten Song auf Kölsch geschrieben, weil ich Liebeskummer hatte und einen Song von Neil Young nicht rauskriegte. Das war der Song „Cowgirl in the Sand“ von Neil Young. Ich hatte kein Geld, um mir das Album „4 Way Street“ kaufen zu können. Ich hab‘ dann zuhause gesessen und E-Moll und C-Dur immer wieder hintereinander gespielt. Und mich gefragt: „Wie geht denn bloß der dritte Akkord?“ Dann hatte ich den dritten Akkord. Aber den vierten, den habe ich dann aber nicht gefunden. Und irgendwann ist da mein Liebeskummer drauf, auf diese Akkorde geflossen. Es war das Lied „Helfe kann dir keiner“. Und damit kam ich dann bei meiner Amateurband an, mit der wir in erster Linie Stones-, Dylan- und Kinks-Stücke coverten, und habe gesagt: „Können wir das mal spielen?“ Und da fanden das Die anderen fanden es super und sagten: “Schreib‘ doch mal mehr davon!“. Und das habe ich dann gemacht. Und auf einmal, ich versuch‘ das jetzt mal abzukürzen, ging das richtig durch die Decke. Auf einmal war das das große Ding. Aber wie gesagt, das war keine bewusste Entscheidung. Wir hatten aber auch nie einen Grund gehabt, das noch mal zu ändern. Dann gab’s da irgendwann, wenn ich jetzt mal vorspule, die Diskussion: „Ja, aber wenn wir das international machen wollen, wär’s schon besser, wenn wir mindestens Hochdeutsch, aber am besten direkt Englisch singen würden.“ Und dann hat sich die Band eigentlich geteilt. Da gab es dann die, die international Karriere machen wollten; die sind immer noch danach am Suchen. Aber ich bin weiter bei Kölschrock geblieben, und das läuft auch weiter so. Ich persönlich habe keinen Grund gesehen, das zu ändern. Und ich glaube auch nicht, dass ich das jemals ändern werde. Weil Ich denke nach wie vor Kölsch. Aber man soll ja nie „nie“ sagen. Ich habe festgestellt, dass auf diesem Album („Lebenslänglich“, DKB) da einige Strophen drauf sind, die ich seltsamerweise Hochdeutsch gesungen habe. Ich habe die zwar ursprünglich auf Kölsch betextet. Aber als ich die auf Kölsch gesungen habe, da kam ich mir irgendwie merkwürdig vor. Und da hab‘ ich mir schließlich gesagt: „Komm, dann singe ich die mal eben auf Hochdeutsch“. Und da kamen sie mir plötzlich nicht mehr merkwürdig vor. Das heißt ja schon mal was. Vielleicht habe ich in letzter Zeit mehr mit Hochdeutsch singenden Kollegen zu tun. Und das hat irgendwie etwas abgefärbt. Aber teilweise kamen mir diese Strophen, wenn ich sie auf Kölsch gesungen habe, so aufgesetzt vor. Das ist einfach dann auch immer wieder nach wie vor so ein Nackenhaargefühl. Wenn ich bei etwas ein komisches Gefühl habe, dann probiere ich es anders. Wenn das komische Gefühl dann weg ist, dann scheint es richtig zu sein. Das kann in die eine Richtung gehen, das kann aber auch in die andere Richtung gehen. Und ich bin da einfach nur ehrlich zu mir selber.

DKB: Musik, Fußball, Karneval, politisches Engagement – fehlt da noch was? Und welche Reihenfolge ist richtig, wenn sie eine Rangreihe erstellen müssten?

WN: Also, ich glaube, zu allererst ist da mein Erleben. Das, was ich erlebe, das was ich in meiner Familie erlebe, in meinem Bekanntenkreis. Ohne dieses Erleben würden mich diese anderen Sachen überhaupt nicht interessieren. Also, ich glaube, ich bin ein Familienmensch. Da hat alles letztendlich seinen Ursprung. In meiner Familie, also in der Familie, in der ich aufgewachsen bin. Ich war immer ein Familienmensch. Und umso schlimmer war es, als ich dann ins Internat musste. Das ist mir schon sehr, sehr schwer gefallen. Und dann mit meiner selbst gegründeten Familie, mit meinen Kindern und mit meiner Frau, also wenn ich dieses Fundament nicht hätte, wäre ich verloren. definitiv verloren.

DKB: Also, Familie kommt an erster Stelle…

WN: Familie kommt an erster Stelle.

DKB: Sie haben gerade den Rheinischen Kulturpreis bekommen…

WN: Genau. Da habe ich mich sehr drüber gefreut (lacht).

und außerdem auch noch das Bundesverdienstkreuz für Ihr politisches Engagement . Nach 40 Jahren, wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen?

WN: Das sind so Bestätigungen, dass man irgendetwas richtig gemacht hat. Man will ja auch ab und zu bei aller Kritik, der man ausgesetzt ist, erleben, dass man mal etwas richtig gemacht hat. Das ist ein schönes Gefühl, ja! (lacht)

DKB: Stichwort Türkei – Sie haben dort für das im Januar 2016 erscheinende Album „Lebenslänglich“ Inspiration gesucht. Was verbindet Sie denn eigentlich mit diesem Land, außer dass es ein tolles Urlaubsland ist?

WN: Also, mich verbindet mit der Türkei ganz viel. Meine erste exotische Reise, die ich jemals gemacht habe, hat 1973 stattgefunden in einem blauen VW-Bus, der vorher nur in Ramershoven-Rheinbach (bei Bonn, DKB) bei der Kirschernte eingesetzt wurde. Mit diesem Ding haben wir uns bis in die Türkei gewagt, mit so einem blauen VW-Bus. Mitten in der Türkei, bei Denizli, dann ein Kolbenfresser. Und Unsere ganze Reisekasse ist dann für die Behebung des Kolbenfressers draufgegangen. Das wurde dann, na ja, eine lange Reise. Aber die Türkei war damals natürlich eine andere Türkei als heute. Wo immer wir angehalten haben, haben sich die Leute förmlich darum gerissen, uns zu bewirten. Die haben ihre eigenen Betten neu bezogen, damit wir da schlafen konnten. Die Türken waren unfassbar gastfreundlich. Einfach Wahnsinn, das war unglaublich. Ich bin dann immer mal wieder in die Türkei gefahren. Und da, wo ich jetzt mittlerweile zweimal im Jahr bin, jeweils für eine längere Zeit, leben Freunde von mir. Gott sei Dank leben die an einem Küstenabschnitt, der Naturschutzgebiet ist, weil da Wasserschildkröten ihre Eier legen. Deshalb dürfen die da keine hohen Hotelbauten hinsetzen. In Olympos bin ich zum ersten Mal 1985 gewesen. Das ist eine lange Freundschaft, die Jungs kommen mich auch in Deutschland besuchen. Und wenn ich dann mal ein halbes Jahr nicht da war, dann rufen die an und sagen: „Was ist denn jetzt? Wann kommst du denn? Du muss kommen!“ Also, das ist schon sehr schön.

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DKB: Und dort haben Sie dann auch die Inspiration für Ihr neues Album erhalten?

WA: Ja, da kann ich komplett abschalten. Das ist dann auch manchmal so, dass die ersten Wochen meine Frau mitfliegt und mich dann, eine Zeit lang dann, weil sie ja zuhause auch noch einige Sachen zu erledigen hat, zuhause irgendwann wieder einsammelt. Aber ich bin da in der Türkei in die Familie aufgenommen. Also, Ich kenne mittlerweile das ganze Dorf. Wunderbar.

DKB: Ja, Sie haben gerade Ihr neues, übrigens hervorragendes Studioalbum erwähnt. Es ist ja Ihr 18. Studioalbum, und Sie haben es „Lebenslänglich“ genannt. Was bedeutet der Titel eigentlich? Was haben Sie denn verbrochen, dass Sie lebenslänglich brummen müssen?

WN: (lacht). Ja, ja, das ist ein schöner ambivalenter Begriff. Auf der einen Seite kommt er ja aus dem Song „Unendlichkeit“, das ist der letzte Song vom Album. Da gibt es die Zeile drin „Lebenslänglich sucht man Zuversicht“. In Kürze gesagt: ich suche wirklich lebenslänglich Zuversicht. An manchen Stellen habe ich sie gefunden, an anderen Stellen habe sie nicht gefunden. Aber ich mag dieses Ambivalente auch, was in dem Begriff schon steckt. Begriffe, die vollkommen klar sind, wo man nicht mehr drüber nachdenken muss, würden sich nicht als Albumtitel eignen.

DKB: Ja, ich habe auch überlegt, steckt da vielleicht lebenslänglich Musik machen dahinter…Ist ja eigentlich etwas Tolles, kann aber trotzdem ein Spannungsverhältnis sein

WN: Spannungsverhältnisse sind doch aber immer gut! Die bringen einen nämlich immer wieder auf neue Ideen. Deshalb ist das auch ein toller Albumtitel, finde ich. Der erste Arbeitstitel für das Album war übrigens „18“, weil es das 18. Album ist. Und wo man auch Volljährigkeit mit assoziiert. Und „Ab 18“? Wäre auch ein guter Titel gewesen, aber irgendwann fand ich ihn langweilig. Und dann kam der zweite Titel; das wäre „Alles relativ“ gewesen. Das ist das erste Stück auf dem Album. Wäre zwar auch okay, aber eben nicht wirklich ambivalent gewesen. Das wäre ein Titel gewesen, wo man sagt: „Na klar. Logisch!“ Wir wissen alle, dass alles relativ ist, wir wissen das… keine neue Erkenntnis.

DKB: Das hätte aber doch auch gut gepasst, weil Einstein in diesem Jahr 60 Jahren tot ist.

WA: Ja, gut. Da habe ich damals aber nicht drüber nachgedacht (lacht).

DKB: Das fiel mir auch nur gerade so ein. Aber mal im Ernst: das erste Stück erinnerte mich, als ich es das erste Mal hörte, irgendwie gleich an Bob Dylan…

WA. Das ist doch gar nicht so schlecht! (lacht)

DKB: Nein, durchaus nicht. Das war einfach nur eine ganz spontane Assoziation. Zählt denn Bob Dylan etwa zu ihren musikalischen Einflüssen?

WA: Also, ich habe viel mit Bob Dylan am Hut. Ich glaube, Bob Dylan ist der Künstler, und jetzt sage ich mal von allen Künstlern, ob das nun Maler sind, Schriftsteller oder was auch immer, Dylan ist der Künstler, der mich am meisten beeinflusst hat. Und dem ich auch am meisten verdanke. Ich weiß noch, als ich mit fünfzehn in Rheinbach in einer Schülerband Bass gespielt habe. Ich habe damals Bass gespielt. Und dann kam der Sänger unserer Band an und sagte: „Ich muss jetzt Abitur machen.“ Der war ein bisschen älter als wir. „Ich muss Abitur machen und habe ab jetzt keine Zeit mehr, in der Band zu singen. Sucht euch einen neuen Sänger!“ Und er hatte an dem Tag die Single von Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ dabei. Er hatte den Text rausgeschrieben und spielte uns dann das Stück vor. Und ich weiß noch ganz genau, wie ich gesagt habe: „Moment, wir brauchen keinen neuen Sänger. Das mache ich jetzt. Ich will jetzt so was machen. Wir brauchen einen neuen Bassisten.“ Und da habe ich den Bass meinem Freund Hein gegeben. Der Hein hat dann Bassspielen gelernt, und ich habe dann fortan versucht, mehr schlecht als recht auf Bob Dylans Pfaden zu wandeln. Am Anfang habe ich natürlich englische Songs geschrieben, mit denen man mich heute erpressen könnte. Aber es war okay, ich hab’s immerhin versucht (lacht).

DKB: Welches von diesen 18 Studioalben ist denn eigentlich Ihr Lieblingsalbum, auf das Sie ganz besonders stolz sind, und welches finden Sie ganz schrecklich?

WA: Ach, ich könnte Ihnen natürlich sagen, welches ich ganz schrecklich finde. Aber es gibt halt Leute, da ist das dann gerade deren Lieblingsalbum das ist, und ich mache das Ding fertig. Das wäre irgendwie doof. Also, ich habe mir angewöhnt und finde das auch richtig so, dass man Alben nach dem Repertoirewert beurteilen sollte. Nicht nach der Produktion, nicht danach, ob man da besonders toll drauf gespielt hat. Oder ob man da besonders toll drauf gesungen hat. Der Repertoirewert ist entscheidend. Und das kann ich immerhin sagen: Wir haben keine Alben gemacht, die beim Repertoirewert irgendetwas schuldig geblieben wären. Also, ich könnte Ihnen jetzt vielleicht vier oder fünf Songs nennen, tue ich aber natürlich nicht, wo ich dann sagen würde: „Das waren nur Lückenbüßer, denn das Album musste schließlich voll werden.“ Noch nicht mal das haben wir getan. Viele Künstler haben Alben, da haben die, weil der Vertrag irgendwie erfüllt werden musste, irgendwas drauf gepackt. Das haben wir, von ganz, ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nie getan. Und selbst die Alben, wo ich sage, die haben in der Band für Spannungen gesorgt, wie beispielsweise „Ahl Männer, aalglatt“, die sind vom Repertoirewert gut. Da ist sogar so viel übrig geblieben, dass ich noch mein erstes Soloalbum draus machen konnte. Mein erstes Soloalbum besteht ja eigentlich nur aus den leftovers vom „Ahl Männer, aalglatt“-Album entstanden. Es ist nicht gut produziert, aber es hat einen wirklich großen Repertoirewert. Da sind einfach tolle Stücke drauf. So, und von den frühen Alben mag ich „Zwesche Salzjebäck un Bier“ sehr gerne. Das war ein Album, wo wir viel gewagt haben, wo ich noch heute stolz drauf bin, dass wir das gewagt haben. Das war ja das erste Album nach den beiden Millionsellern. Die beiden Alben davor sind über eine Millionen mal über die Theke gegangen. Das muss man sich mal vorstellen. Wahnsinn! Hat auf der anderen Seite aber auch in der Band dazu geführt, dass auf einmal überlegt wurde: „Tja, jetzt verkaufen wir plötzlich nicht mehr über eine Millionen, was haben wir da denn bloß falsch gemacht? Wie können wir das schaffen, dass wir nochmal so viel verkaufen?“ Und dann ging auf einmal dieser Spagat los. Der Spagat hat dann zu Einigem geführt. Also, man kann ja nie, sagen wir mal, das Album Nr. 5 ohne das Album Nr. 4 und Nr. 6 beurteilen. Man muss doch wissen, woher es gekommen ist und wohin es geht. Das muss man immer mit beurteilen. Wirklich, ich bin jetzt auch ganz froh, dass ich das mittlerweile auch so cool sehen kann. Der Repertoirewert – also: Sind da gute Stück drauf, die man auch noch anders arrangieren könnte? Die man anders machen könnte oder in einer anderen Tonart singen könnte? Wenn die guten Stücke da sind, dann ist für mich alles in Ordnung. Der Song, darum geht es. Wir haben mal ein Album gemacht, das hieß „Sonx“, weil ich diesen Umstand auch mal näher beleuchten wollte. Es geht um die Songs. Bob Dylan hat gesagt: „It’s all in the songs.“ Alles ist in den Liedern. Und das stimmt einfach.

DKB: Und diese Inspiration? Sie haben das ja schon gerade so ein bisschen anklingen lassen, diese Inspiration zu diesen Liedern. Wie finden Sie die? Schreiben Sie zunächst den Text und kommt dann die Musik dazu? Oder ist das anders herum? Oder ist das womöglich von Fall zu Fall anders?

WN: Nein, nein. In der Regel geht das so, dass die Musik zuerst da ist. Oder wenigstens eine kleine Akkordfolge, die interessant genug klingt, dass man einen Text dazu schreibt. Auf dem neuen Album habe ich, dadurch dass so viele Musiken von anderen Mitgliedern der Band kamen, nur bei einem Song die Musik beigesteuert. Und dann kam so viel von anderen, dass ich einfach genug hatte. Ich habe dann gar nicht mehr angefangen, mir selber Musik einfallen zu lassen. Aber dieses eine Stück, es gibt da auf der Gitarre so eine bestimmte Stimmweise, „dropped D“, wo man die E-Saite auf D runterstimmt. Dazu war mir etwas eingefallen, ein Lick und dann auf einmal eine Akkordfolge, wo ich etwas dazu schreiben wollte. Ansonsten ist das in der Regel so, dass ich schon von den Bandmitgliedern, von den bandinternen Komponisten eine CD kriege, wo irgendein provisorischer Text gesungen ist und dann dasselbe Stück noch einmal, ohne diesen Text. Also sozusagen ein Playback, damit ich mir das als Ohrwurm einpräge und praktisch damit meinen Alltag erlebe. Das, was mir in meinem Alltag begegnet, kann dann zum Text werden, der auf diesen Ohrwurm passt. Dafür muss ich natürlich aufpassen. Deshalb muss ich immer so ein kleines Büchlein bei mir haben, wo ich mir was reinschreibe, wenn es auftaucht. Keith Richard hat auf diese Frage mal gesagt: „Die Songs sind alle in der Luft, du musst sie nur fangen.“ Die sind alle da. Es gibt ja dieses Beispiel von dem Bildhauer, der gefragt wird, ob das denn schwer ist, so ein Pferd aus so einem Steinblock raus zu meißeln. „Ne, ne“, sagt der, „Das ist überhaupt nicht schwer. Ich muss nur einfach alles, was nicht nach Pferd aussieht, wegkloppen.“ Alles , was nicht nach Pferd aussieht, weg. (lacht)

DKB: Also, so einfach ist das mit der Inspiration. Aber ich stelle mir das trotzdem ziemlich schwierig vor. Aber Sie schaffen das ja, sind ein Poet und schreiben tolle Texte. Und Sie sind ja auch ein sehr politischer Mensch, haben sich z.B. gegen Rassismus und Rechtsradikale engagiert, haben immer wieder klare Kante gezeigt. Derzeit haben wir die Flüchtlingskrise. Wie sehen Sie das mit der aktuellen politischen Entwicklung?

WN: Na ja, was momentan ja am deutlichsten ist, ist ja, dass wir den Terrorismus beispielsweise nicht mehr wegzappen können. Das ist vorbei. Ich weiß nicht, ob Sie den Film kennen von Peter Sellers, „Welcome Mr. Chance“? Das ist so ein Typ, der sitzt da in seiner Villa und wenn er was im Fernsehen sieht, was ihm nicht gefällt, dann zappt er das einfach weg. Irgendwann muss er allerdings leider mal aus seiner Villa verlassen und auch aus seinem schönen Garten raus. Er hat natürlich auch seine Fernbedienung mitgenommen, und die Gauner, die er trifft, will er wegzappen. Das geht aber leider nicht mehr. Will sagen: Bis jetzt konnten wir das alles noch wegzappen. Aber diese ganze Syrien-Geschichte inklusive IS-Staat, die steht auf einmal bei uns auf der Matte. Das ist nicht mehr weg zu zappen. Im Fernsehen konnten wir das noch wegzappen. Jetzt ist es da. Und Man hat sehr viele Fehler gemacht in der Vergangenheit. Man hat diesen ganzen Nahen Osten, dieses unglaublich komplizierte Gebilde im Nahen Osten, nicht wirklich kritisch begleitet. Man hat gesagt: „So lange die das unter sich ausmachen, geht uns das nichts an.“ Aber es geht uns etwas an. Wir haben Waffen geliefert, wir lassen es zu, dass Saudi-Arabien und Katar diesen IS-Staat finanzieren. Und wir sind mit denen in wirtschaftlicher Zusammenarbeit, wir brauchen deren Öl. So lange das so läuft, wird sich da nichts bessern. Das ist mit Bombardieren einfach nicht getan. IS-Stellungen bombardieren, da lachen die sich tot rüber. Das gibt Kollateralschäden ohne Ende, und die kriegen noch mehr Zulauf, noch mehr junge Leute, die im IS-Staat mitkämpfen wollen. Das ist der falsche Weg. Wirklich, der falsche Weg. Wir müssen uns ehrlich machen, was die Zusammenarbeit betrifft. Also, ich habe da größte Befürchtungen. Weil das wird einfach nicht gemacht. Stattdessen sind sie da irgendwann womöglich sogar mit Bodentruppen drin. Dann haben wir das nächste Vietnam, Afghanistan, Irak. Ewig grüßt das Murmeltier.

DKB: Glauben Sie, dass man als Musiker auf die politische Meinung der Menschen Einfluss nehmen sollte?

WN: Also, ich kann das. Aber ich würde kein Postulat daraus machen. Ich würde nicht sagen, jeder Musiker, jeder Künstler muss das tun. Es gibt Künstler, die machen l’art pour l’art, also Kunst um der Kunst willen. Ist okay, ich könnte das aber nicht. Ich muss das formulieren, was mir durch den Kopf geht. Ich bin zugegebenermaßen sehr „Old School“. Wenn ich keine vernünftige Tageszeitung lese, dann fehlt mir was. Ich brauche das.

DKB: …Sie sind da wohl eher analog.

WN: Ja, genau. „I’m an „analogue man“, habe ich letztens noch zu meiner Frau gesagt (lacht).

DKB: Wie ist das denn eigentlich mit der Produktion der Alben? Da hat sich ja manches durch die neuen digitalen Technologien verändert. Sind Sie denn damit zufrieden oder wünschen Sie da vielleicht ein Stück mehr Analogie zurück?

WN: Ich bin ganz happy, dass wir dieses Mal unsere Ideen über Internet ausgetauscht haben. Also, das Phänomen der Dropbox, was ich vor dem Album noch nicht kannte, das ist einfach großartig. Jeder setzt seine Ideen in die Dropbox. Die ist zugänglich, wenn man den Code weiß, wie man da reinkommt. Und dann kann man sich immer auf den neuesten Stand bringen, und alle können etwas dazu beitragen. Wir haben auch sehr viel über Dropbox auch arrangiert und teilweise sogar komponiert. Und Es war großartig. Und als wir uns dann in Hamburg im Studio getroffen haben, waren alle fantastisch vorbereitet. Wir haben dann auch in Rekordzeit das Album eingespielt.

DKB: …eingespielt in Hamburg, aber doch wohl gemischt in New York…

WN: Genau! Gemischt in New York. Bei Stewart Lerman, der ja auch mein Soloalbum aufgenommen und abgemischt hat. Das war eine sehr gute Idee, das bei Stewart zu machen. Auf die Idee bin allerdings nicht ich gekommen, die stammt von Anne und Ulle (BAP-Mitglieder Anne de Wolff und Ullrich Rode, DKB). Eine tolle Idee, weil mein Soloalbum hat ja nun bei uns einiges bewegt, wie überhaupt meine Soloalben bei BAP immer etwas bewegt haben. Ich habe vier Soloalben gemacht, und die haben alle etwas in der Stammformation bewegt. Ich weiß noch, beim ersten Soloalbum, da stand ich noch unter Verdacht, die Band verlassen zu wollen, wenn das Album funktioniert. Aber da habe ich überhaupt nicht dran gedacht. Aber ich stand unter dem Verdacht. Das Album hat sogar sehr gut funktioniert. Damals war „Maat et joot“ sogar ein richtiger Hit, ein richtiger Radiohit. So, und was ist dann passiert? Ich habe mich nicht vom Acker gemacht. BAP ist mein Baby. Ich werde doch nicht BAP verlassen!

DKB: Ja, aber es gab doch manche Veränderungen in der Besetzung. Das ist ja jetzt nicht mehr die alte Gruppe…

WN: Na ja, das ist ja auch klar nach so vielen Jahren.

DKB: Gibt es denn eine Veränderung, die vielleicht besonders schmerzlich war?

WN: Also, teilweise war es nicht schön, dass wir uns voneinander getrennt haben. Aber einige Besetzungswechsel waren einfach nötig, weil man nicht mehr am selben Tau gezogen hat. Teilweise war es wirklich so, dass die Leute nur noch mitgemacht haben, weil es halt gut lief. Wenn man aber in zweierlei Richtungen will, dann muss man eben irgendwann einmal die Konsequenzen ziehen. Gerade diese Geschichte, dass man fragte: „Was machen wir jetzt? Kölschrock? Oder machen wir internationale Popmusik auf Englisch?“ Da muss man sich mal einfach irgendwann mal entscheiden.

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DKB: Wie machen Sie das denn, um neue Musiker zu gewinnen? Gibt es da ein spezielles Verfahren? Oder sind das glückliche Zufälle, die einem über den Weg laufen?

WN: Das ergibt sich einfach so. Das letzte Beispiel war unser Schlagzeuger, der Jürgen Zöller, der ist jetzt mittlerweile 68. Und irgendwann mal war ja abzusehen, dass der sagte: „So, es reicht jetzt.“ Und der Jürgen, das ist wirklich einer meiner besten Freunde. Wir haben nach wie vor einen hervorragenden Kontakt. Ich habe ihm auch ein sehr schönes „Liebeslied“ auf dem Album geschrieben, „Schrääsch hinger mir“. Wir haben eine wunderschöne Zeit zusammen verbracht, und wir machen bestimmt auch noch sehr viele andere Sachen außerhalb von BAP zusammen. Der Nachfolger war ganz einfach gefunden, denn Rhani Krija, der bei uns auf der letzten Tour Percussion gespielt hat, war auf einmal bei Al Di Meola gebucht. ; der ist auch teilweise mit Sting unterwegs. Also musste für ihn jetzt ein Ersatzmann her. Da haben wir den Sönke Reich, der so alt ist wie mein ältester Sohn, nämlich 32, Den Sönke haben wir als Ersatzmann für den Rhani geholt. Dann hörten wir aber schließlich, dass der Sönke auch sehr gut Schlagzeug spielt, und als der Jürgen Zöller dann raus war, fragten wir uns: „Wie geht es jetzt weiter? Da wollen wir doch mal den Sönke fragen, ob er nicht Lust hat“. Schließlich hat der den Job gemacht, und zwar fantastisch. Wunderbar. Also das ergibt sich immer von allein. Was ich nie gemacht habe und auch niemals machen würde, das ist so ein Casting veranstalten. Da müssen alle mal irgendwie mal mit uns spielen, und wir suchen wir uns dann einen aus. Sowas war wirklich nie notwendig.

DKB: …die wollten doch wahrscheinlich alle so wieso bei BAP spielen…

WN: Na ja, aber es gibt ja nun Leute, die passen gut zu uns und andere eben nicht so sehr. In der Regel kannte immer jemand aus der bestehenden Band einen anderen, der diesen Job gerne machen würde. Es hat immer gesessen. Es war immer so, dass wir sagten: „Ja, das ist er.“ Vor allem, man muss dran denken, es haben mittlerweile über 30 Leute bei BAP gespielt, wenn man das mal durchrechnet. Diese Besetzungswechsel, wir haben ja selten mal zwei Alben hintereinander in der gleichen Besetzung gespielt. Ich glaube, „Vun drinne noh drusse“ und „Für usszeschnigge!“, diese beiden Alben haben wir in der gleichen Besetzung gemacht. Sonst haben wir immer wieder die Besetzung geändert. Es gibt immer wieder die verschiedensten Gründe, warum sich etwas geändert hat.

DKB: Um nochmals auf die Produktion Ihrer BAP-Alben zurückzukommen. Dass alle im Studio zusammen sind, proben und etwas einspielen, das gibt es wohl nicht mehr?

WN: Das ist eigentlich meine Lieblingsvorgehensweise, aber das geht nicht mehr. Das ist einfach vorbei. Zwei BAP-Musiker leben in Berlin, zwei in Hamburg. In Köln leben nur Rhani Krija und ich, aber Rhani ist meistens weltweit irgendwo mit irgendwelchen anderen internationalen Kapellen unterwegs. Der ist Weltmusiker. Der Werner Kopal lebt im Bergischen Land. Immerhin relativ nahe bei Köln. Aber dass wir uns irgendwo einen Proberaum mieten können, wo wir uns an bestimmten Wochentagen treffen und spielen würden, das geht einfach nicht mehr. Wir haben einmal irgendwann, ohne es zu wissen, für Musiker die Tür geöffnet, die nicht in Köln lebten. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir alle in Köln gelebt. Danach haben wir nicht aufgepasst. Aber es war auch in Ordnung. Wenn wir alle zwei Jahre eine große Tour spielen und ein Album rausbringen, dann muss man trotzdem als jemand, der eine Familie zu ernähren hat, weiter Geld verdienen. Ich kann mich darauf konzentrieren, dass ich nur BAP oder Soloauftritte mache, aber bei den meisten würde das auch gar nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren. Das hört sich jetzt furchtbar an, ist aber so. Anne und Ulle, die spielen bei Bosse, bei Roger Cicero, Revolverheld, Calexico, bei Gott weiß welchen Bands. Die machen alle noch irgendetwas anderes. Nur von BAP alleine, bin ich der einzige, der davon leben kann, weil ich die Texte schreibe. Aber ich habe außerdem auch die ganze Organisationsarbeit an der Backe, und ich muss den ganzen Promo-Kram erledigen. Das Büro betreibe ich mit einer ständigen Mitarbeiterin, und je nachdem, was bei uns gerade ansteht, wird dann noch jemand dazu geholt.

DKB: … zum Beispiel wenn eine Tour ansteht..?

WN: …dazu brauchst du dann wirklich mal noch ein paar Leute mehr. Dazu beauftragen wir eine Konzertagentur. Und wenn wir dann auf Tour sind, dann sind es noch mehr Leute. Auf Tour, da sind locker 20 Leute unterwegs. Das wächst dann an.

DKB: Aber auf der Bühne stehen und vor Publikum spielen, das ist immer noch das, was Sie gerne machen…?

WN: Ja, das ist das Schönste. Das ist das Sahne-Häubchen. Auf Tour sein, ist das Sahnehäubchen. Dafür nimmt man auch einiges in Kauf, was vorher nicht so schön ist.

DKB: Und die Arbeit im Studio, macht die Ihnen auch Spaß?

WN: Also, die Aufnahme des neuen Albums hat sehr viel Spaß gemacht. Die Zeit im Studio, das war großartig. War bloß viel zu kurz, aber wir waren so gut vorbereitet, das hat alles irgendwie first take oder second take geklappt – das war traumhaft. Es macht natürlich Spaß, mit solchen Musikern zusammenzuspielen. Auch mal Ende offen, einfach mal zu improvisieren, mal gucken, ob da noch etwas passiert. Aber, das muss man jetzt auch mal sagen, ganz ohne jetzt irgendwelche Illusionen zu zerstören: diese Budgets hat man gar nicht mehr, um im Studio so lange herum zu jammen, bis man eine gute Idee hat. Das gibt’s gar nicht mehr. Mal ein Zahlenbeispiel: Wenn wir früher ein Album auf Nr. 1 hatten, dann wussten wird, das Ding geht irgendwo zwischen 500.000 und eine Millionen Mal über die Theke. Wenn wir bei eins eingestiegen sind. Heute wissen wir, wenn wir auf eins einsteigen, das geht irgendwo zwischen 50.000 und 100.000 Mal über die Theke. Das sind 10 Prozent von den früheren Zahlen. Mittlerweile wird unglaublich viel raubkopiert und außerdem ist auch so viel mehr auf dem Markt. Es ist natürlich logisch, an einem Millionseller verdienst du natürlich mehr als an einem Album, was maximal 100.000 Stück verkauft. Das ist klar, ja? Und dem entsprechend muss man kalkulieren. Sonst kannst du irgendwann den Finger heben.

DKB: Also sind Sie nicht nur Musiker, sondern auch immer Geschäftsmann?

WN: Ja, notgedrungen. Aber eigentlich bin ich überhaupt kein Geschäftsmann. Nichts interessiert mich weniger als Zahlen.

DKB: Gibt es denn einen Musiker, mit dem Sie noch mal gerne zusammenspielen würden, was sich aber bisher nicht ergeben hat?

WN: Och, da gibt es immer wieder welche. Ob das nun bekannte sind oder unbekannte. Ich habe etliche Male mit Bruce Springsteen gespielt, was sehr, sehr schön war. Das ist ein ganz toller Musiker, toller Texter. Und auch ein ganz lieber Kerl. Also, den mag ich wirklich total gerne. Leider lebt der in Amerika und ich in Deutschland. Und deshalb haben wir über den großen Teich nicht so viel Kontakt, wie wir das gerne hätten. Klar, ich habe viele meiner Helden irgendwo mal getroffen, aber nicht mit ihnen zusammengearbeitet. Ich habe Bob Dylan kennenlernen dürfen, Neil Young noch nicht. Neil Young habe ich noch nicht kennenlernen dürfen. Aber jetzt zu sagen, ich will jetzt unbedingt mal ein Album mit Dylan machen oder mit Neil Young, (lacht), das wäre, glaube ich, wohl etwas weltfremd. Aber es gibt eine Menge, auch junger Musiker oder eine Menge Musiker, die in Deutschland irgendetwas machen, wo ich sage, das ist toll. Wo ich sage, wenn sich da irgendwann einmal eine Zusammenarbeit ergibt, gerne. Es gibt tolle Bands, tolle Singer-Songwriter in Deutschland. Mit einigen bin ich befreundet. Ob das Thees Uhlmann ist oder Clueso. Mit Clueso bin ich wirklich eng befreundet. Wenn der in Köln ist, dann wohnt der bei uns. Also, das ist schon schön. Auch das zu spüren, das ist ja die Generationen meiner Söhne, dass ich irgendetwas weitergegeben habe, ist schön.

DMB: Sie gehen ja wieder auf Tour, haben ein neues, wirklich gutes Album gemacht und sehen auch blendend aus. Achten Sie nach Ihrer Erkrankung jetzt mehr auf Ihre Gesundheit?

WN: Wenn mich jetzt einer nach meiner Krankheit fragt, dann denke ich: „Woher wissen die, dass ich im vergangenen Jahr einen Bandscheibenvorfall hatte?“ (lacht) Denn ich persönlich denke ja an den Schlaganfall überhaupt gar nicht mehr. Ich hatte im vergangenen Jahr einen Bandscheibenvorfall, aber frag‘ mich mal nach Sonnenschein! Das war vielleicht ein Scheiß! Das tut vielleicht weh! Mein lieber Freund! So, und ich hoffe, dass ich den endgültig abhaken kann, wenn die Tour losgeht. Weil manchmal spüre ich schon hier und da noch mal irgendetwas. Aber der Schlaganfall, der war ja auch keiner von der herkömmlichen Sorte. Ich war ja in keiner Risikogruppe. Ich habe weder hohen Blutdruck, noch rauche ich, noch trinke ich. Ich habe damals meinen Sport ein bisschen vernachlässigt. Das hätte ich mal nicht tun sollen. Dadurch hatte ich mir diesen dämlichen Husten zugezogen und eine Woche durchgehustet. Und wenn man Tag und Nacht durchhustet, dann kann es passieren, dass sich in der Hauptschlagader im Hals eine kleine Wunde bildet. Und aus dieser Wunde ist dann ein Gerinnsel ins Gehirn gestiegen. Und das war der Schlaganfall. Ich musste mich jetzt nicht danach nicht irgendwie in Acht nehmen von wegen „Ich darf das und das nicht essen; darf das und das nicht konsumieren oder so.“ Ich habe schon ein sehr, sehr gesundes Leben geführt. Und das führe ich auch weiterhin. Was sich geändert hat, ist, – ohne dass ich das jetzt tragisch meine – ich habe wirklich dem Tod wirklich ins Auge geblickt. Fast wäre ich um die Ecke gewesen. Und wenn man das mal erlebt hat, dann geht einem schon auf: „Eh, Moment mal! Ich habe keine Zeit zu verplempern.“ Irgendwann springe ich dem Sensenmann nicht mehr von der Schippe. Ich habe eben gemerkt, dass ich keine Zeit zu verlieren habe, habe ich keine. Deshalb bin ich auch entschlossener geworden. Wenn ich merke, irgendetwas macht keinen Sinn, dann will ich damit auch keine Zeit verplempern. Das ist ein gutes Ding. Für manche in meiner Umgebung, die den Niedecken vor dem Schlaganfall kannten, klingt das teilweise auch ein bisschen hart, wenn ich sage: „Pass auf! Es hat keinen Sinn, wenn wir beide miteinander noch zusammenarbeiten. Weil du willst es doch eigentlich gar nicht. Dann lass‘ es doch sein!“ Oder solche Sachen. Ich bin in der Lage, konsequenter zu sein. In verbindlicher Form, aber so irgendwie rumwiggeln und überlegen und so, das ist nicht mehr mein Ding. Dabei bin ich ja eigentlich gar nicht so drauf. Ich bin ein gutmütiger Mensch. Vorher habe ich immer gedacht: „Na ja, das wird sich schon irgendwie ergeben.“ Aber dieses „Wird sich schon irgendwie ergeben“ würde bedeuten, dass ich meine Zeit verplempere, obwohl ich genau weiß: es wird sich nichts ergeben. Also brauche ich damit auch keine Zeit zu verplempern. Ganz einfach.

DKB: Wenn Sie zuhause Musik hören, hat sich da ihr Geschmack in den letzten Jahrzehnten verändert? Und was hören Sie dann?

WN: Ich höre immer das, was auch auf meine eigenen Wurzeln zurückgeht. Zuhause, ehrlich gesagt, höre ich überhaupt keine Musik, weil da sind ganz einfach zu viele Geschmäcker unterwegs. Wenn ich mal zuhause Musik höre, dann ist das Musik, wo ich mit arbeite. Natürlich höre ich mir zuhause auch die verschiedensten Kollegen an und denke: „Ist da was für mich bei? Welche Lehren kann ich daraus ziehen?“ Aber das hat in der Regel jetzt mit Arbeit zu tun. Ich höre im Auto sehr viel Musik. Wenn ich mich ins Auto setze und ich eine längere Strecke fahre, dann weiß ich, wie viele CDs ich mitnehme und dann gehe ich vorher zuhause an mein CD-Regal und überlege: „Ach, das könntest du noch mal hören oder das könntest du noch mal hören.“ Oder ich lese den „Rolling Stone“ und denke: „Das klingt interessant. Das Album kaufe ich mir.“ Ich habe mir gerade noch von Jeff Lynne, ELO, das neue Album gekauft. Da freue ich mich drauf, das zuhause zu hören. Und im Auto höre ich auch Musik, ohne dass ich großartig darüber nachdenke: „Was würde denn dabei für mich herausspringen?“ Eben einfach nur, weil ich Musik-Fan bin. Das sind generell lauter Sachen, die sich auch auf meine eigenen Wurzeln beziehen. Und ich glaube nicht, dass ich jetzt mit bald 65 noch mal zum Synthie-Popper werde (lacht). Also, das steht nicht zu befürchten. Das ist eine Musik, mit der ich nichts anfangen kann. Also, weg damit! Was soll ich damit?

DKB: Ja, dann noch eine letzte Frage: Können Sie uns verraten, wann Sie „zoletz jemohlt“ haben?

WN: …das letzte Bild gemalt habe?

DKB: … ist wahrscheinlich „Verdamp lang her“, um mal einen Ihrer frühen BAP-Songs zu zitieren?

Ne, ne. So ab und zu mache ich so kleinere Sachen. So mehr oder weniger aus Gestaltungswillen heraus. Aber nichts, was jetzt in die Wertung käme. Nichts, wo ich jetzt sagen würde, das würde ich ausstellen. Einfach nur aus Spaß.

DKB: Sie hatten doch aber einmal vor ein paar Jahren eine Ausstellung?

WN: Ich habe einmal in Bonn in der Bundeskunsthalle eine
Retrospektive gehabt. Das war sehr schön. Das war 2004. Die hatten vorher immer gesagt, wenn wir in der Museumsmeile gespielt haben, „Du musst doch irgendwann einmal hier ausstellen. Wenn du spielst, dann könnten wir doch auch einmal eine Ausstellung deiner Bilder machen.“ Und dann irgendwann einmal, als klar war, dass wir wieder da spielen würden, habe ich gesagt: „Leute, wenn ihr das wirklich wollt, dann müsst ihr das jetzt sagen. Dann können wir das gerne machen.“ Und dann haben wir das gemacht. War toll! War eine sehr schöne Geschichte. Aber seit der vorletzten großen Umbesetzung, seit dem Jahreswechsel 98 auf 99, wo der Major aus der Band rausgegangen ist, habe ich leider dermaßen viel auch an Organisatorischem zu tun, dass ich einfach keine Zeit mehr dafür habe. Wenn ich mich ins Atelier stelle und an meiner Kunst arbeite, dann ist mit mir nicht gut Kirschen essen. Und wenn ich dann keine Zeit habe, dann wird es noch schlechter, mit mir Kirschen zu essen. Dann bin ich nur mit diesem Bild zugange und vernachlässige alle sozialen Kontakte, innerfamiliär und außerfamiliär, weil ich kann mich da sowas von reinstürzen in so ein Bild. Und ich bin tatsächlich unerträglich, solange das Bild nicht funktioniert.

DKB: … und das ist anders als beim Texten oder?

WN: Beim Texten ist das ein bisschen anders. Da ist es eher so, dass ich dann unglaublich oft in Gedanken bin. Meine Frau, meine ganze Familie merkt das. Wenn ich mit einem Text schwanger gehe, dann heißt es: „Ach, lass‘ Vatter mal in Ruhe, der denkt!“

DKB: Herr Niedecken, vielen Dank für das Gespräch!

Foto: ©Universal

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