Wes Anderson. Eine Welt für sich.

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Jede Szene und jedes Wort passt perfekt.

Seit seinem Zweitling Rushmore (1998) verfolge ich die stetig wachsende Filmographie eines der liebenswürdigsten und konstant hochkarätigsten Phänomene Hollywoods. Rushmore ist vielleicht mein liebster Wes Anderson, vielleicht sogar mein Lieblingsfilm überhaupt. Möglicherweise weil Max Fisher mein liebster Anderson-Charakter ist. Die detailverliebten Bilder, wohl im neuen Grand Hotel Budapest auf ein weiteres himmelhöchstes Level gebracht, sind bereits in Rushmore voll da. Jede Szene und jedes Wort passt perfekt. Kein Gramm Fett und keine unnötige, falsche oder unlogische Emotion stört die Choreographie zwischen Bild und Ton und Schauspiel. Vielleicht mag ich Max am liebsten weil in Rushmore der Blick fast gänzlich auf ihn gerichtet ist. Genau so wie Max es möchte, er möchte im Mittelpunkt stehen obwohl er ein komplett misantropischer Teenager ist.

Wes Anderson baut keine emotionale Bindung auf

Es ist noch nicht, wie in späteren Filmen, ein Ensemble-Stück und somit fällt der Charakter durch mehr Tiefe auf. Aber es geht bereits, wie später bei der Familie Tenenbaum, dem U-Boot von Steve Zissou oder dem Wildtierverbund des Mr. Fox, um Familie. Um verkorkste Beziehungen. Um unausgesprochen Frust, um zu wenig gezeigte Liebe. Oder um Ersatzfamilie, bzw. das Eindringen eines „mehr geliebten“ Cousins, Bruder oder Fremden.

Kritisiert wird Wes Anderson, ob zu Recht oder Unrecht hängt vom eigenen Geschmack ab, dass er zu sehr auf visuelle Details setzt und den Zuschauer zwar mit auf die Reise nimmt, ihn aber nur als Zuschauer dabei haben möchte und nicht als wirklicher Teilnehmer. Dass er keine emotionale Bindung aufbaut. Doch ich muss sagen, es ist am Ende ja auch das Problem der verschiedenen Figuren, welche oft unfähig sind ihre Gefühle auszudrücken. Sie sind verkorkst ohne Ende. Weshalb soll man vollen Zugang zu den Gefühlen von Max, Francis, Royal oder Sam bekommen? Man kann nur von Film zu Film lernen wie seine Figuren funktionieren und verstehen lernen weshalb sie so sind ohne dass es gesagt werden muss.

Es gibt genügend Dramen welche zu Herzen gehen

Es gibt genügend Action-Komödien welche Humor mit dem Presslufthammer in den Film hineinzwingen. Aber es gibt keinen einzigen weiteren Film wo Bill Murray versucht, in der ersten Szene einen Zug in Indien zu erwischen (Darjeeling Limited) und weil er ihn verpasst, verpasst er den ganzen Film. Wie grossartig ist denn Sowas? Und wer könnte dies sonst noch?

Und wer ist mutig genug nur die amateurhaftesten Action-Szenen zu choreographieren und den Zuschauer bewusst unfreiwillig zum Lachen zu bringen, weil das eben Gesehene so schlecht war? (The Life Aquatic with Steve Zissou oder Moonrise Kingdom).  Wer kann eine Kindergeschichte von Roald Dahl als Vorlage nehmen (The fantastic Mr. Fox), einen Stop-Motion-Trickfilm daraus machen welcher durch und durch ein Wes Anderson Film ist, möglicherweise sogar noch einer seiner absolut besten? Wer ist heute noch so versessen darauf, altmodische Tricks und aufwendige Bühnen zu entwerfen und opulent  zu inszenieren, so dass pro Bild ein ganzes Festmahl auf den aufmerksamen Zuschauer einprasselt? Wessen Filme werden besser mit jedem Anschauen? Wes Anderson!

Und wer sich nicht an all dem laben möchte, der hat als Notnagel sozusagen noch eines der hochkarätigsten Casts der Filmgeschichte. Und dies nicht erst seit seinem jetzigen, lang fälligen kommerziellen Durchbruch.

Wenn Wes Anderson einen neuen Film gedreht hat, freue ich mich wie ein kleines Kind darauf. Ich werde in eine mir unbekannte Welt eintauchen und trotzdem überall auf altbekannte Freunde treffen. Ich werde mich diebisch darüber freuen, einen Zug, ein U-Boot, einen alten Herrensitz, eine kleine Insel oder eben nun ein Grand-Hotel zu erforschen welche als eigenständige Charaktere und opulente Kulisse dessen dienen, was ich „grosses Kino“ nenne.

 


Photo Credit: Touchstone Pictures (2001) All Rights Reserved

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