Von Vätern und Söhnen

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Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn gehört wohl zu den wichtigsten und prägendsten aller menschlichen Beziehungen. Söhne möchten gerne wie ihr Vater sein oder auch ganz anders. Sie fühlen sich von ihren Vätern beschützt, erdrückt oder auch im Stich gelassen. Väter wiederum, fragen sich, wie sie ihrer Rolle am besten gerecht werden können; bemühen sich, die Liebe, die sie für ihre Kinder empfinden, auszudrücken oder bedauern manchmal, etwas Bestimmtes nicht gesagt oder getan zu haben. Egal wie man es dreht und wendet, die Beziehungen zwischen Vater und Sohn sind in unserer Kultur eine aufregende, widerspruchsvolle und von elementaren Emotionen überfrachtete Geschichte, die die großen und kleinen Tragödien des Menschseins, Liebe und Zorn, Vertrauen und Abhängigkeit umschließen.

Kein Wunder, dass diese Gefühle von Musikern aufgegriffen und in Songs verarbeitet wurden. Der KULTURBLOG hat zum Vatertag 2017 einige der schönsten dieser Songs ausgewählt.

Johnny Cash: A Boy Named Sue
Live at St. Quentin (1969)

Glaubt man Johnny Cash, müssen sich Vater und Sohn manchmal erst in der Kneipe prügeln, um ihr zerrüttetes Verhältnis wieder gerade zu biegen. „A Boy Named Sue“ erzählt von einem Jungen, der auf seinen Vater wütend ist, weil er die Familie verlassen hat und ihm den weiblichen Vornamen Sue gab. Wegen seines Namens wird er überall gehänselt, muss sich oft mit seinen Fäusten Respekt verschaffen und schwört, seinen Vater umzubringen für die Schmach, die er ihm angetan hat. Jahre später trifft er ihn in einer Bar und es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod, den der Sohn gewinnt. Er tötet seinen Vater jedoch nicht, verzeiht ihm sogar, nachdem er erfährt, dass der ihm den Mädchennamen gab, um ihn für die Härten des Lebens fit zu machen.
Geschrieben wurde das subversiv-komische Stück im Stile eines Talking Blues von Multitalent Shel Silverstein, der den Song bei einer Party vorgestellt hatte, auf der neben Cash, dessen Frau June Carter auch andere bekannte Musiker wie Joni Mitchell und Bob Dylan unter den Gästen waren. Cash gefiel der Song. Er spielte ihn zum ersten Mal ein paar Tage später bei seinem legendären Konzert im kalifonischen Staatsgefängnis von St. Quentin, das live mitgeschnitten wurde. Da das Stück noch neu für ihn war, kannte Cash den Text nicht auswendig und musste ihn von einem Blatt ablesen. „A Boy Named Sue“ kam nicht nur bei den Zuhörern des Konzertes gut an, die sich über den schroffen Text amüsierten und bei der Pointe („And if I ever have a son, I think I’m gonna name him Bill or George! Anything but Sue! I still hate that name!“) in stürmischen Beifall ausbrachen. „A Boy Named Sue“ wurde das kommerziell erfolgreichste Stück für den „Mann in Schwarz“ und erreichte Platz 1 in den Country Charts und Platz 2 in den Pop-Charts

Yusuf / Cat Stevens: Father and Son
Tea for the Tillerman (1971)

Ende der 1960ziger Jahre ist Cat Stevens in der Londoner Popszene ein gefragter Mann. Mit den Songs „Mathews & Son“ und „I’m gonna get me a Gun“ hatte er in den britischen Charts zwei Megahits. Beflügelt von diesen Erfolgen strebt der junge Musiker nach Höherem. Gemeinsam mit dem Schauspieler Nigel Hawthorne will er ein Musical schreiben. Es soll „Revolussia“ heißen und von Liebe und Konflikten in Zeiten der Russischen Revolution handeln. Stevens hatte bereits einige Songs geschrieben, unter ihnen „Father and Son“, bei dem es um einen Jungen geht, der sich gegen den Willen des Vaters den Bolschewiki anschließen will, statt auf der Farm der Familie zu arbeiten. Doch aus den Plänen wird nichts. Stevens erkrankt an Tuberkulose, die ihn dazu zwingt, über ein Jahr zu pausieren und das geplante, halbfertige Werk auf Eis zu legen. Danach ist das Musical kein Thema mehr für ihn.
Die Krankheit hat eine tiefe Zäsur in seinem Leben gesetzt. Stevens plant einen Neuanfang, beschäftigt sich mit Religionen und Philosophie. Auch musikalisch schlägt der Brite mit zypriotischen Wurzeln ganz andere Wege ein. Fortan tritt er mit Akustikgitarre auf, komponiert Songs mit nachdenklichen Texten. Und er erinnert sich an die schon fast vergessene Ballade „Father and Son“, die das Kernstück des geplanten Musicals hätte sein sollen. Stevens nimmt Änderungen am Arrangement und Text vor, streicht die ohnehin bemühten Bezüge zur Russischen Revolution und schreibt das Stück zu einem Song um, der ganz allgemein den Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn reflektiert.
Im Song, der als Dialog zwischen Vater und Sohn arrangiert ist, sagt der Vater in einer Kernaussage:
„It’s not time to make a change/ Just relax, take it easy/ You’re still young, that’s you’re fault/There’s so much you have to know“
Worauf der Sohn, von Stevens eine Oktave höher gesungen, entgegnet:
„How can I try to explain?/ ‚Cause when I do, he turns away again/ It’s always been the same old story“
„Father and Son“ wird zu einem Megahit und zählt bis heute zu den bekanntesten Stücken Cat Stevens, der 1977 zum Islam konvertierte und heute Yusuf Islam heißt. Er ist nicht nur Komponist und Musiker, sondern engagiert sich auch für UNO-Hilfsprojekte im Kosovo, Irak und in seiner Heimatstadt London. Seit den Bombenanschlägen in London im Juli 2005 wirkt er in einem Expertenteam der britischen Regierung zur Bekämpfung des islamischen Extremismus mit.

Harry Chapin
Cat‘s in the Cradle: Verities & Balderdash (1974)

Die meisten Songs des 1981 verstorbenen US-Singer/Songerwriter Harry Chapin erzählen Geschichten von den Losern der Gesellschaft. „Cat‘s in the Cradle“ ist ein Lied über die Lektionen des Lebens, die wir häufig erst lernen, wenn es zu spät ist. Der Song wird aus der Perspektive eines Vaters erzählt, der sich nie die Zeit für die emotionalen Bedürfnisse seines Sohnes nimmt und sich in allerlei Ausreden flüchtet, um nur nicht zu Hause zu sein. Eines Tages, als der Sohn erwachsen ist, sucht der Vater den Kontakt zu ihm. Doch dieser hat kein Interesse und weist ihn ab mit der Begründung, dass er keine Zeit für ihn hat.

„Cat’s in the Cradle“ entstand auf der Grundlage eines Gedichtes, das Harry Chapins Frau Laura geschrieben hatte, um ihn dafür zu kritisieren, dass er nie zuhause war, als sein Sohn Josh geboren wurde.

John Lennon: Beautiful Boy
Double Fantasy (1981)

John Lennon hat diesen schönen Song seinem zweiten Sohn, Sean Ono Lennon, gewidmet, der 1975 geboren wurde.
Die Beziehung Lennons zu seinem Sohn aus erster Ehe, Julian, war nicht gut. Wegen der hektischen Jahre der Beatles-Ära hatte Lennon sich nicht um Julian kümmern können, vielleicht auch nicht wollen. Dabei hatte Lennon selbst sehr darunter gelitten, dass er praktisch ohne den Vater groß geworden war, der die Familie früh verlassen hatte. Julian widerfuhr jetzt dasselbe Schicksal, wenngleich die Umstände andere waren.
Möglicherweise war es eine Urschreitherapie, der sich Lennon im April 1970 bei dem US-Psychiater Arthur Janov unterzogen und die ihm Klarheit über seine Kindheit und das Verhältnis zum eigenen Vater gebracht hatte. Oder die Beziehung zu seiner zweiten Frau, Yoko Ono, die nach heftigen Turbulenzen jetzt einen hoffnungsvollen Neustart erhalten hatte. Vielleicht war es aber auch nur die schlichte Tatsache, dass Lennon älter und reifer geworden und für eine fürsorgliche Vaterschaft jetzt bereit war. Wie dem auch sei, die Geburt seines zweiten Sohnes Sean markierte einen Wendepunkt in Lennons Leben. Der Ex-Beatle, politische Aktivist und Rockmusiker zog sich für fünf Jahre aus dem Musikgeschäft zurück, um sich ganz der Erziehung seines Sohnes Sean zu widmen, in den er völlig vernarrt schien.
Das im Dezember 1980 erschienene Album „Double Fantasy“, dessen Stücke überwiegend um die Themen Liebe, Familienglück und Vaterschaft kreisen, dokumentiert Lennons veränderten Blick auf das Leben. „Beautiful Boy“ ist das Bekenntnis eines sehr stolzen und überglücklichen Vaters, dessen wahrer Lebensmittelpunkt sein Sohn ist.
Gleichzeitig zeigt der Song nicht nur, dass Lennon durchaus schöne, eingängige Melodien schreiben konnte, sondern enthält auch einige der besten Textzeilen des Ex-Beatles. Von diesen ist vor allem die Sentenz bekannt „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“, Worte, die nach der Ermordung John Lennons am 8. Dezember 1980 einen ganz anderen, schmerzlichen Sinn bekamen.
Außerdem findet sich im Text eine Anspielung auf seinen früheren Bandkollegen Paul McCartney. „Every day, in every way, it’s getting better and better“, heißt es in „Beautiful Boy“. Diese optimistische Zeile dürfte eingefleischten Beatles-Fans aus dem Song „Getting Better“ bekannt sein, der im Wesentlichen Paul McCartney zugeschrieben wird. Lennons Beitrag zum Song besteht lediglich in der zynischen Replik „It can’t get no worse“. So gesehen ist dies eine späte Rückmeldung an den ehemaligen Freund, dass der damals recht hatte und das Leben in der Tat immer besser wird.

Eric Clapton: My Father’s Eyes
Pilgrim (1998)

Eric Clapton hat seinen Vater nie kennengelernt. Er wuchs bei den Großeltern mütterlicherseits auf, die er bis in das Teenageralter hinein für seine Eltern hielt. Die Trauer über das nichtgelebte Vater-Sohn-Verhältnis inspirierte den britischen Blues- und Rockgitarristen zu diesem gefühlvollen Song.

Annen/May/Kantereit: Oft Gefragt

Handgestrickte, melodiöse, gitarrenorientierte Musik mit viel Country-Elementen, Energie ohne Ende, ruppige, zärtliche und melancholische Texte. So präsentiert sich diese Band aus Köln. Mit diesem Song verneigt sich May vor seinem Vater, der ihn allein großzog und zu dem er ein tolles Verhältnis hat. Das glaubt man ihm aufs Wort.

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