Urga – DVD-Tipp

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Urga

Die Stille der Steppe

Gombo möchte ein viertes Kind, bzw. Sex, doch seine Frau Pagma, aus der Stadt und gebildeter als er, hat Angst davor, weil sie bereits ein Kind zuviel haben und ein weiteres zu teuer wäre um zur Schule zu schicken. Sie sind eine Nomadenfamilie auf dem Gebiet der Mandschurai, also unterliegen sie der Geburtenkontrolle Chinas.

In ihr ruhiges Leben, fernab aller Moderne, tritt Sergei, der zu Tode erschrocken wegen eines zerstückelten Toten in der Steppe, seinen Truck in einen Fluss fährt. Er war auf dem Weg in eine chinesische Stadt, wo er als Strassenbauer gutes Geld verdient und deswegen mit seiner Familie vorläufig hingezogen ist. Wohingegen in Irkutsk, wo er herkommt, es nichts zu holen gibt.

So beginnt Gombo’s „Aufklärung“

Vor vielen Jahren, konnte ich Urga, 1991 veröffentlicht, am Xenix Film Festival mit weit offenen Augen bewundern. Es war der erste Spielfilm über chinesisch-mongolische Nomaden, den die westliche Filmwelt zu Gesicht bekam und bisher auch der Beste. Dies liegt an vielen Gründen, wie auch der Film, obwohl leise, langsam und mit gefühlt nur 20 Szenen, viele Ebenen und tiefsinniger ist als er beim ersten Mal erscheint. Zu Recht wurde er damals als erster russischer Film für den Ausland-Oskar nominiert.

Die DVD war leider damals nicht mehr erhältlich doch vor einiger Zeit endlich wiederveröffentlicht.

Zunächst fühlt man sich ein wenig befremdet, belustigt oder wie im falschen Film. Man schaut der Nomadenfamilie ein wenig beim Leben zu, ohne dass eine Dramaturgie auch nur ansatzweise vorhanden wäre. Der kleine Junge beginnt mit seinen oft zugekniffenen Augen ein wenig zu nerven. Und auch bevor der Russe die Truckschnauze im Fluss versenkt denkt man noch „wieder so unlustiger, überschauspielerter asiatischer Slapstick-Humor“.

Es dauert seine Zeit bis der Film dann endgültig den Tritt findet und seine Faszination verbreiten kann. Wenn man bemerkt wie fragil diese Lebensweise ist und wie absurd gewisse Dinge, welche wir eigentlich als Normal erachten sind im Kontrast zu diesem einfachen, natürlichen Nomadenleben, dann beginnt man sich zu fragen, wer hier eigentlich besser und richtiger lebt.

Mit Charme und Zurückhaltung

Gombo, der in der zweiten Hälfte des Films versuchen wird in der Stadt, wo er mit Sergei hinfahren kann, Kondome zu kaufen, ist wie eine Spezies aus einer anderen Zeit. Dies wird nicht überwitzig, sondern warmherzig in Szene gesetzt. Die Kontraste müssen nicht speziell herausgehoben werden weil sie so oder so gewaltig sind. Gombo wird regelrecht überfahren von der Stadt und kann ihren Versuchungen nicht entsagen.

Man stellt sich am Ende die wichtige Frage ob man besitzt was man braucht oder besitzt was man besitzen kann. Macht dieser Besitz überhaupt Sinn oder stellen wir uns diese Fragen gar nicht mehr so richtig. Gombo klärt dies auf seine Weise und findet eine deutliche Antwort.

Schauspielerisch glänzt Vladimir Gostyukhin mit seiner lebendigen Gestik und Bayaeru als Gombo liefert eine wundervoll natürliche, sympatische, neugierige Performance. Die Familie wirkt dagegen eher amateurhaft wobei jedoch auch die Beziehung zwischen Gombo und Padma feinfühlig und gelungen ist. Die Blicke die sie austauschen und die Freude die sie mit ihrer  Familie teilen ist unverfälscht.

Daneben bezaubern natürlich die weiten Graslandschaften Nordostchinas. Dies mag ein Trost sein für all diejenigen, welche mit den langsamen, dialogarmen Szenen, vor allem in der Steppe, so ihre liebe Mühe haben.

Regisseur Nikita Mikhalkov filmte Urga auch mit viel Symbolik und einer Prise Surrealismus. Dies muss man einfach auf sich wirken lassen und sich die Zeit geben, das Gesehene zu verarbeiten. Es ist mehr als man auf den ersten Blick denkt.

Eine kleine Ode an das Einfach Leben, welches mit unserer Welt nicht mehr vereinbar scheint.

 

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