TULPENFIEBER – Filmtipp

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Das 17. Jahrhundert gilt in Holland vielfach als das „Goldene Zeitalter“, eine Periode, in der dem kleinen Land nach dem Erringen seiner Unabhängigkeit von Spanien der Aufstieg zu einer der größten ökonomischen Mächte der Welt gelang, zudem brachte es geniale Maler, wie Vermeer, Hals und Rembrandt hervor. Dabei zog Amsterdam, das sich im Zentrum eines Netzwerkes internationaler Handelswege und Warenströme befand, mit seinem ungeheuren Reichtum viele junge Künstler an. Sie alle hofften, unter den wohlhabenden Kaufleuten der Stadt einen Mäzen zu finden, der den Glanz seines gesellschaftlichen Status in Form eines Porträts gegen gutes Geld verewigen wollte.

TULPENFIEBER – ein farbenprächtigerKostümfilm

Vor diesem historischen Hintergrund spielt der Film TULPENFIEBER des US-Regisseurs Justin Chadwick, dem der gleichnamige Roman der britischen Autorin Deborah Moggach zugrunde liegt. Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz), ein reicher Kaufmann beschließt nach dem frühen Tode seiner Frau und Kinder erneut zu heiraten, um einen Erben zu bekommen. Die Wahl fällt auf das junge, schöne Waisenmädchen Sophia (Alicia Vikander), das in einem Konvent in Amsterdam lebt. Sophia lässt sich von der Äbtissin (Judi Dench) überzeugen, dass eine Heirat mit einem reichen älteren Mann auch ohne Liebe ihr nur zum Vorteil gereichen kann und eine gesicherte Zukunft bedeutet. Sophias erste Ehejahre verstreichen zunächst voller fruchtloser Versuche, ihrem Mann den erhofften Erben zu schenken.Zwar kann sie sich glücklich schätzen mit einem Ehemann, der in seine neue Errungenschaft vernarrt ist, einem prächtigen Haus und einer tüchtigen Magd, die sie wie eine eigene Schwester behandelt. Und dennoch fühlt sich Sophia innerlich leer – weder empfindet sie glühende Leidenschaft für den auf pure Fortpflanzung bedachten Cornelis, noch hat sie das Kind zur Welt gebracht, mit dem sie ihren „Ehevertrag“ erfüllen würde.

Auch für den Zuschauer erscheint sie in ihrer prächtigen, mit filigranen Gold- und Silberstickereien verzierten, tiefblauen Robe wie eine schöne Hülle ohne die Spur einer eigenen Persönlichkeit. Ganz anders hingegen ist hier Sophias robuste Magd Maria (Holliday Grainger), ihrer Herrin hin und wieder kesse Antworten gibt und ein unbändiges heißes Verlangen nach einem jungen Fischhändler verspürt.

Tulpenfieber

Christoph Waltz als Cornelis Sandvoort Foto: prokino/Fox

An dieser Stelle kommt Jan van Loos (Dane DeHaan) ins Spiel, ein junger aufstrebender Maler, den Cornelis einstellt, um ein Doppelporträt von ihm und seiner Frau zu malen. Und schon bald bricht der Sturm los. Der junge Maler und die unerfüllte Frau tauschen glühende Blicke aus und beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Das Paar will gemeinsam durchbrennen. Doch wie? Jan ist talentiert, aber arm. Und Sophia kann kaum hoffen, dass Cornelis sie freigeben wird. Um sich die Mittel für die Flucht zu beschaffen, beginnt Jan in den Hinterzimmern der Kaschemmen Amsterdams mit Tulpenzwiebeln zu spekulieren und lässt sich anstecken von der allenthalben lodernden Gier nach Schönheit der Blume und großem Reichtum, die schon bald für die erste ökonomische Blase der Welt sorgen wird.

Tulpenfieber

Sophia (Alicia Amanda Vikander) und Jan (Dane DeHaan) sind endlich frei. Foto:prokino/Fox

Justin Chadwick ist mit TULPENFIEBER ist ein farbenprächtiger historischer Kostümfilm gelungen, der in üppigen Bildern schwelgt, die dem Zuschauer bisweilen das Gefühl geben, in die animierten Gruppenporträts und Interieur-Gemälde der holländischen Maler des 17. Jahrhunderts zu blicken. Für manche, die dieses Genre lieben, mag das schon reichen und gute Unterhaltung bieten. Leider machen die unnötigen Wendungen des Films den im Titel genannten Tulpenwahnsinn zur Nebensache. Auch vermögen Marias gelegentliche Voice-over-Kommentare nicht die Lücken im Plot zu erklären, insbesondere was die moralische Kehrtwendung im letzten Moment betrifft, die die Zukunft der Liebenden entscheidend verändern wird. So bleibt das schale Gefühl, dass die bloße Kombination hervorragender Schauspieler wie Waltz und Dench mit einem berühmten Drehbuchautor wie Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) und schönen jungen Körper, die sich lustvoll im Bett wälzen, in der Summe nicht notwendigerweise einen Film ergeben, der seine Zuschauer, anders als die Menschen im Amsterdam des 17. Jahrhunderts, vor Begeisterung schier ausflippen lässt.

 

Der Roman von Deborah Moggach „Tulpenfieber“ ist am 12.09.2016 bei Suhrkamp/Insel taschenbuch erschienen.

Alle Fotos: © Prokino (Fox)

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