Three Worlds – Max Richter

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„Mrs. Dalloway“, „Orlando“ und „The Waves“ sind drei bekannte Romane der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf. Max Richter hat sie in Musik übersetzt und eine faszinierende Komposition geschaffen. Das dreiteilige Album eröffnet mit dem Stück „Words“. Es beginnt mit den Glockenschlägen des Big Ben, die den Londoner Verkehrslärm übertönen und bis in den Gordon Square im Stadtteil Bloomsbury hörbar sind, wo die Autorin vor ihrer Heirat mit Leonard Woolf lebte. Gleich danach hört man im O-Ton Virginia Woolf, die über die englische Sprache, ihre Besonderheit und die schwierige Aufgabe des Schriftstellers spricht. Worte – das Potenzial, die Menge mit denen ein Autor umgehen muss, um Gefühle, Bewusstseinszustände und Realitäten zu beschreiben. Worte werden zu Erinnerungen und Vorstellungen und bevölkern unser assoziatives Gedächtnis. Ohne Zeit keine Erinnerung, ohne Erinnerung kein (Zeit)Bewusstsein. Virginia Woolfs literarischen Werke spielen mit diesen Entitäten – unser Bewusstsein kann uns vortäuschen, eine Zeitspanne zu erleben, ohne den Zeitverlauf zu registrieren, nur ein bestimmtes Ereignis ist wichtig. Innen- und Außenwirklichkeit treffen aufeinander und doch gibt es kein zeitloses Bewusstsein. Die große Glocke im Elizabeth Tower des Big Ben schlägt in Woolfs bekanntestem Werk „Mrs Dalloway“ als wiederholendes Zeichen der äußeren Zeit. Das fließende Bewusstsein, die Intensität des Erlebens wird dadurch nicht gestört, es bekommt nur eine andere Färbung durch Geräusche, Stimmen, Bilder und durch die Verschmelzung der inneren und äußeren Figuren, die an einem einzigen Tag auf Mrs. Dalloway einströmen.
Dieses Erleben fasst Max Richter in Musik. Er übersetzt Sprache in sinnliche Erfahrung. Er lässt die Instrumente in „Words“ zu einem musikalischen Dialog zwischen Piano und Streichinstrumenten werden, der nach nur 1.02 Minuten endet. Es folgt eine Einladung „In the Garden“, Teil des Alltags, der mal gemütlich und schlicht, sich dann aber mit Augenblicken intensiven Erlebens abwechselt – faszinierend, wie Richter dies in seinen Kompositionen unterbringt – manchmal ruhig, ja, nahezu schlicht und gemütlich, um dann wiederum in rauschhafte, intensive ineinanderfließende Musik überzugehen.
Besonders ausdrucksvoll ist das Stück „Tuesday“, der letzte und zugleich längste Titel des Albums, mit dem Richter Motive des 1931 veröffentlichten Romans „“The Waves“ umsetzt, der vielen als das Meisterwerk der Autorin gilt. Virginia Woolf beging Selbstmord und Zentrum des Stücks ist der berührende von Gillian Anderson verlesene Abschiedsbrief, den Virginia ihrem Ehemann schrieb. Sich brechende Wellen leiten das Stück ein, das sich zu einer klagenden Solomelodie aufbaut, die sich ständig wiederholt und doch verändert. So wie das Leben, das im Tod endet. Kontemplativ lädt es den Hörer ein zu einer Meditation über die Endlichkeit des Lebens.
Dem Album liegt Richters Komposition zu dem Ballett „Woolf Works“ zugrunde, das der Choreograf Wayne McGregor für das Londoner Royal Ballet produziert hat und 2015 uraufgeführt wurde. Es enthält Musik für Orchester, Sopran-Vokalisen, elektronische Kompositionen sowie Geräusche aus der Natur und Umwelten, die der Mensch geschaffen hat.
Eine umwerfende und gewaltige Musik-Collage, die unsere Sinne und unser Bewusstsein mit exzellenter Nahrung füttert. Großartig!

Max Richter Three WorldArtist: Max Richter

Album: Three Worlds: Music from Woolf Works
VÖ: 27.01.2017
Label: Deutsche Grammophon
Vertrieb: Universal Music

 

LIVE:
04. Mai 2017 Berlin
Kammermusiksaal Philharmonie
(mit Daniel Hope)

www.maxrichtermusic.com

www.deutschegrammophon.com

www.klassikakzente.de

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