The House That Jack Built – Filmkritik

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Enfant terrible Lars von Trier ist wieder da und setzt mit seinem neuen Film THE HOUSE THAT JACK BUILT seine brutale künstlerische Sondierung der dunklen Seite der menschlichen Natur fort. Bei den 71. Internationalen Filmfestspielen in Cannes im Mai dieses Jahres veranlasste der Streifen, der außer Konkurrenz lief, zahlreiche Zuschauer den Saal vorzeitig zu verlassen. Offensichtlich hatten sie den Hinweis auf den Eintrittskarten, der Film beinhalte Szenen extremer Gewalt, überlesen oder nicht ernst genommen.

THE HOUSE THAT JACK BUILT ist eine düstere, grausige Komödie über einen Serienkiller. Lars von Triers hat hierzu das Buch verfasst und die Regie geführt. Mit 153 Minuten hat der Film deutlich Überlänge, ist bisweilen langatmig, oft schockierend, aber zweifelsohne ein mutiges und durchaus zum Nachdenken anregendes Werk.

„The House That Jack Built” ist der Titel eines britischen Popsongs aus den späten 60iger Jahren und eines bekannten englischen Kettengedichtes. Das englische Wort „Jack“ hat viele Bedeutungen.

„Jack“ ist seit jeher eines der beliebtesten männlichen Vornamen in England und Wales und damit eine Art Jedermann. „Jack“ ist auch das englische Pendant für die deutsche Spielkarte „Bube“ oder „Bauer“. Und bedeutet im britischen Slang so viel wie „rein gar nichts“. „Jack“ ist aber auch ein Wagenheber. Und mit einem solchen erschlägt im Film der Serienkiller Jack (Matt Dillon) sein erstes Opfer, eine snobistische Blondine, die ihn auf einer Waldstraße anhält, weil ihr Auto einen Platten hat und ihr Wagenheber kaputt ist.

Bringt die Beifahrerin Jack auf die Palme? Foto Zentropa-Christian-Geisnaes

Jack zögert zunächst, die geschwätzige Frau zu einer Werkstatt in der Nähe zu fahren, doch ein Nein lässt sie nicht gelten. Und schon sitzt sie neben ihm, redet pausenlos auf ihn ein, witzelt gar, ihr neuer Bekannter könne womöglich ein Serienmörder sein. Und in seinem roten Kastenwagen sei ja hinten auch genügend Platz, um eine Leiche zu transportieren.

Lars von Trier hat seinen Film wie einen therapeutischen Dialog  zwischen Jack und einem für weite Strecken unsichtbar bleibenden Gesprächspartner namens Verge (Bruno Glanz)  strukturiert.  Jack berichtet Verge von fünf aus 60 oder mehr zufällig ausgewählten „Vorfällen“ seiner Karriere. Dieser erste Mord scheint Jack auf den Geschmack gebracht zu haben, denn anschließend sehen wir ihn, wie er in weiteren Episoden seine unschuldigen Opfer erdrosselt, ersticht und erschießt, um schließlich ihre toten Körper in einem Kühlhaus neben Regalen mit tiefgefrorenen Pizzen wie Schaufensterpuppen kunstvoll zu arrangieren.

Geldgier kann tödlich enden ! Foto: Christian Geisnaes

Beim zweiten Vorfall verschafft sich Jack, der Ingenieur ist, aber eigentlich lieber  Architekt geworden wäre,  Zugang zum Haus seines Opfers, indem er zunächst vorgibt, Polizist zu sein, sich dann, als die misstrauische Frau ihm keinen Glauben schenkt, als Versicherungsvertreter ausgibt und ihr eine großzügige Prämie für eine Lebensversicherung in Aussicht stellt, die der verstorbene Ehemann zu Gunsten seiner Frau angeblich abgeschlossen hatte.  In einer weiteren Episode gibt Jack dem Ausdruck „Jagdausflug“ eine völlig neue, blutige Bedeutung.

Grausame Jagd auf Mutter und Kinder Foto: Christian Geisnaes

Dillon überzeugt in der Rolle des unheimlichen Serienkillers Jack, eines neurotischen Schussels, dem es gelingt, über 60 Menschen zu töten. Nicht weil er genial wäre, sondern weil er unglaublich großes Glück hat und die Polizei furchtbar dämlich ist. Vielleicht aber auch, weil die Welt gleichgültig geworden ist und nicht mehr wahrnimmt, was vor ihren Augen passiert.

Warum kennt sie auch nicht den Unterschied zwischen Ingenieur und Architekt? Foto: Christian Geisnaes

In seinen weitschweifenden Diskursen mit Verge über die Genialität der Konstruktion von Stuka-Bombern, die Rolle der Edelfäulnis in der Produktion von Dessertweinen und den Sinn von Grausamkeit in der Kunst, sieht sich Jack selbst als hochintelligentes, kultiviertes Genie, dessen Verbrechen im Grunde schöpferische Akte darstellen.

Dabei widerspricht er lebhaft der Theorie, dass Kunst für die Menschheit eine Art Sicherheitsventil darstellt, das es Künstler und Zuschauern gleichermaßen ermöglicht, Gedanken näherzutreten, die sie im wirklichen Leben niemals in die Tat umsetzen würden. Nein, sagt Jack in einem Kommentar zu einem Dokumentarclip über tatsächliche Massaker, einschließlich Aufnahmen aus einem Konzentrationslager, die zeigen wie Planierraupen Berge von Holocaustopfern in ein Massengrab schieben.

Es gibt keinen Gedanken, so widerlich er moralisch sein mag, den nicht irgendjemand bereits zuvor gedacht und in die Tat umgesetzt hätte. Die Kunst sei gewaltiger und größer, als wir uns vorstellen können.

The House That Jack Built

Verge und Jack bei der Betrachtung eines Kunstwerks?Foto: Christian Geisnaes

Verge zeigt sich von solchen akademischen Gedankenspielen gelangweilt.  Und manchen Zuschauer dürften diese womöglich mehr abschrecken als die drastischen Szenen, die die Folterung und Verstümmlung von Frauen zeigen, und an der Grenze von Torture Porn sind.  Der Film endet mit einem großartigen surrealen Bilderspektakel, das ein überraschendes Licht auf die Rolle von Verge wirft und der Höhepunkt aus einem Hollywood-Blockbuster sein könnte.

Man mag versucht sein, zwischendurch ein paar Mal auf die Uhr zu schauen oder den Kinosaal vorzeitig zu verlassen.

Dennoch ist THE HOUSE THAT JACK BUILT definitiv ein Film, über den man anschließend  diskutiert. Weil diese boshafte Demontage des Serienkiller-Genres technisch brillant ist und in einem provoziert, verstört und amüsiert.

Ab heute in den Kinos

Alle Fotos: Zentropa // Christian Geisnaes