The Hidden Cameras – Joel Gibb und sein wundersames Orchester

Zum Abschluss ihrer Europa Tour kamen The Hidden Cameras nach Zürich, wo wir Frontmann Joel Gibb zum Gespräch trafen und ein wunderbares Konzert erleben durften, wo sie das alte Hits sowie neue Tracks ihres aktuellen Album „Age“ spielten.

 

Von Urs Hösli

Eine Lawine rollt nun über den geneigten Leser. Aber keine Angst, es ist ein tolles Gefühl unter diesem wunderbaren Pop-Orchester begraben zu werden.

The Hidden Cameras kamen zum zweiten Mal nach Zürich. Das Ziegel Oh Lac lud zum Freestyletanzen und Himmelschweben. Ihr 5. Album „Age“ ist am 25. Januar erschienen und hat ein paar Überraschungen bereit. Nicht nur hat sich die Atmosphäre der Cameras verändert, weg vom eskapistischen Folk-Orchestral-Pop, näher hin zu düstereren Elektronik-infizierten Gothik-Pop Entwürfen (ohne dabei die Violinen ganz zu vergessen) und kraftstrotzendem Indie-Pop (mangels besserem Wort). Die Fröhlichkeit ist ein wenig dem Selbstzweifel, des ausgegrenzt- und anders-Seins gewichen. Ein Coming-of-age Album wollte er machen, womit er leider schon eine meiner Fragen beantwortet hatte bevor ich sie ihm im kleinen Bandraum der Roten Fabrik stellen konnte. Was jedoch mitnichten bedeutet dass die Platte depressiv klingt nur weil die Musik weniger soft und warm ist. Vielleicht fliesst die zweite Hälfte von „Age“ nicht mehr ganz so geschmeidig ohrwurmverdächtig wie „Origin:Orphan“, die Vorgänger-Platte von 2009 aber es lohnt sich genau hinzuhören. Der Dub-Song „Afterparty“, wohl die grösste Überraschung, fiept und zirpt gemütlich vor sich hin, nachdem der Schluss der Single Gay Goth Scene in einem Freak-Out von Schreien, Gelächter und Horror-Geräuschen geendet hat. Wie sie diesen Schluss live umsetzten gehörte zu den grössten Überraschungen dieses denkwürdigen Abends.

 

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Was sich nicht geändert hat ist ihre Deutlichkeit. Es wird nichts verschleiert. Weder textlich noch musikalisch. Der Zugang zu seinen Texten ist vielleicht sehr abhängig von der eigenen Einstellung zu Homosexualität, auch wenn die Songs am Ende einfach auch Liebeslieder sind (oder Lieder über Sex). Die Melodien sind jedoch so offensiv und grossartig, sie nisten sich sofort im Gehörgang ein, genau wie alles was sie zuvor veröffentlicht haben. Und genau das ist auch eines der Wunder dieses Mannes. Viele Leute würde er z.B. mit dem Eröffnungslied von Age „Skin & Leather“ abschrecken, wüssten sie was er überhaupt singt, aber am Konzert will man einfach nur dazu tanzen bis zum Umfallen und so unreserviert wie es für einen Schweizer eben möglich ist. Und jedes Lied möchte man sofort nochmals hören, was natürlich am Ende ein Endlos-Konzert geben würde. Allerdings gäbe es kaum was Besseres auf Erden als das.

 

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Skin & Leather, Doom, Gay Goth Sceen, Year of the spawn oder das ruhige und wunderschöne Ordinary over you, alles neue (obwohl teilweise schon lange vorher geschriebenen) Perlen im Schaffen des Kanadiers. Sie machen Age zu einer weiteren unbedingt empfohlenen CD. Egal ob man den Dub, welcher die zweite Seite der Platte, das junge Erwachsen sein, einläutet mag oder nicht.

Was im Gespräch mit Joel absolut klar wurde ist, dass er The Hidden Cameras mehr als Familie und nicht als Band betrachtet. Er liebt es Menschen zusammen zu bringen (egal ob freundschaftlich oder sexuell). Der europäische Teil der „Band“ liest sich wie ein West-Ost-Europa-Projekt, Jordan aus London, Tom aus München, Verity aus London und aus einer der tollsten 2000er Bands (Electrelane), Ivan aus Kroatien, Jan aus Bremen, Nico und Jens aus Berlin. Als er mir am Schluss einige der musikalischen Arbeiten seiner Familie kurz vorspielte, hörte sich das wie eine wichtige, wundervolle Pop-Compilation an, welche aber wohl niemals das Licht der Welt erblicken wird. Und es sollte sich auch zeigen dass sie tatsächlich nicht einfach Session-Musiker sind sondern ein begeisterter und begeisternder Teil der Cameras. Selten habe ich eine sympatischere Band auf der Bühne gesehen. Selten auch eine coolere und noch nie habe ich zuvor von einem Mann gehört der die gleiche Band (zumindest unter gleichem Namen) gleich zwei Mal hat, einmal in Kanada und einmal in Europa.

Weisse Turnschuhe, Sportsocken, eine schwarze Schürze und ein enges schwarzes Trägershirt. Das war die Banduniform am heutigen Abend. Leider (oder zum Glück?) nicht wie im Gespräch sinniert, oben ohne. Zwei Gitarren, ein Bass, ein Cello, eine tonangebende und ungemein wichtige Violine, ein verspieltes Schlagzeug und Verity als einzige Frau, fast ein wenig in die Ecke gedrückt und auch sonst sehr unauffällig am Keyboard. Am Ende auch noch Kevin Devine am Tamburin (neues Album Bubblegum ist SEHR süffiger Singer-Songwriter Pop-Punk welcher mehr als nur „Private First Class“ als Hitverdächtigen Song ausweisen kann).

 

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Entgegen meiner Erwartung war das Konzert, obwohl viele neue Songs gespielt wurden, in der Atmosphäre genau so wie man sich das von ihren älteren Sachen gewünscht hatte. Eigentlich waren es nur Hits. Egal ob schräge wie „Awoo“ mit einem lustigen Xylophon-Auf-und-Ab zwischen den Vers-Zeilen oder dem lupenreinen dunklen 80er-Disco-Song „Carpe Jugular“, das bouncige, naiv klingende, direkt aus dem Pop-Himmel herab singende „Underage“ mit seinem federleichten Bass und den ultramelodiösen Strophen oder als Abschluss des regulären Sets das alte „Music is my boyfriend“, es machte alles glücklich und süchtig. Das Konzert war ein Triumph, vielleicht einer mit Ankündigung weil man dies von den Hidden Cameras eigentlich gewohnt ist, aber für mich ein besonderer, weil ich selten an einem Konzert glücklicher war. In einen solch extatischen Zustand versetzen mich ansonsten eigentlich nur „Belle & Sebastian“.

 

Es spricht für sich, dass alles was The Hidden Cameras bisher aufgenommen haben, nur wie ein Lied von The Hidden Cameras klingt. Auch wenn Age eigentlich über die ganze Karriere hinweg entstant, angedacht als ein Album in Moll, und jedes Lied mit verschiedenen Musikern aufgenommen wurde und die 8 Songs von nicht weniger als 4 verschiedenen Produzenten gemixt wurden ist es unverkennbar. Joel’s Lieder lassen sich nicht verbiegen, sie haben seinen Charakter. Und das ist etwas, dass so vielen Bands abgeht, Eigenständigkeit und Charakter. Hier gibt es dies fast im Überfluss. Einer der vielen Gründe weshalb ich diese Band so schätze.

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Zum Glück ist bereits ein weiteres, nebenbei entstandenes Album in den Startlöchern… mit Folk-Liedern. Ganz traditionell soll es werden, hat Joel mir verklickert. Was das heissen wird, werden wir hoffentlich nächstes Jahr erfahren. Es wird wahrscheinlich wie The Hidden Cameras klingen.

Und das sind die besten Nachrichten die man kriegen kann.

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Photos: thehiddencameras.com 

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