T.S. Spivet – DVD-Tipp

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(dt: Die Karte meiner Träume)

Ich scheine 2013 total abwesend gewesen zu sein, ansonsten würde ich doch nie einen Film von Jeunet spurlos an mir vorbei ziehen lassen. In der DVD-Wühlkiste lächelte mich nun dieser eher kleine Film vom französischen Kultregisseur ganz freundlich an. Sah wie ein Kinderfilm aus, aber wie könnte ich da Nein sagen?

In einer Zeit, wo Namen von Regisseuren teilweise nicht mal mehr auf dem Filmplakat stehen, ist es umso wichtiger, wachsam zu sein. Jeunet mag wenig Filme gemacht haben und auch nicht immer von absoluter „Delicatessen“-Qualität, aber man weiss, was man im Mindesten bekommt. Bilderbuch-Shots die man sich allesamt gerne zu Hause an die Wand hängen würde. Dazu kommt noch: Ich mag Kinderfilme oder zumindest Filme die mit einem kindlichen Auge, wie z.B. Where the wild things are, gefilmt sind.

Ein Hohn

Die Karte meiner Träume bediente dies zwar nicht so leichtfüssig wie Amélie und verliert sich in der Mitte ein klein wenig in seinen eigenen Gedanken aber nichtsdestotrotz wirkt die Metacritic Punktezahl von 48/100 wie ein Hohn.

Der übersüsse und wissenschaftlich hochbegabte T.S. Spivet (Kyle Catlett) ist von solch entwaffnender Ehrlichkeit und Naivität, dass man ihm nie im Leben etwas Schlechtes wünschen würde. Doch genau dies ist ihm passiert. Der Tod seines älteren und vom Vater mehr geliebten Bruders versetzte ihn und seine Familie, abgeschieden in der beeindruckend schönen Pampa von Montana in ein Delirium aus Distanz und Einsamkeit. T.S. fühlt sich alleingelassen und obwohl man ihm sagt, dass er keine Schuld am Tod hat, kann der 10-jährige dieses Gefühl nicht abschütteln.

Als er nebenbei das Perpetum Mobile erfindet (es sei noch weit weg vom Perpetum Mobile, da die Magnete nach 400 Jahren ausgewechselt werden müssten meint T.S. an der Preisverleihung, einfach herrlich bescheiden) und einen Preis in New York entgegen nehmen müsste ohne zu sagen dass er bloss 10-jährig ist, macht er sich auf die Reise und packt seinen Koffer so kindlich wie die beiden Verliebten in Wes Anderson’s Moonrise Kingdom.

ICH habe dich entdeckt, also kann ich dich ausbeuten…

Diese Geschichte, so fern sie theoretisch von jeglicher Realität entfernt ist, muss man auch selbst mit einem kindlichen Auge anschauen, denn trotz aller Genialität, ist der kleine Junge eben doch nur ein Kind. Im dritten Akt, im Smithsonian Institute in New York und später in News-Sendungen und Talkshows, wird er nicht zum medialen Helden, weil er etwas Unglaubliches erfunden hatte und für ebendieses gelobt, sondern wird auf die mediale Schlachtbank gehoben wo er vorgeführt wird wie Tiere im Zoo. Es ist wichtiger, dass er 10 Jahre alt und manipulierbar ist, als seine Erfindung, die Lösung eines der grössten Rätsel der Physik. Trotz aller Fantasie, ist diese „Abrechnung“ mit den Medien brutal real. Optisch wechselt der Film von farbenfrohen, wie im Dämmerlicht leuchtenden Landschaften wo selbst ein billiger Imbiss bei einem Güterzugbahnhof freundlich wirkt zu eher städtisch-grauen Ästhetik zwar komplett, weil der kleine T.S. keine Kontrolle mehr hat über die Bilder und plötzlich durch die Erwachsenen geprägt und gegängelt ist. Dies kann man als Bruch irritierend finden, doch gibt er dem Film den dringend benötigten Kick und ist vollkommen kohärent im Stil. Jeunets Kritik an der Sensationsgier und Oberflächtlichkeit der Medienwelt ist offensichtlich und in sich eigentlich ein eigener kleiner Film. Heute ist der, der jemanden grossartigen entdeckt, fast wichtiger als der Entdeckte, schliesslich ist das ICH und die Selbstinszenierung wichtiger als die Sensation dahinter.

Es liegt nun mehr in der Akzeptanz des Betrachters, ob T.S. Spivet den Charme von „Die Stadt der verlorenen Kinder“ oder „Die fabelhafte Welt der Amélie“ besitzt. Man muss den Film teilweise als „Kinderfilm für Erwachsene“ respektieren können. T.S. Spivet ist anders und verlegt den Fokus von Märchen Richtung Drama. Er macht dies nicht, ohne etwas an Unterhaltungswert einzubüssen aber er verliert auch nicht die Tugenden früherer Werke.

Schon mal eins auf die Mütze gekriegt…

Ein wenig, dass muss ich zugeben, ist es schade, dass er einen amerikanischen Film gedreht hat. Der Charme des Französischen wurde dadurch mit einem Holzfällerhemd ersetzt. Mit Alien: Resurrection hatte er ja viele Jahre zuvor schon ziemlich eins auf die Mütze gekriegt, teilweise auch gerechtfertigt, wobei Hollywood mit dem damals aufstrebenden Regisseur wohl machen konnte was es wollte. Das war mit David Fincher’s drittem Alien ja gleich. Was Jeunet auch dieses Mal nicht daran hindert, Dominique Pinon in eine kurze Rolle als Vagabund in einem Zugswagon zu stecken. Und das ist immer eine Freude. Eine zu Seltene (und zu kurze) leider.

Mag Vieles ein wenig wie ein Hochglanzprospekt von Montana daher kommen, so hat der Film das Herz am richtigen Fleck und lässt das Kind dann doch ein Kind sein. Und den Jeunet einen Jeunet.

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