A Perfect Week of Music II/III: St. Vincent

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Kaufleuten 31.05.2014

 

Aber wie kann es dann sein, dass so ein geiles Konzert wie EMA sich plötzlich wie eine Vorband anhört und bloss die Vorbereitung auf etwas noch viel Grösseres war? 3 Tage später…

… stand die zierliche, exzentrische und in Staunen versetzende St. Vincent auf der Bühne des Ballsaals vom Kaufleuten. Und natürlich, es wäre nicht das Kaufleuten wenn nicht jeder Ton klar wie ein Bergsee aus den Boxen perlen würde.

Ich bin mir nicht sicher ob da oben ein Roboter tänzelte der wie ein Mensch sein wollte, ein Alien welches unsere Gestalt angenommen hat oder eine alte, verstrubelte Porzellan-Puppe mit einem Aufziehschlüssel. Aber egal was, Annie Clark legte eine perfekte Performance auf die Bühne. Stimmlich so charmant und präzise wie immer, an der Gitarre eine Freak-Out-Göttin. Wenn Annie etwas mehr umarmt als ihre eigene Exzentrik, so ist es ihre schwarze E-Gitarre, welcher sie ungeahnte Töne und Melodien entlockt ohne dass man sie jemals die Pedalen bedienen sieht.

Als Roboter versuchte sie immer zu lächeln und zu sagen, hey, ich bin eine von euch Menschen. Seht, ich kann lachen wie ihr. Es wirkte als würde sich der Roboter ein klein wenig schämen, dass er nicht so echt lächeln kann und weiss dass er nicht menschlich ist oder je sein wird. Aber er wünscht sich nichts mehr.

Als Porzellan-Puppe tänzelte sie in winzigen Schrittchen weg von ihrem Mikrofon ins leere Zentrum der Bühne. Tänzelte nach vorne, zur Seite, zurück, wackelte mit dem Kopf, streckte die Hand zum Publikum. Erst in den häufigen, so richtig geilen Gitarrensolis fühlte sich die Puppe lebendig. Verwandelte sich zum überlegenen Alien welches ohne Mühe alles in einen langen Schatten hüllt.

Als Alien weiss sie dass sie von allem menschlichen Leben verehrt wird wie eine Königin. Sie verführt, sie weist zurück, sie steht zuoberst auf dem Podest und sie lässt sich effektvoll, langsam, kopfüber die Treppe auf der Bühne herunterpurzeln. Als Alien kann sie tun und lassen was sie möchte, weil sie singt wie eine Göttin und Gitarre spielen kann wie eine Meisterin. Dazu noch Songs die ihre ganz eigene Handschrift tragen. „Rattlesnake“, das kalte Disco-Wunder mit dem abweisend-gackernden Refrain. Das wunderschöne „Prince Johnny“ mit dieser erhabenen Melodieführung oder das sehr in alle Richtungen verzerrte „Your lips are red“ vom Marry Me Album. Speziell dieses Lied wurde von ihr in 1000 Stücke zerschreddert, mit Gitarrensaiten wie Rasierklingen.

Eigentlich war das ein geiles Rock-Konzert. Wenn es nicht so ein wundervolles Pop-Konzert gewesen wäre oder ein solch pumpendes Tanzkonzert. St. Vincent = St. Vincent = Musikhimmel.

 

 

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