Spartiates – Ein grossartiger Film über Frankreichs vergessene Kinder

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Spartiates des Genfer Filmemachers Nicolas Wadimoff

beging an den Solothurner Filmtagen seine Schweizer Premiere. Eine Woche später gewinnt er den Hauptpreis. Einstimmig erkannte die Jury im Werk eine „Metapher für das zwischenmenschliche Leben“. Eine Metapher? Der Film ist weit mehr als das: ihm gelingt die Gratwanderung, mitten ins Leben einzudringen, ohne dabei die Protagonisten in keinster Weise zu manipulierten. Respekt! Eine filmische Begegnung mit Marseilles Quartier Nord.

Die Atmosphäre während der Vorführung in der dicht bestuhlten Reithalle war konzentriert und gebannt. Das Publikum folgt dem charismatischen und raumfüllenden (dies jetzt als Metapher zu verstehen) Protagonisten Ivan Sorel, ein Kämpfer in der Sparte Mixed Martial Arts. Seine Mission ist nicht mehr Champion zu werden,  den Zenit seiner Karriere hat er offensichtlich überschritten. Das nicht zuletzt, weil er mindestens soviel Energie in seine Kampfsportschule im Quartier Nord der Hafenstadt Marseille investiert, wo er Dreikäsehochs bis jungen Erwachsenen die Kunst des Mixed Martial Arts (MMA) beibringt. „Les Quartiers“ nennen die Franzosen ihre Ghettos, um es beim ungehübschten Namen zu nennen, jene Quartiere, die einen sehr hohen Bevölkerungsanteil von Einwanderern aus dem Maghreb oder sonst aus afrikanischen Ländern leben. Drogen, Kriminalität, Gewalt und hohe Arbeitslosigkeit ist das Klischee und leider auch Teil der Realität. Aber eben nur ein Teil. Ein anderer, ist zum Beispiel die Kampfsport- und vielmehr Lebensschule „Team Sorel“, wo Ivan durch tägliches Kickbox-Training seine ganze Kraft dafür einsetzt, dass seine Schützlinge nicht durch die Maschen der französischen Klassengesellschaft fallen. Und diese Realität lernt der Durchschnittstourist nie kennen, weil er sich gar nicht erst in diese Gegenden vorwagt.

 

Kein einziger Cent floss in die lokale Kunstszene

Nicolas Wadimoff kennt Marseille gut, er drehte schon zwei Filme dort. Er selbst lebt mit Frau und Kind in Montreal und so findet das Gespräch über Skype statt. Das Ganze hat damit begonnen, als Marseille 2013 Europäische Kulturhauptstadt war. Marseille erfindet sich neu, das Hafenquartier und das ehemals berüchtigte Altstadtquartier Le Panier werden umgestaltet, die Ernennung zur Kulturhauptstadt hat den urbanen Umbau, Gentrifizierung genannt, stark beschleunigt. Wadimoff fand speziell stossend, dass bei hunderten von Millionen Euros, die unter anderem in ehrgeizige Museumsprojekte wie das MuCEM gesteckt wurden, kein einziger Cent in die lokale Kunstszene gesteckt wurde. Nicht einmal die in Frankreich sehr populäre HipHop Gruppe IAM, die Rap Workshops im Quartier Nord organisierte, kritisiert Wadimoff.

Am Anfang stand der Kurzfilm Spartiates Des Quartiers, den er für den Themenschwerpunkt Marseille für das Westschweizer Fernsehen RTS realisierte. Dank seinen vielen Kontakten in der Marseiller Szene sollte er zur schicken Hochkultur ein Gegenstück aus dem vernachlässigten Quartier Nord erzählen. Durch einen Freund, den Schauspieler Moussa Maaskri, lernte er schliesslich Ivan Sorel und die MMA Szene kennen.

„Von Mixed Martial Arts hatte ich zwar keine Ahnung, aber ich boxte als ich jung war, und als Olympique Marseille Fan, war ich dann sofort Teil der Familie und nicht ein Eindringling mit dem anthropologischen Blick“, betont Wadimoff über sechs Zeitzonen im Gespräch über Skype. Er lebt mit Frau und Kind inzwischen in Montreal.

Spartiates

Der Matador und sein Stier

Und so toste der Saal, am Filmende, um die angestaute Ergriffenheit in Form von johlendem Applaus in Richtung Bühne zu schiessen. Sorel, ein Drillkommandant, der auch Zwerge nicht mit Samthandschuhen anfasst. Roh und streng ist sein Stil, hier mal ein Tritt in den Hintern, dort ein Verhör angesichts servierten Lügengeschichten. Er ist aber in seiner Rauheit immer sehr klar, ein fixer Orientierungspunkt, was den meisten seiner Schülerinnen und Schülern im Leben fehlt. Und er will ihnen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, dem Kampfsport und der grossen Klappe, sowas wie moralische Werte beibringen. Ja, Werte, die sich in unserer Zeit in falscher Sicherheit wähnen: Respect, sincérité, persévérance. Zumindest hätte es sich bereits vor dem 7. Januar, als Charlie Hebdo zum globalen Banner wurde, gelohnt um sie zu fürchten und sie bestimmter zu verteidigen. Dieser Gedanke mag im Verdacht wohl auch in der spontanen Begeisterung des Schweizer Publikums enthalten sein. Tränen der Rührung stiegen nicht nur der Autorin dieses Textes dann und wann in die Augen. Ebenso so intensiv wie das Resultat auf der Leinwand, war der Dreh. Der Regisseur und sein Schauspieler, seien gleich zu Beginn aneinander geraten, gesteht Wadimoff, da Sorel eindeutig die Hauptrolle des Films spielen wollte. „Aber es ist kein Biopic von Ivan Sorel“, sondern er hätte ursprünglich als Erzähler durchs Quarier führen sollen“, sagt Wadimoff. „Es war ein konstanter Kampf wie zwischen einem Matador und seinem Stier.“ Und letztlich haben beide gewonnen. Der Schlüssel einer erfolgreichen Zusammenarbeit sei der gegenseitige Respekt. Und der ermöglichte ihm eine grosse Nähe zu seinem Protagonisten. Und die Kamera kommt Sorel sehr nah, fängt Momente ein, die Kampfszenen, manchmal sehr emphatisch wie in einem Spielfilm. Im Trainingsraum schwitzt sogar die Kamera, die Zuschauer sehen durch den Film Kondenswasser, die Kamera verschmilzt mit dem Geschehen.

Sie war da, als Macho Sorel nach verlorenem Kampf erschöpft in mitten von Plüschtieren schläft, oder wenn er mit sich selbst ins Gerciht geht und dabei in Tränen ausbricht. Er hätte der todkranken Mutter zu wenig Aufmerksamkeit gegeben,, was er sich bis heute nicht verzeiht.

Die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe

Die Mutter werde von dieser dritten Generation von Afrikanisch oder Maghreb stämmigen Franzosen grausam überhöht, so Wadimoff, als Ausdruck ihrer Enttäuschung über ihre Väter. Da dringt Spartiates in die Abgründe von Frankreichs kolonialem Erbe vor: Eine Generation ohne moralischen Leitplanken, die sich neu erfinden musste, da ihre dysfunktionalen Väter keine Vorbilder waren, jene vom Staat verschmähten, soviel liess sie die Geschichte wissen, jene Söhne und Töchter der Geächteten der leeren Versprechungen Francois Mitterands. „Viele Franzosen sehen sich als grosse Humanisten, aber sie führen diese typisch postkoloniale Arroganz spazieren, im festen Glauben, dass andere Kulturen in Dunkelheit leben und sie die Europäer ihnen Licht brächten.“

Der Zufall wollte es, dass der Film zu diesem Zeitpunkt den Weg zu einem Publikum findet, wo die ganze Welt seit dem Attentat auf Charlie Hebdo auf Frankreich blickt.

„Frankreich und seine Institutionen sind sehr krank“, befindet Wadimoff sehr bestimmt. Hat sein Film durch die tragische Koinzidenz von Charlie Hebdo eine neue Dimension angenommen? Er hätte den Fokus während der Arbeit an diesem Film nie auf den islamischen Jihad gesetzt, und würde sich auch jetzt davor hüten, seinen Film als Beweisführung zu missbrauchen, dass die Politik Frankreichs auf ganzer Strecken versagt hätte.

Tritt ihnen in den Arsch, bevor sie dich treten

Die Grande Nation muss wieder ganz demütig an der Basis beginnen. Und dort wirkt ein Sorel, und zum Weinen bringt einen die Tatsache, dass es wieder notwendig ist, die Nachgeborenen zu ermahnen, dass das Blut aller Menschen rot durch die Adern fliesst, ob es sich um Bretonen, Algerier, Juden, Moslem oder atheistische Kosmopoliten handelt. War Europa nicht schon mal weiter?

Da gibt es diese Lokalpolitikerin, die Sorel um Unterstützung bittet, um endlich einen geeigneten Trainingsraum für seine Schule zu finden. Anstatt eines Raums gibt’s Ehrenmedaillen und auch nach etlichen Sitzungen mit dem Team Sorel hat die Gemeinderätin sichtlich nicht verstanden, worum es bei MMA geht. Ein Trainingslokal haben sie bis heute nicht. Diese Politikerin sei symptomatisch, so Wadimoff, sie sei doch kein schlechter Mensch, aber eine völlige Fehlbesetzung, unfähig Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. „Die Classe Politique ist lediglich noch eine Karikatur ihrer selbst.“ Der Film erzählt das aber weit subtiler als sein Macher im Gespräch. Frankreich hat lange nicht einsehen wollen, dass sie einen grossen Teil seines Volks diskriminiert hat. Manchmal auch in ihrer absurden Umkehrung, indem sie Einzelkämpfer zu Helden stilisiert. Die Soziologen haben dafür die verquirrlte Wortschöpfungen wie „Discrimination positive“. Und ein Typ wie Ivan Sorel kommt hier zu einem einfachen Schluss: Um die eigene Würde zur retten, bleibt dir lediglich die Selbstachtung. Und wo Werte wie Ehre und Loyalität im brutalen Lebensalltag mit Füssen getreten werden, muss man zurücktreten und sie erst recht laut in den Raum rufen, damit sie nie vergessen gehen: Fraternité, Sincérité, Respect.

Spartiates läuft ab Mai in den Deutschschweizer Kinos

 

Über die Autorin:

Valerie Thurner (38) ist freie Journalistin, Videophilosophin und arbeitet für verschiedene Filmfestivals. Sie arbeitete in Buenos Aires, für das Schweizer Fernsehen und schreibt für den Tages-Anzeiger und diverse Blogs über Kultur und Gesellschaftsfragen, mal bissig, mal nachdenklich. Wäre das Leben ein Genre wäre es für sie die Tragikomödie.

Valerie Thurner

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