Sorj Chalandon – Am Tag davor

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Bergleute haben ihre eigene Sprache, Arbeitskleidung und besonderen Rituale. Seit Jahrhunderten ist ihr Arbeitsort anders als viele andere ein gefährlicher, schmutziger und von vielen Katastrophen bedrohter. Die Schätze, die im Inneren der Erde lagern, können nur unter schweren Mühen nach oben befördert werden. Die Kumpel, die unter Tage arbeiten, sind deutlich gezeichnet von ihrer Arbeit: Der Kohlestaub dringt tief in die Haut ein, und nach Jahren schwerster Arbeit bemerken die Männer auch, dass der Staub vor ihrer Lunge nicht Halt gemacht hat. Sie tragen in den meisten Fällen eine Staublunge davon, die dann auch für viele einen frühzeitigen Tod bedeutet.

Dennoch übt die Zeche eine magische Anziehungskraft aus. Auch Joseph im Roman „Am Tag davor“ entscheidet sich für die Kohle und nicht, wie es sein Vater wünscht, für die Arbeit auf dem Bauernhof. Sein 16-jähriger Bruder Michel liebt Joseph sehr. Er ist sein Idol und Vorbild. Beide verehren den Schauspieler und Rennfahrer Steve McQueen und würden am liebsten selber Rennfahrer werden. Aber in der Realität des finsteren französischen Nordens sind solche Lebensentwürfe nicht vorgesehen.

Joseph hat Michel zum Verbündeten, dem er alles mitteilen kann. Er erzählt von der harten Arbeit und bezeichnet Michel als Pochjungen, so nennen die Bergleute die Kinder, die zu den jüngsten Arbeitskräften im Bergbau gehören.

Bald schon spürt Joseph, dass die Bergwerksbetreiber, die Menschen ausbeuten, die Sicherheitsvorkehrungen zugunsten schneller Arbeitsabläufe vernachlässigen. Er will mit anderen Kumpeln die Arbeit im Schacht 3b verweigern, wegen der Mängel. Er und die anderen haben Angst. Der nächste Tag soll der ihres ersten Widerstandes werden.

Doch es kommt nicht dazu. Mit Michel fährt er am Abend zuvor auf dem Moped durch die Straßen seiner französischen Heimatstadt. Sie fühlen sich euphorisch und unbesiegbar. Am Tag darauf kommen bei einem Grubenunglück 42 Bergmänner aufgrund eines fatalen Fehlers der Werksleitung ums Leben, und auch Joseph stirbt an den Folgen seiner Verletzungen.

Für Michel und seine Eltern ist es eine furchtbare Tragödie, die ihr bisheriges Leben zerstört. Der Vater kann so nicht weiterleben und Michel flüchtet aus der Region, um in Paris ein anderes Leben zu beginnen. Doch Joseph ist immer bei ihm. Kein Tag vergeht, ohne dass er an ihn denkt und an die Worte des Vaters: „Du musst uns rächen!“

Michel hortet die Kleidung seines Bruders, schneidet Zeitungsartikel zum Grubenunglück aus und verirrt sich gedanklich. Sein Schmerz hat seine Erinnerung an einem entscheidenden Punkt getrübt.

Jedem erzählt er die Geschichte seines Bruders um diesen Punkt herum. Und auch er glaubt die Geschichte, wie sein Bruder Joseph durch das Grubenunglück sterben musste. Michel nähert sich unaufhaltsam dem Tag, an dem er endlich Rache nehmen kann.

Sorj Chalandon hat das Grubenunglück 1974 in Liévin als Journalist kommentiert. Sein Roman ist aber mehr als eine gute Recherche. Er ist Anklage und empathische Geschichte zugleich: Ein fiktiver Bergarbeiter unter vielen realen Kumpeln, die damals sterben mussten, weil die Leitung des Bergwerks geschlampt und versagt hatte. Missstände, die niemand verantworten wollte.

Mit Feinfühligkeit und leiser Dramaturgie erzählt Sorj Chalandon von einer individuell erlebten Schuld, die keine war, aber dennoch ein Leben bestimmt hat.

Ein ergreifender Roman mit einem überraschenden Ende und eine Hommage an die 42 Bergleute, die 1974 sterben mussten, und an die vielen anderen. Auch in Deutschland gab es von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1984 10.000 Tote im Steinkohlebergbau.

Sorj Chalandon

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, war viele Jahre lang Journalist bei der Zeitung ›Libération‹ und ist seit 2009 Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet.

Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit nahezu allen großen französischen Literaturpreisen gewürdigt. Er veröffentlichte zunächst die Romane ›Le petit Bonzi‹ (2005), ›Une promesse‹ (2006, ausgezeichnet mit dem Prix Médicis) und ›Mon traître‹ (2008). ›La légende de nos pères‹ (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. ›Die Legende unserer Väter‹. Der folgende Roman ›Retour à Killybegs‹ (2011; dt. ›Rückkehr nach Killybegs‹, 2013) wurde mit dem Grand Prix du roman de l’Académie française 2011 ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt 2011 nominiert. Auch der Roman ›Le quatrième mur‹ (2013; dt. ›Die vierte Wand‹, 2015) war für den Prix Goncourt nominiert. Sein semiautobiografischer Roman ›Profession du père‹ (2015; dt. ›Mein fremder Vater‹) wurde mit dem Prix du Style ausgezeichnet.

Sorj Chalandon

Sorj Chalandon
Am Tag davor
Roman

Aus dem Französischen von Brigitte Grosse.
Verlag: dtv

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