Schwanensee von Martin Schläpfer – Ballett am Rhein

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Schwanensee, das Ballett in vier Akten von Peter I. Tschaikowsky ist der Star unter den Balletten und auch Menschen ohne jegliche Affinität zum Tanz bekannt. Seit seiner Uraufführung im Jahre 1877 am Moskauer Bolschoi-Theater hat “Schwanensee” viele Deutungen erfahren, und manche Szenen wurden nicht selten karikiert.

Die Geschichte über die unglückliche Liebe zwischen dem Prinzen Siegfried und Odette entspringt aus der Epoche der schwarzen Romantik. Liebe, die immer treibende Ursache menschlichen Handelns und Fehlverhaltens, zeigt auch hier ihre Urgewalt. Martin Schläpfer hat seine Schwanensee -Version jedoch entrümpelt und auf moderne Beine gestellt. Diese kommt ohne Tutus und künstliches Flügelschlagen aus und stützt sich inhaltlich auf das ursprüngliche Libretto, in dem es um ein Familienmärchen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert geht.

Marcos Menha als Siegfried – Foto: Gert Weigelt

Prinz Siegfried soll heiraten und feiert nochmals ungestüm die letzten Tage seiner Freiheit. Dagegen ist Odette aus der tyrannischen Herrschaft der hexenhaften Stiefmutter zu ihrem Großvater geflohen, der das Mädchen seitdem am Grund eines Sees beschützt. Prinz Siegried verirrt sich dahin und verliebt sich in Odette. Er allein besitzt nun die Kraft, Odette aus den Fängen der stiefmütterlichen Bedrohung zu befreien. Nun nimmt die Tragödie ihren Lauf. Siegfrieds Verliebtsein scheitert an der fatalen Odile, der er verfällt. Die Halbwertzeit von Liebe hatte auch in der Romantik wie heute oftmals nur eine kurze Zeitspanne. Doch anders als heute und in diesem “Schwanensee” muss Odette deshalb sterben. Was mit dem Betrüger passiert, bleibt offen.

Camille Andriot ist Odile, der schwarze Schwan, tanzt aber nicht, wie es die traditionelle Inszenierung vorsieht auch den Part der Odette. Martin Schläpfer trennt das Gute und Böse, und zwei Tänzerinnen verkörpern die moralischen Gegensätze. Die daraus entstehenden Konflikte bleiben jedoch erhalten und machen die Dynamik des Balletts aus. Sie sind die Wurzeln der Musik Tschaikowskys.

Im Publikum und im Orchestergraben herrschen einige Minuten atemlose Stille. Auf der Bühne bewegen sich die Tänzer*innen und zeigen in der Stille eine Epik, die vorwegnimmt, was sich wenig später dramatisch auf der Bühne vollzieht. Eine märchenhafte Ballettgeschichte, angesiedelt im 21. Jahrhundert. Ein stilistischer Geistesblitz, der die Aufführung einmal mehr von anderen unterscheidet.

Natürlich sind die Kostüme und das minimalistische Bühnenbild von dieser Welt, doch das Entscheidende sind die Bewegungsabläufe, die gestische und tänzerische Sprache, die modern ist. Wenig Spitzentanz, den allein Odette tanzt und mit Siegfried in atemberaubende Pas de deux verwandelt.

Eine berührende, zeitgemäße und perfekte Choreografie, die Martin Schläpfer mutig vorgenommen hat.

In den Hauptrollen waren Marcos Menha als Siegfried, Marlúcia do Amaral als Odette, Camille Andriot als Odile, Virginia Segarra Vidal als Siegfrieds Mutter, Chidozie Nzerem als Zeremonienmeister, Alexandre Simões als Benno, Young Soon Hue als Stiefmutter, Sonny Locsin als Rotbart und Boris Randzio als Großvater zu erleben. Musikalisch begleiteten die Düsseldorfer Symphoniker unter Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober die Compagnie. Florian Etti hat die Bühne und die Kostüme gestaltet, Stefan Bolliger war für das effektvolle Lichtdesign verantwortlich.

Fotos: Gert Weigelt – Titelbild zeigt Marcos Menha als Siegfried, Marlúcia do Amaral als Odette

Weitere Vorführungen 28.09.2018 – 08.01.2019 im Theater Duisburg