Ronald D. Gerste: Wie das Wetter Geschichte macht

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München, 8. November 1939. Monatelang hatte Georg Elser akribisch auf dieses Datum hingearbeitet. Anlässlich seines gescheiterten Putsches würde der „Führer“ wie jedes Jahr eine Rede im Bürgerbräukeller halten. Für den Hitler-Gegner Elser der perfekte Moment für ein Sprengstoff-Anschlag auf den Diktator. Nachdem der gewiefte Tischler Sprengstoff und Zündkapseln besorgt hatte, ließ er sich immer wieder unbemerkt nachts im Bürgerbräukeller einschließen und höhlte die Säule hinter Hitlers vorgesehenem Standort aus. Am Morgen des 6.November präparierte er dann den Hohlraum mit einer Bombe und stellte den Detonationszeitpunkt ein. Der Sprengstoff explodierte wie geplant, doch Hitler überlebte.

Ausgerechnet an diesem Abend lag dichter Nebel über München. Hitler, der fast ausschließlich mit dem Flugzeug reiste und am selben Abend zurück nach Berlin wollte, musste am Boden bleiben. Seine JU 52 konnte aufgrund des Wetters nicht starten. Also wich der Diktator auf die Bahn aus. Ein Sonderzug sollte ihn in die deutsche Hauptstadt bringen. Dadurch verließ er die Veranstaltung früher als geplant. Dreizehn Minuten, nachdem Hitler gegangen war, explodierte Elsers Bombe. Der Diktator blieb am Leben, Elsers Plan war gescheitert.

In seinem Buch „Wie das Wetter Geschichte macht“ zeigt Ronald D. Gerste wie sich langfristige Klimaveränderungen und lokale Wettereignisse auf die Gesellschaften der Menschheit auswirkten und bisweilen den Verlauf der Geschichte beeinflussten. Den Bogen schlägt er dabei von der Seeschlacht bei Salamis über die Mittelalterliche Wärmeperiode und der Kleinen Eiszeit bis zum Hurrikan Katrina und der heutigen globalen Erwärmung. So berichtet er beispielsweise vom Einfluss eines Sturmes auf den Kampf Englands gegen die spanische Armada oder er erklärt welchen Anteil Regen und Schlamm auf Napoleons Niederlage bei Waterloo haben. Das liest sich spannend und kurzweilig. Gerste gibt allerdings zu, dass das Wetter nur ein Faktor von mehreren ist. So hatte Hitler am Abend des Attentats im Bürgerbräukeller zunächst seinen Auftritt ohnehin schon wegen des laufenden Krieges abgesagt, seinen Stellvertreter Rudolf Heß an seiner statt vorgesehen und seine Pläne kurzfristige wieder geändert.

Dass die geschilderten Auswirkungen von Klima und Wetter stark europazentriert sind, kann man dem Buch angesichts des Zielpublikums nicht vorwerfen. Allerdings wirkt die Vermischung von klimatischen Veränderungen und ihrer Folgen für Gesellschaften sowie die Auswirkungen einzelner Wetterepisoden auf historische Ereignisse bisweilen inkonsequent. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, sich ausschließlich auf die langfristigen Klimaveränderungen und ihre Konsequenzen für menschliche Gesellschaften zu konzentrieren.  Denn darum geht es Gerste letztendlich in seinem Buch, wenn er zum Schluss Aldous Huxley zitiert: „Wenn wir das Problem der Überbevölkerung nicht lösen, werden alle anderen Probleme unlösbar.“

Wie das Wetter Geschichte macht
Ronald D. Gerste

Klett-Cotta, Stuttgart 2016
287 Seiten
ISBN 978-3-608-94922-3

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