Robert Plant “lullaby and…THE CEASELESS ROAR”

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Jetzt mal ehrlich: Als Fan von Led Zeppelin der ersten Generation gehöre ich nicht zu jenen, die die Metamorphose von Robert Plant vom einstmals goldhaarigen Gott der Rockmusik, der mit nacktem Oberkörper über die Bühne tanzend seine weiblichen Fans aufforderte, seine „Zitrone zu quetschen“ zum würdigen musikalischen Elder Statesman beklagt. Statt der Pflege seines ehemaligen Kultstatus zu frönen, hat Plant sich künstlerisch weiterentwickelt und Alben produziert, die mit den Werken von Musikern, die zwei oder drei Generationen jünger sind als er, locker mithalten können. Während Ex-Leadgitarrist der Led Zeppelin Jimmy Page sich um die digitale Restaurierung und Archivierung des grandiosen Erbes der Band kümmerte, legt Plant mit „lullaby and … THE CEASELESS ROAR” jetzt sein mittlerweile 10. Soloalbum vor, das einmal mehr deutlich macht, dass es eine Reunion von Led Zeppelin wohl nicht geben wird, auch wenn das Konzert der Band am 10. Dezember 2007 in der O2 Arena in London Hoffnungen der Fans in dieser Richtung weckten. Mit seinem neuem Album ist Plant himmelweit entfernt weit von dem, wofür Led Zeppelin stilistisch standen.

Die sprachlichen Antinomien im Titel des beeindruckenden Albums, die eine Zeile aus dem Song „A Stolen Kiss“ und möglicherweise den Begründer des amerikanischen Transzentalismus, Henry David Thoreau,  aus dessen Werk „Walden“ zitieren, sind einem Interview Plant zufolge eine Metapher auf die Vielfalt der Läufe des Lebens, dessen extreme Pole mal leise und sanft wie Wiegenlied und dann wie eine unablässig donnernde, aufgewühlte See sein können.

Nur zwei der insgesamt elf Songs sind Fremdkompositionen: der Opener „Little Maggie“, ein traditioneller Folksong, der in den 1960ziger Jahren zum Pflichtrepertoire der Folksänger gehörte, den Plant freilich hier akustisch völlig neu bearbeitet hat, und „Poor Howard“, eine Adaptation des Songs „Po‘ Howard“ von Lead Belly. Die elf Songs des Albums, das verschiedene musikalische Genres und kulturelle Traditionen mutig mischt, zeigen ein eher nachdenkliches, sehr persönliches Werk, in dem Plant mit dem Thema Verarbeitung romantischer Enttäuschungen ringt und die Heimkehr aus urbaner Hektik und Entfremdung zu den Wurzeln seiner eigenen Biographie paraphrasiert. Ihren stilistischen Ausdruck finden die im Titel des Albums anklingenden Antinomien in einer Reise durch eine musikalische Landschaft, deren Basis Weltmusik ist und in der Banjoklänge, neben wehmütigen afrikanischen Klängen, fetten Elektrobeats und raffinierten Loops, westafrikanischer Perkussion und sehr sparsam eingesetzten traditionellen Instrumenten westlicher Rockmusik stehen.

Der Song „Embrace another Fall“, der von der Rückkehr aus der kalten Fremde zu den heimischen Wurzeln erzählt, eröffnet mit kühlem Ambiet-Sound, der sich in einer von Judith Murphy berührend gesungenen Strophe aus dem uralten walisischen Volkslied “Marwnad yr Ehedydd“ (Der Tod der Lerche) großartig auflöst. „The „Stolen Kiss“ ist eine gefühlvolle, leise Pianoballade über Verlust und Trennung, inspiriert von Plants Trennung von der Folksängerin Patty Griffin, mit der er seit der gemeinsamen Arbeit am Album „Band of Joy“, in Austin, Texas, zusammengelebt hatte. Hat Plant stimmlich jemals reifer geklungen als hier? „Turn it up“ ist demgegenüber ein im Blues wurzelnder fiebriger Song über Entfremdung und Suche nach neuer Identität. Plants Stimme schwebt hier über einem verstörenden Soundmix aus Elektrobeats,  dumpfen, unheilvollen Trommeln, die von einer Gitarre begleitet werden, die irgendwo zwischen harten Riffs und Wüstenblues spielt. Untermalt wird das Ganze durch die westafrikanische Flöte Judith Camaras, die, zunächst verzerrt gespielt, sich in klaustrophobischen Klängen auflöst.

Die Wirkung dieser und anderer Songs des Albums ist ohne Plants exzellente Band “Sensational Space Shifters” schwerlich denkbar. Diese Band hat eine schier unglaubliche Fähigkeit, die inkongruenten musikalischen Einflüsse und Traditionen zu einem spannungsvollen kohärenten  Ganzen in einer Weise zusammenzuführen, die schon fast an paracelsische Alchemie grenzt. Die hypnotischen Schleifen von Juldeh Camaras Flöte, das Kratzen und Knarren seiner Ritti,  die fetten, in die Magengrube des Hörers gehenden Elektrobeats und raffinierten Loops John Baggots, die jäh aufblitzenden, scharfen Gitarrenriffs Liam Tysons, der knorrige Bass Billy Fullers, die Djembi Trommeln und Tablahs Justin Adams, das solide Schlagzeugspiel von Dave Smith bilden das Fundament für den Gesang Plants, der alles letzlich zu einem spannenden Ganzem zusammenführt.

Keines der zehn Alben, die Robert Plant mittlerweile vorgelegt hat, ist ein Flop. Mit „lullaby and…THE CEASELESS ROAR“ ist ihm jedoch ein ganz großes Stück Musik gelungen. Hartgesottene Fans der Rocklegende Led Zeppelin, die erwarten, dass Plant hier zum hundertmillionstenmal „Whole Lotta Love“ herausschreit, werden sich schwerlich zu der Erkenntnis bewegen lassen, dass Plant mit diesem Werk sich jetzt in der wohl fruchtbarsten und spannendsten Periode seiner Solokarriere befindet. „lullaby and…THE CEASELESS ROAR“ ist ein zutiefst berührendes Album, das jeden Cent wert ist und immer mehr liebevolle musikalischen Details enthüllt, je öfter man es hört. Ist es deshalb besser als eines der Alben aus dem klassischen Erbe von Led Zeppelin, um dessen digitale Restaurierung und Archivierung sich derzeit Ex-Led Zeppelin Gitarrist Jimmy Page kümmert? Nein, natürlich nicht. Aber es ist wahrscheinlich besser als das Album, das Led Zeppelin gemacht hätten, würde die Band noch heute existieren.

Am 9.09. steht Robert Plant im Facebook-Chat  ab 15 Uhr eine ganze Stunde lang zur Verfügung Viel Spaß!

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