Pussy von Howard Jacobson – Buchtipp

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Urbs-Ludus ist, wie der Name schon besagt, eine Stadt des Spiels, umschlossen von einer Mauer, ein geschützter eigener Bereich, in dem es sich gut leben lässt. Doch es ist unruhig geworden in der einst so sorglosen kleinen Republik. Zu viele ausländische Brotbäcker. Über allem aber steht die Sorge, der Sohn des Herzogs von Origin, könnte sich nicht so entwickeln, wie gewünscht.

Dabei ruhen alle Hoffnungen auf diesem Prinzen, der so aufälliges senfgelbes Haar hat und dessen Augen, wie kleine Einschusslöcher wirken, denen man rein gar nichts entnehmen kann, weder Gutes noch Böses. Überhaupt weist Fracassus gravierende Mängel auf: sein Wortschatz ist begrenzt und spiegelt die Vorlieben des Prinzen für Reality-Shows wider. Frauen setzt er gleich mit Prostituierten, ja,   und sein Vorbild scheint der römische Dekadenzkaiser Nero zu sein.

Da müssen schnell gestandene Pädagogen her, so die einhellige Meinung der Eltern, die dem Prinzen die notwendige Bildung beibringen können. Gut, dass Professor Kolskeggur Probrius gerade auf der Suche nach einer neuen Herausforderung ist. Seine Universtät hatte ihn per Daumenentscheid entlassen, da er den Eindruck erweckt hatte, die Sprache gehöre ihm allein. Und diese Ignoranz und gleichzeitige Herablassung gegenüber seinen Studenten hatte das Däumlingsgericht veranlasst, kurzen Prozess mit dem Professor zu machen. Nun bewirbt er sich um den Posten eines Privatlehrers für Prinz Fracassus. Seine Kollegin Dr. Cobalt, versehen mit drei Abschlüssen der besten Universitäten, hatte sich bisher ohne viel Erfolg um den Prinzen bemüht.

Der Herzog schöpft jedoch Hoffnung, als er bemerkt, dass sein Sohn während eines Ausflugs ins größte Spielparadies beim Anblick des “Nirgendwo Palast”, wo in übergroßen goldenen Lettern ORIGIN stand, überaus beeindruckt war. Der Herzog ist sich sicher,  dass der Sohn Ambitionen erkennen lässt, auf denen Habgier prächtig gedeihen kann. Eine wichtige Voraussetzung für Erfolg, auch in der Politik.

Der 18. Geburtstag des Prinzen naht, und es wird Zeit, dass er politisch gebildet wird. Volkes Wille gibt es nicht, so Professor Probrius, sondern nur machtvolle Menschen, die dem Volk eintrichtern, was des Volkes Wille sein soll. Also werden politische Berater herbeigeholt, Allianzen geschlossen, eine Twitterkampagne organisiert. Am Ende weiß das Volk, wen es wählen muss – natürlich den Prinzen mit den senfgelben Haaren.

Eine Satire, die keine Seitenhiebe auslässt und mit bösartiger, scharfsichtiger Genauigkeit auf den Punkt bringt, woran es den Gesellschaften heute mangelt. Nicht nur in den USA, sondern auch anderswo. Nicht nur komisch, sondern auch beängstigend, aber unbedingt unterhaltsam.

Howard Jacobson
Pussy

Roman
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass
ISBN: 978-3-608-50351-7
Verlag: Tropen / Klett Cotta
Howard Jacobson, geboren 1942 in Manchester, zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern.