Phubbing – zeitgeistige Ignoranz

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Ich lasse mich erschöpft auf den Stuhl fallen. Es war schon ziemlich spät, als ich endlich das Café erreiche, wo ich meine Ex-Kollegin treffen will. Nun bin ich da, und nach einem kurzen „Hallo“ und „Die anderen kommen auch sicher gleich“ starrt Helene wieder auf ihr Handy. Erst als ich verwundert nachfrage, warum noch mehr meiner ehemaligen Kolleginnen kommen, zeigt mir Helene ihr ganzes Gesicht, lächelt geheimnisvoll und wendet sich wieder ihrem Smartphone zu. “Phubbing” heißt das, was Helene gerade mit mir gemacht hat.

Ein noch selten benutztes Wort, das  Verhalten dagegen ist mittlerweile zu einem sehr häufigen Phänomen geworden. Denn wie oft wird eine Unterhaltung gleich am Anfang gestoppt, weil das Handy die ganze Aufmerksamkeit des anderen erfordert.

In der realen Welt nur noch wenig verbunden

Einen großen Teil unseres Lebens nimmt bereits die virtuelle Kommunikation ein. Erstaunlicherweise funktioniert sie mittlerweise besser als die reale Interaktion zwischen zwei Menschen. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass dies durchaus Folgen hat. Phubbing kann eine Beziehung erheblich stören, sagt Emma Seppälä, Psychologin an der Stanford Yale Universität und Autorin des Buches „Happiness Track“.

Forschungsergebnisse lassen den Schluss zu, dass Phubbing die „Face-to-Face“ Interaktion weniger bedeutungsvoll macht. Schon eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahre 2016, die in der Zeitschrift „Computers in Human Behavior“ veröffentlicht wurde, konnte das zeigen.

Wer während einer Unterhaltung Texte oder Bilder per WhatsApp versendet, macht das Gespräch weniger befriedigend für die Beteiligten im Vergleich zu denjenigen, bei denen kein Handy im Spiel war. Auch wenn die Smartphones während einer Unterhaltung nur griffbereit auf dem Tisch lagen, veränderte sich etwas, die Gesprächspartner fühlten sich weniger miteinander verbunden.

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Phubbing kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen

Menschen, die in solche Situationen geraten, fühlen sich ausgeschlossen und weniger geschätzt. Ihre Selbstachtung wird verletzt, und sie verfügen in der Situation über weniger Kontrolle. Das mag zwar nur zeitweise so sein, doch Phubbing passiert ja ständig, so die Forscher.

Wenn Ehepartner sich „phubben“, leiden sie eher unter Depressionen. Starrt der Ehemann ständig auf sein Smartphone, telefoniert oder nutzt WhatsApp, während seine Frau danebensitzt, signalisiert er, dass jemand anderes wichtiger ist, bevorzugt ihn genau in diesem Moment. Und das kann verletzend sein, sagt Seppälä.

Letztendlich ist dieses Gefühl für niemanden angenehm. Und jeder hat es sicher schon einmal erlebt. Zudem wirken Menschen, die sich so verhalten, auch ein Ergebnis der Studie, unsympathischer, weniger freundlich. Vielleicht ein Grund mehr, darüber nachzudenken und Phubbing zu vermeiden.

Zudem ist die echte Kommunikation immer noch schöner, relevanter und spannender. Oder etwa nicht?

Quellen: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jasp.12506

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0747563216302709?via%3Dihub

Fotos. pixabay