Pedro Almodóvar: Leid und Herrlichkeit

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Manche Regisseure scheinen ab einem gewissen Alter das Bedürfnis zu haben, einen Film zu machen, in dem sie auf ihre Jugend und ihre Karriere zurückblicken. Dies trifft zumal auf den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar zu, in dessen Arbeiten immer wieder autobiographische Referenzen zu finden sind. Auch sein neuer Film LEID UND HERRLICHKEIT bildet hierin keine Ausnahme.


Salvador Mallo (Antonio Banderas)
©Studiocanal

Im Mittelpunkt steht Salvador Mallo (Antonio Banderas), ein in die Jahre gekommener schwuler, in Madrid lebender Regisseur mit grauem Bart und toupierten Haaren, dessen Outfit aus Almodóvars Kleiderschrank stammen könnte. Die Wohnung, in der Salvador lebt und in der die meisten Szenen spielen, ist in ihrem farbenfrohen Retro-Chic Almodóvars eigenem Apartment nachgebildet.

Der junge Salvador und seine Mutter
(Penélope Cruz)
Salvador mit seiner Assistentin beim Arzt
Antonio Banderas und Nora Navas
©Studiocanal

Salvador steckt in einer tiefen Sinn- und Schaffenskrise. Schon seit Jahren hat er keinen Film mehr gemacht, aber genug Geld angesammelt, um sich bequem zwischen seinen teuren Kunstwerken einzurichten und über seine verschiedenen Leiden zu brüten – Kopfschmerzen, bedrohliche Erstickungsanfälle, die nach dem Verzehr jeglicher fester Nahrung auftreten,  und eine allgemeine Depression. All diese Krankheiten stehen in einem rätselhaften Zusammenhang mit seiner kreativen Blockade. 

Salvador setzt sich mit seiner Morbidität intensiv auseinander, seine Unsterblichkeit scheint ihm zumindest in beruflicher Hinsicht durch seinen Film „Taste“ garantiert, der vor Jahrzehnten in den Programmkinos ein Riesenerfolg war und jetzt in einer restaurierten Fassung wiederaufgeführt werden soll. Gemeinsam mit dem Hauptstar Alberto Crespo (Asier Etxeandia) ist Salvador zur Aufführung eingeladen, um im Anschluss daran an einer Frage-Antwort-Runde teilzunehmen.


Alberto Crespo (Asier Etxeandia)
©Studiocanal

Das Problem ist nur, dass sich die beiden vor Jahren zerstritten und seitdem kein Wort mehr miteinander gesprochen haben. Salvador sucht deshalb seinen ehemaligen Freund in dessen Haus auf, um sich mit ihm wieder zu versöhnen und ihn für das geplante Podiumsgespräch zu gewinnen. Dies gelingt ihm auch, nachdem sich die beiden zunächst misstrauisch abgetastet haben. Schließlich besiegeln sie ihr Zusammentreffen mit einer Dosis Heroin, die sie von einer Folie rauchen. Auch anschließend macht sich Salvador Albertos Nachschub an Heroin immer wieder zunutze.  Dass die Frage-Antwort-Runde gründlich misslingt, ist unter diesen Umständen kein Wunder. 

Banderas ist in der Rolle des alternden Regisseurs unglaublich gut. Bis hin zu der grauhaarigen Rebellenfrisur und dem markant bunten Outfit aus Polohemd und Turnschuhen ist er Almodóvars Alter Ego auf der Leinwand. Mit großer Intensität taucht er in die Rolle seiner Figur ein, verleiht ihr die ruhelose Zerstreuung eines Mannes in den Sechzigern, der spät, vielleicht zu spät versucht, sich mit seinem früheren Leben zu versöhnen und seine emotionalen Schulden zu begleichen.

Wie üblich erweist sich dabei Almodóvar auch in LEID UND HERRLICHKEIT als  Meister der Intertextualität. Statt einer durchgängig erzählten Handlung springt der Film zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen assoziierten Erinnerungen und erfundenen Versionen hin und her, erzählt Geschichten in der Geschichte, zeigt Träume in Träumen.  So gibt es immer wieder ekstatische Erinnerungen an seine Mutter, die als jüngere Frau von Penélope Cruz, als ältere Frau, im Angesicht des Todes, von Julieta Serrano, großartig gespielt wird.  Es gibt berührende Szenen mit dem alten Freund, mit er sich zerstritten hat, und einem Jugendfreund, der ihn einst zur Verzweiflung getrieben hat. Am bewegendsten ist eine gespenstige Rückblende, in der wir seine Mutter sehen, wie sie in einem Sessel sitzend Rosenkränze entwirrt und Salvador sagt, welche Kleidung sie im Sarg tragen möchte.

Leid und Herrlichkeit

Kameramann José Luis Alcaine und Bühnenbildnerin Antxón Gómez haben LEID UND HERRLICHKEIT mit opulenten, warmen Farben ausgestattet und mit bedrohlichen Klängen unterlegt. Dennoch haftet dem Film etwas Unvollständiges, Offenes oder Unvollendetes an. Aber vielleicht repräsentiert er ja gerade damit den Zustand des Lebens selbst. 

Ab 25. Juli in den Kinos

Leid und Herrlichkeit Fotos ©Studiocanal Film /
© El Deseo

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