Passenger TV – Wenn das Postauto 2mal klingelt

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Tocotronic und Momo verschmelzen im Passenger TV

Vor 15 Jahren brachten Tocotronic ihr epochales K.O.O.K. Album auf den Markt, auf dem sich ein absolutes Highlights im Schaffen der Band befindet: Die neue Seltsamkeit.

Dirk singt von einem Gefühl, dass dich beschleicht. Dass niemand richtig greifen kann, dass sich etwas verändern wird (man habe vorsorglich schon mal gespart und für Donnerstag im Verein abgesagt). Er macht dies mit einer Songstruktur die niemals nachlässt, die nicht einem Strophe-Refrain Schema folgt sondern von Satz zu Satz sich hangelt in fast furioser Raserei. Ich fand das von Beginn weg faszinierend.

Eine Veränderung, die man spürt, aber nicht greifen kann.

Mich beschleicht ein solches Gefühl, eine solche Ahnung. Eigentlich jedes Mal wenn ich im Postauto von Euthal nach Einsiedeln sitze, meiner fast einzigen Begegnung mit dieser so wichtigen schweizerischen Institution. Und nun spannte sie zusammen, schon seit einer Weile, mit der Mission, Menschen einzulullen, sie in ihrer Gleichgültigkeit zu fördern. Sass man früher noch im Postauto um die Landschaft zu bestaunen, so bemerkt man immer mehr, wie oft man irritiert und mit mulmigem Magengefühl auf den kleinen Bildschirm hinter dem Fahrerhäuschen guckt. „Passenger TV“ nennt sich diese unsägliche Neuerung, die sich in den Alltag der Benutzer des öffentlichen Verkehrs einschleicht und uns berieselt mit Hundertstelwissen. Eine neue Stufe der Banalisierung der Nachrichten ist damit erreicht. Abgesehen davon, dass mir davon körperlich fast schlecht wird (weil Postautos ja auf normalen Strassen, oder manchmal auch extrem kurvigen Strassen unterwegs sind), wird mein Unterbewusstsein gefüllt mit Informationsschrott ohne Inhalt und mit einer grossen Gefahr namens Gleichgültigkeit. Nachrichten = Advertisement = Nachrichten.

Man liesst es in letzter Zeit immer wieder. Zombi-Jugend. Desinteresse.

Ich kann mir vorstellen woher das kommt, und meine Generation trägt dafür bald mal die Verantwortung. Als ich in meiner Jugend noch mit dem „Tagi“ konfrontiert war, las ich den tatsächlich ab und an. Der „Tagi“ ist sicherlich ideologisch gefärbt, auch der „Tagi“ kann manipulieren (was er zweifelsfrei auch tut) aber immerhin wird nicht einfach nur „copy-paste“ gemacht.

Ist gratis verfügbare „Information“ überhaupt erstrebenswert? Ist es gut, über möglichst viele Dinge sehr wenig zu wissen oder wäre es nicht vernünftiger, weniger Dinge, dafür mit Interesse, zu verfolgen? Im besten Falle nicht nur aus einer einzigen Denkrichtung?

Was möchte man mit Passenger-TV bezwecken? Ich fahre im Postauto und stelle verwundert fest, dass hier plötzlich am Sihlsee alles verbaut wurde? Wann ist das passiert, werde ich mich vielleicht fragen. War das vorher schon so? Wie kann es sein, dass ich es nicht wahrgenommen habe? Kann es sein, dass ich vergessen hatte, wie schön es doch hier mal war? Weil ich andauernd mein Unterbewusstsein mit leeren Worten gefüllt habe bis ich vollgestopft war mit Müdigkeit, Erschöpfung, Traurigkeit? Weil ich gespürt habe, dass ich etwas verliere, Tag für Tag? Am Ende sagt der Arzt dann einfach, dass ich eine Depression habe?

Der Sihlsee ist noch nicht so weit aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass es eines Tages so sein wird und er, abgesehen von der Tiefe des Wassers, kaum mehr vom Züri-See unterschieden werden kann.

Vom Zeitgeist eingeholt

Michael Ende ist heute mit seinem, in den frühen 70er Jahren geschriebenen Buch „Momo“ so aktuell wie noch nie. Und jeden Tag wird das Buch nicht älter, sondern ist näher am Zeitgeist. Eine Kindergeschichte, die so beunruhigend ist, dass ich die Thematik der  Geschichte über die grauen Männer, die Zeitsparverträge verkaufen, für eine der grössten Gefahren in unserer Gesellschaft überhaupt halte. Den Verlust der Zeit. Oder vielleicht, den Verlust der Qualität der Zeit. Spare ich mit 20 Minuten oder Passenger TV Zeit, weil ich das noch „on the move“ erledigen kann? Oder verliere ich sie genau deswegen?

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