Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness

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Diese jüngste Veröffentlichung im Rahmen der ACT-Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ ist dem Andenken der großen Mäzenin des amerikanischen Jazz Pannonicas de Koenigswarter (1913 – 1988) gewidmet. Pannonica, genannt Nica, war ein Nachkomme der englischen Linie der steinreichen Rothschild-Dynastie. Anfang der 1950er Jahre hört sie auf einer Reise nach New York Thelonious Monks „Round Midnight“ und verliebt sich in den Jazz.

Für die Millionenerbin ist dies ein Initiationserlebnis, Schock und Offenbarung zugleich. Was folgt, ist ein turbulentes, bohemienhaftes Leben, das alle Ingredienzen für eine prächtige Biopic bietet. Nica verlässt ihren Mann und ihre fünf Kinder, bezieht eine Suite in einem New Yorker Luxushotel, wo Jazzmusiker schon bald ein- und ausgehen, darunter Horace Silver, Bud Powell, Sonny Rollins und Thelonious Monk.

Sie unterstützt viele von ihren neuen Freunden, wo sie nur kann, mit Geld und guten Ratschlägen, fährt sie zu den Gigs in den New Yorker Clubs, kümmert sich um die Plattenverträge. Manchen bietet sie Unterkunft; Charlie Parker stirbt 1955 in ihrer Suite an einer Überdosis Heroin. Kein Wunder also, dass ihr Ruf in der New Yorker Jazzszene schon bald legendär ist, in der sie als „Jazz-Baronin“ bekannt wird, der viele Musiker in dankbarer Erinnerung einige ihrer Kompositionen widmen.

Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness – Konzert in der Berliner Philharmonie

Der Würde des Anlass entsprechend, hat das ACT-Label für das Gedächtniskonzert in der Berliner Philharmonie eine hochkarätig besetzte Band unter der Leitung des finnischen Pianisten Iiro Rantala zusammengestellt, der gemeinsam mit dem ehemaligen e.s.t. Bassisten Dan Berglund und dem schwedischen Schlagzeuger Anton Eger das musikalische Fundament bildet. Drei Ausnahmesolisten komplettierten diese All Star Band: Der US-Tenorsaxofonist Ernie Watts, der u.a. noch mit Thelonious Monk gemeinsam auf der Bühne stand, die mit dem Albert Mangelsdorf Preis ausgezeichnete deutsche Altsaxofonistin Angelika Niescier und die aufstrebende New Yorker Sängerin Charenée Wade.

Das Album eröffnet elegant mit dem von Monk geschriebenen feinen Jazz-Standard „Round Midnight“, bei dem Wade mit ausdrucksstarkem, souligen Gesang brilliert. Dan Berglund streicht dazu gefühlvoll die Saiten seines Kontrabasses gekonnt mit dem Bogen.   

Horace Silvers Komposition „Nicas Dream“ atmet einen kräftigen Hauch Latin, untermalt von der fließenden Percussion Anton Egers. Rantalas funkensprühendes Klavierspiel glänzt hier wie auch an anderen Stellen des Albums mit präziser Anschlagtechnik, wobei er sorgsam jeden Versuch vermeidet, Monk oder irgendeinen anderen zu imitieren.

Beim Song „Celia“ vereinen sich Rantala, Berglund und Eger zu einem hochenergetisch und druckvoll aufspielenden Trio, das die von Bud Powell geschriebene und seiner Tochter gewidmete Bebop-Nummer in einem aberwitzigen Tempo darbietet. Die rasant perlenden Klavierläufe überschlagen sich dabei förmlich und sind sicherlich nicht ganz so mühelos zu spielen wie sie klingen, wie man dem erleichterten „Yes!“-Ruf entnehmen mag, der Rantala am Ende des Stücks entfährt.

Zu den ausgesprochenen Highlights dieses vorzüglichen Albums gehören vor allem die kraftvollen Dialoge, die sich Ernie Watts Tenorsaxofon mit Angelika Niescier Altsaxofon liefert. Bei Monk-Stücken wie „Boliviar Blues“ ist es dabei für den Hörer nicht immer einfach zu erkennen, wer von den beiden Musikern denn gerade das Solo spielt. Watts eröffnet hier zunächst mit einem klagenden, bluesigen Solo, gefolgt von Rantalas sparsamen Klavierspiel, das dem Track die Energie ein Stück weit entzieht, nur um es dann mit reißenden Läufen und donnernden Akkorden wieder zum Kochen zu bringen. Niesciers Ansatz ist demgegenüber kantiger, entlockt dem Altsaxophon ungewohnte, bisweilen unverschämte Klangfiguren, die überraschen und das Ohr erfreuen, ohne das stabil konstruierte harmonische Blues-Gerüst jemals zu verlassen. Dan Berglunds fulminantes Bass-Solo sowie die fieberhaften Improvisationen aller Akteure im Finale, bei dem sich die Saxophon-Phrasierungen geradezu gegenseitig überrollen,  machen das Stück zu einem überragenden zehnminütigen Lehrstück, das zeigt, wie man das Beste aus einer Melodie herausholt.

Mit Sally Swisher’s „Get it Straight“, einer Vokalversion von Monks Komposition „Straight No Chaser“, die ursprünglich von Carmen MacRae aufgenommen wurde, schließt das sorgfältig gemasterte und tadellos klingende Album, das eine wunderbare Möglichkeit darstellt, Nicas zu gedenken. Für alle Jazz-Freunde ein Muss.   

Jazz at Berlin Philharmonic IX Pannonica – Tribute to the Jazz Baroness

ACT

Photo by ACT / Katja Weber

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