ON THE MILKY ROAD – Filmkritik

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An dem aus Sarajewo stammenden Regisseur Emir Kusturica scheiden sich die Geister. Einerseits genießt er in der Filmwelt hohes Ansehen. Für seine poetisch-menschlich bewegende Arbeit „Papa ist auf Dienstreise“ (1985) und das ausufernde Kriegsdrama „Underground“ (1995) erhielt er die Goldene Palme von Cannes. Andererseits ist Kusturica seit Jahren umstritten, weil er immer wieder Sympathie für die großserbische Politik eines Slobodan Milošević und Radovan Karadžić und seine Abneigung gegen die Politik der westeuropäischen Mächte während des Bosnienkrieges zum Ausdruck brachte.

Kusturica als Kosta. Foto Weltkino

In seinem neuen Film “ON THE MILKY ROAD” spielt Kusturica gleichzeitig zum ersten Mal die Hauptrolle. Er ist der tragisch-komische Milchlieferant und Cymbalon-Spieler Kosta, der sich zur Zeit des Bosnienkrieges in einem kleinen entlegenen Dorf wacker durchs Leben schlägt. Obwohl eher ein Mann der leisen Töne, erweist sich der zottelhaarige Kosta durchaus als Liebhaber und standhafter Kämpfer, wenn es darauf ankommt. Außerdem ist er das heißbegehrte Objekt der Begierde der schönen und temperamentvollen Turnerin Milena (Sloboa Mićalović), die zwischen ihren Turnübungen ihre Hochzeit plant. Diese soll als Doppelhochzeit an demselben Tag stattfinden, an dem ihr Bruder Žaga, ein einäugiger aus Afghanistan zurückgekehrter Kriegsheld, eine serbisch-italienische Schönheit (Monica Belluci) heiratet, die man aus einem Flüchtlingslager entführt hat, wo sie auf der Flucht vor ihrem Ex-Geliebten untergetaucht ist.

Dunkle Gerüchte umgeben die geheimnisvolle Schöne, deren Namen nie erwähnt wird und die von allen nur „die Braut“ genannt wird: Einst soll sie einem britischen Ex-General der UN-Schutztruppen auf dem Balkan so sehr den Kopf verdreht haben, dass dieser seine Frau ermordete, um für seine Angebetete frei zu sein. Nach einer mehrjährigen Freiheitsstrafe befinde sich der General, so heißt es, mittlerweile auf freiem Fuß und lasse fieberhaft nach seiner ehemaligen Geliebten suchen.

Zwei Bräute und ein Ehemann. Foto: Weltkino

Im Dorf angekommen verliebt sich die Braut, obwohl einem anderen versprochen, schon bald Hals über Kopf in Kosta, dem sie unter merkwürdigen Umständen nahekommt: Kostas Ohr wird durch den Schuss eines Heckenschützen abgetrennt, doch die Braut näht es flugs wieder an. Am Tag der Doppelhochzeit nehmen die Dinge jedoch dann unerwartet eine apokalyptische Wendung, als das Dorf von einem militärischen Spezialkommando überfallen wird, die der Ex-Geliebte der Braut entsandt hat, um Rache an ihr üben will, weil sie ihn verlassen hat. Kosta und die Braut fliehen vor dem sicheren Tod, den mörderischen Schergen des Generals immer nur eine knappe Naselänge voraus.

Foto: Weltkino

Niemand kann heute Kusturicas Reich der Bilder in der ernsthaften Erwartung betreten, Demut, Zurückhaltung oder gar mit feinem Pinselstrich geschaffene Gemälde zu finden. Die Feststellung, dass ON THE MILKY ROAD übertrieben laut und grobschlächtig ist, ist deshalb ebenso müßig wie die Klage, dass Wasser nass ist. ON THE MILKY ROAD ist ein ausladender, surreal phantastischer Reigen über das Überleben und die Liebe in Zeiten des Krieges mit beeindruckenden Bildern, die der Sprache des magischen Realismus in der Tradition von Fellini entlehnt sind: eine animierte Uhr, die den Menschen in die Hände beißt, Gänse, die im Blut eines geschlachteten Schweins ein Bad nehmen, ein treuer Wanderfalke, den Kosta seinen Bruder nennt, und eine Schlange, die Milch trinkt und im Laufe des Films fast die Größe einer Boa Constrictor annimmt.

Kusturicas Kameramann Goran Volaric schwelgt dabei in atemberaubenden Bildern, die Emotionen wecken: großformatig gefilmte grüne Hügel und malerische Täler von sublimer Schönheit, die die Kulisse für die dramatische Flucht von Kosta und der Braut bilden; burleske Gestalten auf den ausgelassenen, chaotischen Trinkgelagen des Dorfes und der pyrotechnische Höhepunkt mit einer Schafsherde, die in ein Minenfeld getrieben wird.

Monica Bellucci spielt ihre Rolle mit Würde und Grazie – egal ob sie in einem Brunnen unter Wasser behände den Kugeln des Mordkommandos ausweicht oder sich in einem schmutzigen Minenfeld in der Umklammerung einer CGI-animierten Schlange hin und her wälzt. Kusturica wirkt demgegenüber ein wenig befangen, füllt seine Rolle jedoch mit großer Leinwandpräsenz aus. Die Szene, in der er einen Bären mit Orangenstücken aus seinem Mund füttert, sind wohl nicht computeranimiert. Und Kusturicas Sohn Stribor liefert zu den prächtigen Bildern energiegetriebenen Balkan Jazz.

Fazit: Unbedingt sehen.

Kinostart: 07.09.2017

Alle Fotos Weltkino

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