Oliviero Toscani – Ein Gespräch über Gott und die Welt

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Oliviero ToscaniWir trafen Oliviero Toscani im Rahmen der Photo14 in Zürich und fühlten uns geehrt, dass er sich Zeit für den Kulturblog nahm. Über Oliviero Toscani ist bereits soviel geschrieben worden, dass es keiner Einleitung bedarf und die Bilder für sich sprechen. Viel schwieriger war es, ein Gespräch aufzubauen, in dem man zwar den Menschen Toscani ein wenig kennenlernt, es aber vermeidet, die allseits gestellten Fragen zum xten mal zu wiederholen. Glücklicherweise hat er die Gesprächsführung am Anfang selber übernommen und mich ausgiebig nach meinen iranischen Wurzeln befragt.

 

 

 

 

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®Oliviero Toscani – Anoressia

 

Bist Du Schweizer?

Nein, Iraner.

Wollte schon sagen, dass Du nicht aussiehst wie ein Schweizer. Iran. Das ist so interessant und so extrem.

Wie meinen Sie das? Waren Sie schonmal da?

Ja, war ich.  Ich würde gerne dort arbeiten und die Menschen fotografieren. Wusstest Du, dass sie denken, dass man ihre Seele stiehlt, wenn man sie fotografiert?

Wer sagt das?

Die Muslime sagen das. Wenn Du sie fotografierst, dann nimmst Du ihre Seele. Das stimmt.

Das erinnert mich an meine Oma, denn sie möchte nie von mir fotografiert werden.

Wenn Du in die Kamera siehst und fotografiert wirst, schaust Du danach jeden Menschen an. Die Augen sind wie eine Fontäne! Und irgendwann bist Du ganz leer. Daher sind Fotomodels so leer und ausdruckslos, wenn Du sie im Alltag siehst. Leer! Ausgesaugt. Deswegen mögen die Leute Fotomodels. Sie brauchen kein Verantwortungsbewusstsein ihnen gegenüber.

Würden Sie sagen, dass die Gesellschaft und besonders Frauen mit Komplexen gefüttert werden, da immer die „perfekten“ Frauen gezeigt werden, die offentsichlich auch auf den Fotos mit Photoshop nachbearbeitet wurden?

Absolut. Daher hat es auch so viele Magersüchtige. Sie denken, wenn sie nicht wie ihre Vorbilder aussehen, gehören sie nicht mehr dazu. Es ist eine sehr, sehr, sehr besorgniserregende Entwicklung, die wir beobachten.

 

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®Oliviero Toscani – Soldato Bosniaco

 

Aber warum machen das Magazine so?

Easy. Weil es easy ist! Wenn Du Deinen eigenen Weg gehst, lässt Du Dich schwer steuern. Du musst so sein, wie sie dich haben wollen. Dann gehörst Du vielleicht irgendwann zu den Reichen und Schönen. Aber Du selbst zu sein, ist hart!

Ist das nicht krank. Warum wollen „die Anderen“ denn uns diese Konformität aufdrücken?

Es geht hier gar nicht um die „Anderen“. Wer sind die „Anderen“? Wir selber haben dieses starke Bedürfnis. Wir denken, dass wir irgendwo oder zu einer bestimmten Gruppe gehören müssen. Wir selber. Nicht die anderen!

Und wo gehören Sie hin?

Ich mag keinen Konsens. Mich tangiert auch Kritik nicht wirklich.

Waren Sie eigentlich der Herausgeber des Katalogs von Benetton, in dem Israelis und Palästinenser vorgestellt wurden, die befreundet waren? Ich war damals recht begeistert davon und habe ich gefragt, warum so etwas nicht wiederholt wurde.

Ich mich auch. Wir sind damals in die Region gefahren und haben recherchiert und Menschen gesucht, Palästinenser und Israelis, die miteinander befreundet waren und wir haben viele getroffen. Und die sollten als Beispiel dienen, aber mich hat man nicht erneut gefragt, ob ich etwas ähnliches wiederholen könnte. Ich habe einige ähnliche Fotos im Rahmen meines Projekts  „The Human Race“ gemacht.

Ich möchte nun nicht in die gleichen Fragen verfallen, die Ihnen schon viele Male gestellt wurden. Nervt es  Sie eigentlich, dass man Sie immer als skandalösen Fotografen bezeichnet, der einfach nur schocken will?

Nein, denn das stimmt einfach nicht. Bin ich wirklich skandalös, weil ich Sachen darstelle, die existieren? Warum soll es verboten sein, sich Dinge anzuschauen, die in der Welt von statten gehen?

Glauben Sie, dass Sie den Voyeurismus eben derjenigen Menschen sogar befriedigen, da Ihnen zwar vor Augen geführt wird, was auf der Welt schief läuft, aber es ihr Gewissen beruhigt, indem Sie an den Pranger gestellt werden?

Sie wollen sich schlicht aus der Verantwortung schleichen und mir die Schuld daran geben.

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®Oliviero Toscani – Cuori

Fühlt sich Ihre Position gut an?

Darüber denke ich nicht nach!

Gibt es eine Arbeit von Ihnen, die sie bereuen, weil Sie entweder zu weit oder eben nicht weit genug gegangen sind?

Bei den meisten Arbeiten, bin ich eben nicht weit genug gegangen. Deshalb kann ich auch noch nicht aufhören und mache ständig weiter. Ich habe auch nie gegen das Gesetz verstoßen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als ich ein junger Schüler war, habe ich oft die Schule geschwänzt. Ich bin in den 1950er aufgewachsen und die Schule war so langweilig, dass ich eben stattdessen ins Kino ging. Natürlich hatte ich damals ein schlechtes Gewissen deswegen, aber mit der Zeit stellte ich fest, dass ich noch viel mehr hätte schwänzen sollen. So geht es auch mit meinen Arbeiten.

Apropos Kino, haben sie „La Grande Bellezza“ gesehen?

Ja, (lacht)  der war nicht schlecht! Sehr italienisch. Ich wette, dass er noch einen Oscar gewinnt, und ich meine nicht den Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film“.

Was ist mit Musik? Was für Musik hören Sie gern?

Jazz. Und  afrikanische Musik. Man spürt, dass es die Mutter aller Musik sein muss. Dieser unglaubliche Rhythmus. Du kannst davon ausgehen, dass Mozart es nie gehört hat. Mozart hat keinen Rhythmus, obwohl Mozart so perfekt ist. Dennoch ist Mozart der schwarzeste Musiker der klassischen Musik, wenn Du verstehst, was ich meine.

 

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®Oliviero Toscani – HIV

 

Vielleicht weil er so hyperaktiv war?

Ja, das kann sein. Und Bach. Auch einfach perfekt! Wie muss es sich bloss anfühlen, so ein Künstler zu sein!

Kommen wir zu den jungen Künstlern. Wie sehen Sie die Entwicklung der jungen Künstlergeneration?

Die jungen Künstler wollen Sicherheit. Aber Kreativität wird nicht durch Sicherheit gezeugt. Die jungen Leute haben keine Idee von Subversion und sind einfach zu höflich oder zu gemütlich. Stimmt das etwa nicht?

Kunst muss also radikal sein?

Es muss radikal sein. Es muss verstören. Man muss Mut haben und auch mal Fehler machen.

Danke, das war ein schönes Schlusswort.

 

® Oliviero Toscani – We on Deathrow

® Oliviero Toscani – We on Deathrow

 

 

Im Anschluss freuen wir uns sehr, dass uns einige Fotos der Mammutreihe „Razza Umana“ zur Verfügung gestellt wurde.

 

Razza Umana

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Oliviero Toscani

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