Nils Wülker antwortet

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Nils Wülker hat gerade sein hervorragendes Album „UP“ veröffentlicht. Wir freuen uns, dass er unsere Fragen beantwortet hat. Damit bietet er uns einen Einblick in sein Jazz-Verständnis und sein musikalisches Schaffen. Vielen Dank Nils Wülker!

DKB:Wie sind Sie zum Jazz gekommen und welche Jazz-Musiker haben Sie am meisten beeinflusst?

Nils Wülker:Meine erste Berührung mit Jazz war Miles Davis´ Album „Kind of Blue“, das mir ein Bekannter vorspielte, als ich sechzehn Jahre alt war. Die Musik hat mich total elektrisiert, das war als hätte mir jemand eine neue Farbe offenbart. Ab da wollte ich Jazz spielen, zuvor hatte ich nur eher ambitionslos klassisch Trompete und Klavier gespielt. Miles Davis war auch danach noch der für mich prägendste Jazzmusiker.

DKB: Sie spielen Trompete und Flügelhorn. Was fasziniert sie gerade an diesen Instrumenten?

Nils Wülker:Zum einen ist es die klangliche Vielfalt: von verletzlich über weich, warm, strahlend, durchdringend scharf bis rotzig. Man kann an der Wahrnehmungsgrenze hauchen oder über einer lauten Band richtig losrocken. Zum anderen empfinde ich beide Instrumente im Ausdruck nah an der menschlichen Stimme und sie lassen viel Raum für einen individuellen Sound — was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Klangerzeugung mit den Lippen des Spielers erfolgt, während das bei den meisten Instrumenten ein Bauteil übernimmt, wie Saite oder Blatt.

DKB: Gibt es zwischen beiden Instrumenten Unterschiede in der Spielweise, und wann geben Sie dem Einsatz des Flügelhorns den Vorzug gegenüber der Trompete?

Nils Wülker:Das Flügelhorn klingt dunkler, viele Trompeter nutzen das Flügelhorn daher für Balladen, wenn sie weicher klingen wollen. Bei mir ist es eher so, dass ich andere Melodien improvisiere: auf der Trompete eher kürzere, rhythmischere Phrasen, auf dem Flügelhorn linearer. Wenn ich ein Stück geschrieben habe, greife ich meist intuitiv zu dem einen oder anderen Instrument und bleibe meistens auch dabei.

DKB: Sie sind ja nicht nur Instrumentalist, sondern auch Komponist bzw. Arrangeur und Produzent. Welche dieser Rollen ist Ihnen die liebste?

Nils Wülker:Ich sehe mich in erster Linie als ganzheitlicher Musiker und alle genannten Funktionen sind ein Teil dessen und machen mir Freude. Musik zu schreiben hat für mich den gleichen Stellenwert wie Musik zu spielen, ist genauso Teil meines persönlichen Ausdrucks. Mein Selbstverständnis entspricht da eher dem eines Singer/Songwriter, nicht dem eines reinen Interpreten, und ich kann in meiner eigenen Musik zwischen beidem auch nicht trennen — meine Art zu spielen beeinflusst meine Art zu schreiben und andersherum. Als Produzent habe ich die Aufgabe, den Künstler darin zu unterstützen, im Rahmen der Albumproduktion seine Vision umzusetzen. Auch das kann viel Freude machen.

DKB: Woher erhalten Sie die Inspiration für Ihre Musik?

Nils Wülker:Auch wenn der Spruch klischeehaft klingt, glaube ich daran: man muss etwas erleben, um etwas zu sagen zu haben. Dazu gehören Neugierde im Leben, Beziehungen zu und der Austausch mit anderen Menschen, in meinem Fall auch intensive Erlebnisse in der Natur beim Bergsteigen. Aber natürlich können auch andere Musiker und Künstler allgemein inspirieren. Besonders schön finde ich es, Künstlern über die Schultern zu schauen, die schon sehr lange kreativ sind, erfolgreich einen eigenen Weg verfolgen und noch große Begeisterungsfähigkeit besitzen. Meine Zusammenarbeit mit Craig Armstrong und die Tourneen mit Omara Portuondo oder Dave Grusin waren solche Erlebnisse.

DKB: Ihre CDs sind im Musikhandel in der Abteilung Jazz zu finden. Auf Ihrem neuen Album „UP“ suchen Sie jedoch den Schulterschluss mit anderen Stilen wie Funk und Pop. Wie wichtig sind für Sie die Einflüsse anderer Stilrichtungen?

Nils Wülker:Ich bin mit Pop aufgewachsen und höre auch jetzt nicht ausschließlich Jazz. Insofern finde ich es nur natürlich, alle Einflüsse zusammen zu bringen. Das entspricht auch meinem Verständnis von Jazz als Schmelztiegel unterschiedlicher Richtungen.

DKB: Müssen Sie jetzt nicht den Vorwurf des fundamentalistischen Jazz-Lagers fürchten, dies alles habe mit Jazz nichts mehr zu tun, und wie begegnen sie einer solchen Kritik?

Nils Wülker:Die Vorwürfe fürchte ich überhaupt nicht. Zum einen muss und kann meine Musik nicht allen gefallen. Zum anderen sind die „Bis hier ist es Jazz und nicht weiter“-Stimmen beinahe so alt wie der Jazz selbst — das mussten sich auch schon Bebop, Latin- und Soul-Jazz, Freejazz, Jazzrock und viele andere Ausprägungen gefallen lassen. Jazz hat als Schmelztiegel begonnen und seit jeher wie ein Schwamm alle möglichen Einflüsse von außen aufgesogen und im Gegenzug auch diverse Pop-Stilistiken geprägt. Jetzt Jazz als abgeschlossene Kunstform mit trennscharfen Genregrenzen zu verstehen, macht für mich keinen Sinn. Jazz ist Zentrum und Ausgangspunkt dessen, was ich mache, von dort schaue und bewege ich mich nach links und rechts. Aber wenn das Ergebnis für jemanden kein Jazz mehr ist, bereitet mir das auch keine Bauchschmerzen.

DKB: Was hat Sie dazu bewogen, für Ihr „UP“-Album Vokalisten wie Xavier Naidoo, Max Mutzke und Sasha ins Boot zu holen, die bislang ja nicht unbedingt im Jazz unterwegs waren? War das nicht auch ein Risiko?

Nils Wülker:Die meisten Gesangsnummern auf „UP“ haben eine klare Songstruktur und es gibt eine bestimmte Art, alles in eine Melodie zu legen, die ich bei guten Pop-Sängern häufiger spüre als bei Jazzsängern. Daher habe ich dort nach Stimmen gesucht, die mir gefallen. Und neben den drei genannten sind mit Jill Scott, Ozark Henry, Lauren Flynn und David McAlmont weitere sehr individuelle Charaktere vertreten, was ich sehr schätze. Ein Risiko sehe ich nicht, denn das schlimmste was doch passieren kann, ist, dass man sich nach der Aufnahme in die Augen sieht und zum Schluss kommt, dass es nicht funktioniert hat — dann muss man einen anderen Weg finden. Ich tue mich aber generell schwer mit dem Wort Risiko in Kunst. Gerechtfertigt ist es natürlich, wenn sich Künstler irgendwo wegen ihrer künstlerischen Aussage beispielsweise politischer Verfolgung aussetzen. Aber sonst? Risiko ist für mich definiert durch die möglichen Konsequenzen. Natürlich liebe ich Musik und widme ihr mein Leben wie viele Kollegen. Aber was kann schon passieren: eigene Unzufriedenheit oder die des Publikums mit dem Ergebnis. Wir Künstler operieren alle nicht am offenen Herzen, es stehen keine Menschenleben auf dem Spiel.

DKB: Unter den deutschen Jazzern gelten Sie als Vertreter eines melodiösen, sauber durchkomponierten Jazz. Der Jazz hat jedoch auch eine andere, „schmutzige“ Seite, die im Geist der Subversion geboren wurde und von Improvisationen lebte. Welche Bedeutung hat diese Tradition für Ihre Musik?

Nils Wülker:Die gesellschaftspolitische Relevanz wie in der Fünfziger oder Sechziger Jahren hat Jazz nicht mehr. Aber generell kann Musik doch kaum noch subversiv sein und schockieren. Texte sicherlich, aber Musik selbst? Die vermeintliche Avantgarde ist seit Jahrzenten in den Konzertsälen und auf Festivals angekommen. Punk, Hip Hop und Techno sind auch schon musikalischer Konsens. Was man aber aus der früheren Zeit mitnehmen kann ist ein künstlerischer Anspruch: Wahrhaftigkeit in der eigenen Aussage, Tiefgang und Intensität. Das nehme ich auch für mich in Anspruch. Improvisation spielt nach wie vor eine große Rolle in meiner Musik, wenn auch live sicherlich noch mehr als im Studio. Hörer können zwar bei meiner Musik häufig nicht unterscheiden, was komponiert, was improvisiert ist. Aber das ist für mich ein schönes Kompliment, denn ich habe das Ziel, beides möglichst stringent zu verbinden.

DKB: Sie haben einmal gesagt, dass im Gegensatz zu Pop-Produktionen im Jazz oft geschlampt wird. Wie passt das zu der Vorstellung, dass gerade Jazz-Musikern häufig das Streben nach Perfektion nachgesagt wird?

Nils Wülker:Viele Jazz-Musiker streben zwar nach Perfektion in ihrem individuellen Spiel, sind aber nachlässig in der Albumproduktion. Das wäre so, als ob ein Regisseur seinen Film mit tollen Schauspielern besetzt, sich dann aber bei Dramaturgie, Kameraführung und Schnitt keine Mühe mehr gibt. So wird Potenzial verschenkt. Natürlich gilt das aber nicht für alle Kollegen.

DKB: Jazz wird in den Medien, abgesehen von den Fachzeitschriften, eigentlich kaum wahrgenommen, obwohl Musiker wie Sie oder Till Brönner viel für die Popularisierung des Jazz tun. Woran liegt das? Ist der Jazz wohlmöglich tot, wie Eberhard Weber vor einiger Zeit konstatierte? Oder zu intellektuell? Immer noch eine Musik für Minderheiten? Und was kann man tun, um den Jazz zu fördern?

Nils Wülker:Jazz ist ganz sicher nicht tot, sondern sehr lebendig. Ich finde großartig und spannend, wie vielfältig die Musik ist und wie unterschiedlich Jazzmusiker agieren — ich habe ja nicht den Anspruch, dass meine Art der Jazzinterpretation die einzig richtige ist. Aber diese Vielfalt ist auch eine Herausforderung in der Vermittlung. Viele Menschen haben eine enge und sehr diffuse Vorstellung davon, was alles Jazz ist. Sie assoziieren damit Freejazz oder Dixie oder was auch immer, blenden den Rest aus oder kennen ihn nicht und denken, dass die Musik nichts für sie ist. Dabei ist die Bandbreite der Musik, die unter Jazz läuft, ähnlich vielfältig wie die Überbegriffe Rock/Pop oder Klassik. Natürlich gibt es auch verkopften Jazz, aber auch viel Musik, die emotional berührt, und nicht nur eine Minderheit. Aber um das zu vermitteln und die Musik nahe zu bringen, muss man ein bisschen weiter ausholen und das ist etwas, was Medien gerne mal scheuen. Medienverantwortliche führen gerne Zuschauer-/Leser-/Hörerüberforderung ins Feld, ich habe aber häufiger das Gefühl, dass das Publikum unterfordert und auch die Neugier des Publikums unterschätzt wird.

DKB Gibt es Jazzgrößen oder Musiker, mit denen sie gerne einmal zusammen spielen würden?

Nils Wülker:Auch wenn meine eigene Musik der Schwerpunkt dessen ist, was ich mache, gibt es natürlich viele Musiker, mit denen es großartig wäre, mal Bühne und Studio zu teilen, z.b. Herbie Hancock, Pat Metheny, Brian Blade oder Sting.

DKB: Sie spielen ja in den verschiedensten Besetzungen, mal als Duo, so z.B. mit dem Berliner Gitarristen Arne Jansen, dann im Trio, Quartett oder auch Quintett. Werden wir Nils Wülker vielleicht auch irgendwann einmal zusammen mit einem großen Jazz-Orchester erleben?

Nils Wülker:Mit einem Symphonieorchester meine Musik zu spielen, wäre definitiv ein Traum, Streicher und klassische Holzbläser tragen einen klanglich auf Händen, man badet im Sound. Andererseits fällt in einer so großen Besetzung die Möglichkeit der Interaktion weitestgehend weg. Auch wenn es für manche Zuhörer nicht danach klingt: in meiner Musik sind viele Teile offen und alle in der Band reagieren stark aufeinander. Diese Interaktion macht wahnsinnig viel Spaß und ermöglicht uns, die Musik immer dem Moment anzupassen. Aber auch auf „UP“ sind zwei Nummern mit Streichern vertreten.

DKB: Wenn wir einen Blick in Ihre Plattensammlung werfen dürften, was würden wir dort finden? Nur Jazz?

Nils Wülker:Sehr viel Jazz von der 50ern bis heute, aber auch jede Menge Pop, Rock, Soul, Singer/Songwriter, Hip Hop und ein bisschen Electro — Klassiker, Musik meiner Jugend und aktuelles. Außerdem Klassik von Bach bis Ligeti.

DKB: Mit Ihrer Karriere ging es ja in den vergangenen Jahren steil nach oben. Schwer vorstellbar, dass der Jazz-Trompeter Nils Wülker schon ganz oben angekommen ist und nicht noch nach anderen Gipfeln Ausschau hielte. In welche Richtung entwickelt sich der Musiker Nils Wülker nun weiter?

Nils Wülker:Ich weiß es wirklich nicht. Einen langfristigen Plan hatte ich noch nie, ich denke immer nur bis zum nächsten Album. Erst wenn das aktuelle ein wenig gesackt ist, beginnt die Ideenfindung für das nächste. Und eins bedingt das andere: Nach meinem jazzrockigen Album „6“ und den sehr rockigen Konzerten dazu wollte ich wieder mehr Raum für Atmosphäre und für meinen Sound auf Trompete und Flügelhorn schaffen, das war der Startpunkt für „Just Here, Just Now“, was zwar instrumental aber sehr sanglich und liedhaft wurde. Das war die Ausgangslage für meinen Wunsch, meine Musik mit Gesang zu verbinden, daraus wurde „UP“. Mein erstes Album „High Spirits“ habe ich vor 13 Jahren veröffentlicht und hoffe, so noch vierzig Jahre weiter machen zu können. Im Jazz kann man ja in Würde alt werden.

Ab April 2015 ist Nils Wülker mit seiner Band in Deutschland auf Tour und präsentiert die Musik von “Up“ live:

11.04.2015, Stuttgart – ClubCann
12.04.2015, München – Ampere
13.04.2015, Freiburg – Jazzhaus
14.04.2015, Osnabrück – Lagerhalle
17.04.2015, Hamburg – Mojo
18.04.2015, Frankfurt – Brotfabrik
19.04.2015, Berlin – Grüner Salon
20.04.2015, Köln – Stadtgarten

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