Neil Young „A Letter Home“: Skurilles Care Paket ans Jenseits

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Gerade einmal zwei Monate ist es her, dass Neil Young einem staunenden Publikum seinen selbstentwickelten „Pono-Player“ vorstellte, der das für seine Ohren zu schlecht klingende MP3-Format ablösen sollte. Mit „A Letter Home“, von Warner Brothers auf Platte und CD sowie als Deluxe Box herausgebracht, schlägt der kauzige Kanadier jetzt eine Rolle rückwärts. Young kündigte das Werk als „historisches Kunstprojekt“ an, eine durchaus passende Bezeichnung für die kuriosen elf Cover-Versionen von Songs von Bob Dylan, Willie Nelson, Gordon Lightfoot, Tim Hardin oder Bruce Springsteen. Nicht dass die Auswahl der Songs ungewöhnlich wäre. Von wenigen Ausnahmen abgesehen („Crazy“, „Since I met You Baby“, „I Wonder If I Care As Much”) stammen alle aus Youngs Jugend oder aus der Zeit, als seine Karriere begann. Vielmehr ist es die Aufnahmetechnik selbst, der „Voice-O-Graph“, eine an eine Telefonzelle erinnernde Aufnahmekabine, die es ermöglicht, die Songs direkt auf Vinyl zu pressen, die dieses Album zu einem bemerkenswerten Kunstprodukt macht.

Bis Anfang der 70ziger Jahre war der 1947 entwickelte „Voice-O-Graph“ in den Einkaufspassagen in den amerikanischen Städten eine geläufige Erscheinung. Auch Elvis Presley hatte sein „It’s Allright“, ein Geburtstagsständchen an seine Mutter, ursprünglich mit einem „Voice-O-Graph“ in Memphis aufgenommen, eher er im August 1953 das Stück in den Sun Records Studio erneut einspielte. In den 70-ziger Jahren verschwand der „Voice-O-Graph“ schließlich gänzlich aus der Öffentlichkeit. Die einzige Aufnahmekabine dieser Art steht heute in Nashville in Jack Whites Plattenfirma Third Man Recording. Young hatte sie bei einem Besuch bei Jack White, mit dem er eigentlich über Elektromobilität sprechen wollte, kennengelernt und sich spontan entschlossen, ein ganzes Album mit dieser Technik aufzunehmen.

Natürlich hat diese Do-it-Yourself-Aufnahmetechnik durchaus ihre akustischen Grenzen. Der „Voice-O-Graph“ zeichnet auf, was in der Kabine passiert und nur das. Overdubs sind nicht möglich. Selbst die CD-Aufnahmen rauschen, knistern und knacken wie die gute alte Schelllackplatte. Das erinnert an die volkstümlichen Vintage-Aufnahmen, die man mögen kann oder auch nicht. Jedenfalls verströmen die Songs eine einzigartige bewegende, warme, bisweilen ans Herz gehende Atmosphäre. Youngs schlichten minimalistischen Interpretationen von Gordon Lightfoods „Early Morning Rain“ und „If You Could Read My Mind“ sind wunderschön melancholische Streifzüge durch die Themen Heimweh und Trauer über das Scheitern einer Beziehung, während Bert Janschs Song „Needle Of Death“, der den frühen Young wohl zu seinem eigenen Stück „Needle And The Damage Done“ inspiriert hatte, das ungekünstelte Pathos tiefen Schmerzes innewohnt.

Im letzten Song des Albums, I Wonder If I Care As Much“, den Young im Duett mit Jack White bestreitet, harmonieren die Stimmen der beiden wunderbar – ein liebevoller, großartiger Tribut an das Original der Everly Brothers.

Die Arbeit mit dem „Voice-O-Graph“, scheint Neil Young wohl ausgesprochen großen Spaß gemacht zu haben. Er eröffnet das Album mit einer Anrufbeantworter-Botschaft an seine vor Jahren verstorbene Mutter, in der er sie ermahnt, einmal wieder mit dem ebenfalls seit Jahren verstorbenen Vater zu reden (Youngs Eltern ließen sich 1961 scheiden) und erzählt ihr vom TV-Wetterfrosch Al – rührende, amüsante und wunderliche akustische Versatzstücke, die entfernt an Youngs Humor aus „Human Highway“ erinnern und dem Album den Rahmen eines skurrilen Carepakets an das Jenseits verleihen. Mit diesen Botschaften gibt der unermüdlich kreative und originelle Künstler seinem Publikum zu verstehen, dass er scherzt, zugleich aber „A Letter Home“ für ihn kein Witz ist. Finesse, Skurrilität und Humor liegen hier ganz dicht beinander, aber auch viel Herz und die tiefe Verbeugung vor großartigen Songs, die für Neil Young eine ganz persönliche große Bedeutung haben. Genau diese Mischung macht „A Letter Home“ jenseits audiophiler Bedenken wohl zu einem seiner wichtigsten, wunderlichsten und liebenswertesten Alben. Hans Kaltwasser

 

Neil_Young_A_Letter_Home_Artwork

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„A Letter Home“ ist als CD, digital sowie als streng limitiertes Deluxe Box Set erhältlich, das neben dem Album auf CD und Vinyl (1x Standard, 1x audiophil) sieben 6” (Single) Vinylplatten im Clear Vinyl enthält, darunter auf dem siebten Single-Vinyl ein Cover von Bob Dylans „Blowin In The Wind“ und ein „alternate take/arrangement“ von „Crazy“, sowie eine DVD mit Filmmaterial von den Aufnahmen und ein 32-seitiges Booklet

 

 Auf  NBC  kann man die Voice-O-Graph- Aktion ansehen

 

 

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