nackt und bloß – lovis corinth

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Mit der Ausstellung »Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900« beleuchtet erstmals eine Schau Corinths Aktbilder im Kontext seiner Zeit. Dabei werden hochrangige, teils noch nie gezeigte Arbeiten aus der Sammlung des Landesmuseums präsentiert, ergänzt durch ausgewählte Leihgaben.
Der Akt ist für die meisten Künstler ein zentrales Motiv, auch für das Werk Lovis Corinths. Den nackten menschlichen Körper zeigt der Künstler in verschiedensten Varianten: von der Modellstudie im Atelier über den ironischen Blick auf antike Mythen bis hin zu sinnlich-intimen Szenen. In der Gegenüberstellung mit Werken von Zeitgenossen wie Auguste Renoir, Edgar Degas, Max Slevogt oder Paula Modersohn-Becker offenbart sich eine Epoche im Umbruch: zwischen Kunsttradition und Beginn der Moderne, zwischen Prüderie und aufkommender Freikörperkulturbewegung. Anlass zur Darstellung von Nacktheit bot Lovis Corinth vor allem die antike Mythologie. Den klassischen Themen gab der Künstler jedoch einen modernen Anstrich, indem er seine Figuren an der zeitgenössischen Lebensrealität orientierte. Die Götter und Helden der Antike erscheinen so als irdische, alltägliche Gestalten, oft in ironisch überzogenen Darstellungen.

Lovis Corinth, Stehender Akt
Öl auf Leinwand
Das Modell scheint am Ende der Ateliersitzung festgehalten,
die gestellte Pose bereits aufgegeben: Die Dargestellte hat den Arm zur Stirn erhoben, als wolle sie sich den Schweiß
abwischen, und scheint im Begriff, sich anzuziehen. Auch die Tür im Hintergrund lässt an einen baldigen Aufbruch denken. Tatsächlich dürfte Corinth diese Szene aber bewusst inszeniert haben – für die vermeintlich spontan eingefangene Haltung des Modells finden sich Vorbilder in der Kunstgeschichte.
© Landesmuseum Hannover

Voyeuristische Einblicke bieten Bade- und Boudoirmotive, die in der Kunst der Jahrhundertwende stark verbreitet waren. Doch wurden die vermeintlich privaten Szenen häufig im Atelier gestellt, die Frauenakte verführerisch für den (männlichen) Betrachter in Pose gesetzt. Explizit thematisierte Corinth auch immer wieder die Beziehung von Mann und Frau, vom harmonischen Miteinander über die leidenschaftliche Umarmung bis hin zum »Geschlechterkampf«. Corinths Darstellungen sind dabei ungewöhnlich offenherzig für ihre Zeit – eine bewusste Provokation gegenüber der Prüderie der Jahrhundertwende.

Lovis Corinth- Italienerin in gelbem Stuhl

Lovis Corinth, Italienerin in gelbem Stuhl
Öl auf Leinwand
In den Sessel regelrecht eingezwängt, kommt die Körperform der Frau kaum zur Geltung. Ihre Haltung ist in keiner Weise auf die Präsentation des Körpers ausgerichtet und so gänzlich ungewöhnlich für eine Aktdarstellung. Von Hut und Strümpfen eingefasst, scheint die Figur zum Torso reduziert; die Dargestellte wird durch ihr verborgenes Gesicht anony-misiert – nicht die individuelle Person steht hier im Fokus, sondern das gestalterische Experiment.
© Landesmuseum Hannover

Abseits traditioneller Themen und Bildformeln wurde der Akt für Corinth und seine Zeitgenossen zudem zu einem gestalterischen Experimentierfeld. Das überkommene, von der Antike geprägte Schönheitsideal wie auch die starren akademischen Modellposen verloren um 1900 an Bedeutung. Die Aktdarstellung konnte sich so in unterschiedlichsten Facetten entfalten – vom schonungslosen Realismus bis hin zum abstrahierenden Spiel mit der Körperform.
Die Ausstellung wird durch die Kunstfreunde Hannover gefördert.
Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung mit 120 Seiten ist im Sandstein Verlag erschienen und im Museumsshop für 14,90 € erhältlich.

noch bis 11.6.2017zu sehen

im Landesmuseum Hannover

TItelbild: Akt vor dem Spiegel
In sinnlicher Pose räkelt sich ein weibliches Aktmodell auf
dem Bett. Doch ist es kein privater Moment im Boudoir, der hier wiedergegeben wird: Ein Spiegel enthüllt, dass es sich um eine gestellte Szene im Atelier des Künstlers handelt.
Weisgerber spielt mit dem Kontrast von Realität und
Inszenierung; er selbst ist im Hintergrund bei der Arbeit am
Gemälde zu sehen.
© Landesmuseum Hannover

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