MIDSOMMAR – „Folk Horror“ im strahlenden Licht

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Der Begriff „Folk Horror“, der seit einigen Jahren die Runde macht, meint eine Untergattung des Horrorfilms, in dem es zumeist um das Überleben heidnischer Kulte in Westeuropa geht. Das klassische Beispiel hierfür ist „The Wicker Man“ von Robin Hardy aus dem Jahre 1973. MIDSOMMAR von Ari Aster spielt in gewisser Weise ganz bewusst mit den Klischees dieses Subgenres.

Bereits mit seinem Debütfilm „Hereditary – Das Vermächtnis“ aus dem Jahre 2018 hatte sich der US-amerikanische Regisseur einen Namen als Spezialist für Horrorfilme gemacht.  MIDSOMMAR ist allerdings auf den ersten Blick so ziemlich das Gegenteil seines Vorgängers: ein Film, der das Äußere nach Innen kehrt, helle, klare, sonnige Bilder an die Stelle bedrohlicher, düsterer setzt.

Die Gäste werden begrüßt und an die Tafel gebeten.
© Merie Weismiller Wallace Courtesy of A24

Der Film spielt in einer abgeschiedenen Gegend in Nordschweden, wo die Studentin Dani zusammen mit ihrem Freund Christian und drei weiteren Kommilitonen ein paar Urlaubstage verbringen wollen. Pelle, ein schwedischer Austauschstudent, hat sie eingeladen, am „Midsommar“-Fest seines Heimatdorfes teilzunehmen, das nur alle 90 Jahre gefeiert wird und dessen Zeremonien jetzt bevorstehen.


Christian (Jack Reynor) und Dani (Florence Pugh) sind entsetzt.
© Gabor Kotschy Courtesy of A24

Dani, die nach einer Familientragödie an schweren Depressionen leidet, klammert sich an Christian, der die Beziehung eigentlich beenden will. Doch angesichts der labilen Verfassung Danis hatte Christian ihr vorgeschlagen, mitzukommen, zum Entsetzen seiner Freunde.  Denn der ruppige Ethnologiestudent Josh, der über heidnische Gebräuche in Europa promoviert und hofft, in der Dorfgemeinschaft reichliches Anschauungsmaterial für seine Doktorarbeit zu finden, und Mark, der ignorante „hässliche Amerikaner“, der sich überall Feinde macht, sobald er den Mund öffnet, wären lieber ohne Dani gefahren. Nur Pelle, der schwedische Austauschstudent mit zartem Gesicht und höflichen Manieren, ist so ganz anders.  Er scheint sich wirklich darüber zu freuen, dass auch Dani dabei ist, wofür er seine guten Gründe hat.

Harga, wie die dörfliche Gemeinschaft heißt, scheint zunächst der Himmel auf Erden zu sein. Die mit Blumen bekränzten Menschen lächeln immerzu, empfangen ihre Gäste freundlich, vielleicht ein wenig zu freundlich. Wie durch ein Wunder beginnt sich auch Danis trübe Stimmung aufzuhellen. Die seltsamen Gebräuche und schneeweißen Gewänder, die die Mitglieder der Gemeinde tragen, scheinen sie zu verzaubern.

Oder ist es der aus Rauschpilzen gebraute Tee, zu dessen Einnahme sie mehr oder weniger genötigt wird und der ihre Wahrnehmung des Geschehens verändert? Nur die Dorfältesten geben sich ein wenig einsilbig, wenn man sie nach dem genauen Ablauf und dem Sinn der geplanten Zeremonien fragt. Und auch ein schockierendes Ritual passt so gar nicht zum Bild der fröhlichen und friedvollen Hinterwäldler, als die die Harga-Kommunarden auf den ersten Blick erscheinen. Langsam, aber unaufhörlich geraten die naiven amerikanischen Studenten in eine Abwärtsspirale, die in einer Katastrophe endet.


Midsommar
© Courtesy of A24

Horrorfilme haben üblicherweise eine düstere Atmosphäre. Aster stellt die gängigen Erwartungen jedoch auf den Kopf. MIDSOMMAR spielt auf einer beschaulichen, von Wäldern und kleinen Seen umsäumten Lichtung, auf der die schwedische Sonne allgegenwärtig ist. Und dennoch erzeugen die Bilder  heller, grüner Wiesen, auf denen die Gemeinschaft unter einem kobaltblauen Himmel friedlich speist, die Zelebranten fröhlich trällernd in die Ferne starren und die Harga-Frauen um den Maibaum tanzen, verstörende Dissonanzen beim Zuschauer, die das Gefühl nähren, dass unter der friedlichen Oberfläche das Grauen lauert.

Die charismatische Florence Pugh brilliert einmal mehr in der Hauptrolle der leidgeprüften Studentin Dani, die sich von ihrem Trip nach Schweden erhofft, wieder zu sich zu finden. Auch Jack Reynor überzeugt in der Rolle ihres wankelmütigen Freundes Christian. Kameramann Pawel Pogorzelski und Szenenbildner Henrik Svensson haben bei den digital unterstützten Bildern zusammengearbeitet, die mit der gruseligen Filmmusik des britischen Komponisten Bobby Krlic unterlegt sind.

MIDSOMMAR ist ein exzellent gemachter Folk-Horror-Film, der das Fehlen düsterer Szenen und Jump-Scares durch absurden Horror und Schrecken mehr als wett macht.

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