Michael Wollny Trio – Wartburg & Oslo

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Nach seinem von der Kritik mit viel Lob bedachten Opus „Nachtfahrten“ (2015) meldet sich Jazzpianist Michael Wollny gleich mit zwei neuen Alben zurück, die zeitgleich veröffentlicht wurden. Die Aufnahmen zu OSLO entstanden Anfang September 2017 im renommierten norwegischen Rainbow-Studio; bei drei Stücken wird das Jazztrio von dem 22-köpfigen Norwegian Wind Ensemble begleitet. Nur wenige Tage später wurde aus Anlass des 40jährigen Firmenjubiläums des ACT-Labels ein Live-Konzert im Rittersaal der Wartburg bei Eisenach mitgeschnitten. Ursprünglich habe wohl die Idee bestanden, wie den Liner Notes zu entnehmen ist, die Aufnahmen der Osloer Sessions und des Konzertes zu einem einzigen Album zu kombinieren. Doch dann entschied sich Produzent und ACT-Chef Sigi Loch für den Doppelschlag, weil sich bei der Sichtung der Tapes zeigte, dass genügend Material für zwei Alben da war. Eine weise Entscheidung.

Gleich in mehrfacher Hinsicht fallen Unterschiede zu allen Vorgängeralben auf, die Michael Wollny bislang gemeinsam mit seinen langjährigen musikalischen Mitstreitern Eric Schaefer (Schlagzeug) und Christian Weber (Kontrabass) eingespielt hat. Bei der Wahl der Titel hat man sich, statt auf verrätselte, der Romantik entlehnte Wortschöpfungen wie „Hexentanz (2007), „Weltentraum“ (2014) und „Nachtfahrten“ (2014) zurückzugreifen, für die schlichte Nennung der Entstehungsorte entschieden.  Doch auch klanglich geht das Jazztrio neue Wege. Beide Alben klingen anders als alles, was man von den Vorgängerwerken her kennt. Gewiss bringt auch hier der deutsche Ausnahmepianist leise lyrische und ungemein aussagekräftige Passagen erneut zu Gehör, die sein Markenzeichen sind. Das Stück „Farbenlehre“ etwa, eine sensible impressionistische Eigenkomposition, oder die mit perlenden Klavierläufen unterlegte Debussy-Interpretation „Nuits Blanches“ stehen in dieser Tradition.

Andererseits sind beide Alben bunter, vielfältiger und bisweilen übermütiger als beispielsweise das tonal bewusst zurückhaltende „Nachtfahrten“. Auf OSLO bauen sich durch ständiges Modifizieren der Tonbildung und Tempi ungeahnte Spannungsbögen auf, die das Album, ungemein farben- und facettenreich macht.  Stücke wie die intime Ballade „Roses are Black“ stehen neben schwungvollen Titeln wie „Perpetuum Mobile“. Der Titel „Make a Wish“, mit dem das Album eröffnet und bei dem das Trio gemeinsam mit dem Norwegian Wind Ensemble  improvisiert, erzeugt eine irreale, außeralltägliche Atmosphäre, während „Hello Dave“ ein Funk-Stück mit energetischen Grooves ist.

Das Live-Album WARTBURG, bei dem das Trio ohne Pause durch die ersten sieben Stücke stürmt, ist ein ungestümer musikalischer Parforceritt quer durch die verschiedensten Stile und Genre. „Big Louise“ etwa, eine fast vergessene Popnummer von Scott Walker, motzt Wollny hier zur Hymne auf. „Interludium“ von Paul Hindemith ist demgegenüber eine getragene, klassisch geprägte Melodie, die das Trio so gekonnt und phantasievoll mit Bluesharmonik und Jazzelementen unterlegt, dass es eine wahre Freude ist. Und beim Stück „Gravité lässt es das Trio geradezu krachen. Alle drei Musiker zeigen sich dabei in bester Spiellaune und als Virtuosen, die das Zusammenspielen blind verstehen und offensichtlich genießen, sich gegenseitig befeuern und abwechselnd die Impulse des Partners aufnehmen.

Auf WARTBURG gesellt sich im letzten Drittel des Konzertes der quirlige französische Jazzvisionär Emile Parisien dazu, dessen näselndes Sopransaxophon den musikalischen Konversationen eine wohltuend bissige Note verleiht. Kaum zu glauben, dass für Proben vor dem Konzert keine Zeit war und der Franzose sozusagen impromptu auf die Bühne gerufen wurde, so nahtlos fügt sich sein Spiel in das musikalische Geschehen ein. Parisienne erweist sich dabei freilich mehr als ein Gast, den man zu einem gemeinsamen Konzert geladen hat; mit dem Franzosen wird das hochwertige Trio zu einem vollständigen, hochenergetischen Jazzquartett.

Beide Alben haben ihre je eigenen Stärken. Welchen Stücken man den Vorzug gibt, ist eine Frage des Geschmacks und der individuellen Vorlieben. Das spannungsreiche „The Whiteness of the Whale“ auf OSLO, bei dem das Norwegian Wind Ensemble nach minimalen Vorgaben von Wollny improvisierte, beeindruckt mit urgewaltigen Drums und mächtigen orchestralen Klängen, die an Filmmusik denken lassen.  Beim Wartburg-Album glänzt demgegenüber das experimentelle, rhythmisch versetzte Stück „Tektonik“, bei dem sich das Trio und Parisien wechselseitig zu knapp zehnminütigen energiereichen Improvisationen anfeuern.

Jenseits der musikalischen Höhepunkte, die beide Alben gewiss haben, hat es freilich durchaus seine musikalische Logik, beide Alben hintereinander zu hören. Und zwar in der richtigen Reihenfolge. Der Eröffnungssong auf OSLO ist gleichzeitig der letzte Titel auf WARTBURG und setzt damit eine Klammer, die beide Werke zu einer Einheit fügen.  Wie immer man sich dem hochspannenden Doppelpack nähert, mit beiden Alben unterstreicht Michael Wollny erneut, dass er zu den wichtigsten Pianisten unserer Zeit zählt.

Foto: ©Jörg Steinmetz