Michael Wollny: Nachtfahrten

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Über mangelndes Lob der Fachwelt im In- und Ausland kann sich Michael Wollny derzeit wahrlich nicht beklagen. Gleich drei ECHO Jazz-Auszeichnungen heimste der 37jährige Pianist im vergangenen Jahr für sein Album „Weltentraum“ ein. Vom angesehenen britischen Fachmagazin „Jazzwise“ wurde das Werk zum Album des Jahres 2014 gewählt, während es vom renommierten US-Magazin „Downbeat“ immerhin vier Sterne erhielt. Zudem kürte die französische Fachzeitschrift „French Académie du Jazz“ Wollny unlängst zum “Europäischen Jazzmusiker“.

Soviel Erfolg könnte dazu verleiten sich auszuruhen. Doch der Schweinfurter, dem es mittlerweile mühelos gelingt, selbst riesige Konzerthallen zu füllen, legt mit seinem heute erschienenen Album „Nachtfahrten“ kräftig nach. Unterstützt auf dieser Sammlung lyrischer Stücke wird Wollny von hervorragenden musikalischen Mitstreitern. Eric Schaefer am Schlagzeug und Christian Weber am Bass, die das rhythmische Fundament für Wollnys virtuoses, stets unberechenbares Klavierspiel liefern, komplettieren Deutschlands derzeit wohl bestes Jazz-Trio. Gut möglich, dass der blonde Wuschelkopf die Erfolge der vergangenen Jahre noch übertrifft.

Die Inspiration zu seinem neuen Album erhielt Wollny durch die Lektüre des Buches „Nachtmeerfahrten“ der Berliner Kulturwissenschaftlerin Simone Stölzel, das den Leser auf eine literarische Reise durch die Schauerromantik mitnimmt. Doch wo das Buch mit seinen literarischen Essays über Tieck, Heine, Stoker, Poe und zahlreichen anderen Autoren der schwarzen Romantik das Tor zum Reich der Geister und Schatten öffnet und in die düsteren, grauenhaften Abgründe menschlicher Existenz blickt, erschafft Wollny eigenwillige, zugegeben gelegentlich verstörende halluzinatorische Klangbilder, die wachträumerisch über dunklen Abgründen schweben, ohne sich jemals in ihnen zu verlieren. Die Stücke sollen, wie Wollny erläutert, verschattet, aber nicht düster oder gar abgründig klingen. Dabei steckt das von getragenen Molltönen beherrschte Album „Nachfahrten“ voller feinster musikalischer Details. „Questions in a World of Blue“, eine Adaption der von Angelo Badalamenti für David Lynchs „Twin Peaks“ komponierten Filmmusik, mit dem das Album eröffnet, glänzt mit sparsamen, frei im Raum schwebenden, das Thema definierenden Akkorden, während Schaefers leise Jazzbesen und Webers melodische Basslinien feine, wunderbare Akzente setzen. Die Komposition „Nachtmahr“ baut mit ihrem fiebrig nervösen Klavierspiel und harten, unvermittelt geschlagenen Cymbals eine geheimnisvolle und bedrohliche Klangkulisse auf. Beim Stück „Marion“, eine von Bernhard Hermann für Hitchcocks „Psycho“ komponierte Filmmusik, knallen Schaeffers Sticks jäh auf die Drums, um dann geschmeidig von den Fellen zurück zu federn. Mit der eindringlichen, von schrägen Tönen konterkarierten Elegie „White Moon“ verbeugt sich Wollny vor seinem Lehrer Christian Beier, der das Stück komponierte. Und das titelgebende Lied „Nachfahrten“ mäandert wunderbar geheimnisvoll Ton für Ton durch das Thema, während eine abgrundtiefe Bassdrum und vorlaute Snare die melodische Einheit von Klavier und Bass heftig attackieren.

Wollnys neuestes Meisterwerk „Nachfahrten“ lädt ein zu einer melancholischen Fahrt zwischen Nacht und Dämmerung, Traum und Wirklichkeit – ein passender musikalischer Begleiter für die dunkle Jahreszeit.

Michael Wollny „Nachtfahrten“ Tour 2015
28.10. Berlin, Philharmonie, Kammermusiksaal
30.10. München, Prinzregententheater
31.10. Memmingen, Maximilian Kolbe Haus
01.11. Stuttgart, Theaterhaus
03.11. Hannover, Theater Am Aegi
04.11. Bremen, Glocke
05.11. Kreuztal, Stadthalle
06.11. Düsseldorf, Robert Schumann Saal
07.11. Dortmund, Konzerthaus
08.11. Strasbourg, Jazzdor Festival
09.11. Frankfurt/Main, Alte Oper
11.11. Erlangen, E-Werk
12.11. Karlsruhe, Tollhaus
13.11. Hamburg, Laeiszhalle
05.12.15 Illingen
20.12.15 Darmstadt
16.01.16 Frankfurt
31.05.16 Berlin

Tickets auf www.kj.de.

Foto:©JoergSteinmetz-ACT

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