Maschinen wie ich von Ian McEwan

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Allein durch die Anordnung dreier Punkte, die entfernt an ein Gesicht erinnern, ist ein möglicher Kommunikationspartner vorhanden. Das ist bereits bei Neugeborenen in den ersten Lebensminuten so. Und Tom Hanks als Noland im Film „Cast Away – Verschollen“ beweint eine selbst erschaffene Kreatur aus Volleyball und Grashaaren, der er Augen, Nase und Mund aufgezeichnet hat.  Um wie viel mehr noch wird ein Android, der eine vollkommene menschliche Gestalt und ein authentisches Gesicht besitzt, zu einem adäquaten Interaktionspartner. Charlie, der Protagonist in McEwans neuem Roman „Maschinen wie ich„, erfährt dies bis in die letzten Fasern seiner bescheidenen und einsamen Existenz.

Vieles ist bei Charlie falsch gelaufen. Immer schon interessierte er sich für Elektrotechnik, und Computerwissenschaften, wählte aber ein Studium und einen ganz anderen beruflichen Weg, den er, durch gescheiterte Projekte schließlich zugunsten einer allein über Computerbörsenhandel bestehenden Selbständigkeit fallen ließ. Ohne Büro und Kollegen, im Schlafzimmer seiner kleinen Erdgeschosswohnung in einer wenig repräsentativen Gegend Londons arbeitet und lebt er seinen Alltag.

Einziger Lichtblick ist seine Nachbarin Miranda und seine neue Errungenschaft Adam. Charlies geerbtes Geld steckt in diesem Roboter, den er schließlich als ein Wesen betrachtet, welches er gemeinsam mit Miranda, die Charlie jetzt auch liebt, geschaffen hat. Zumindest, was dessen Eigenschaften angeht. Quasi ein künstlicher Zeugungsakt, wobei dieser getrennt voneinander am Computer vonstattenging.   

Wenig später „betrügt“ Miranda Charlie mit Adam, so bezeichnet Charlie dieses Experiment seiner Freundin, das nach ihren Angaben überaus zufriedenstellend ausgegangen war.

Sex ist nicht das einzige Gebiet, auf dem Adam Charlie überlegen ist. Der Android verfasst Haiku-Gedichte, weiß alles über Shakespeare und dessen Schriftstellerkollegen, spekuliert geschickter und schneller an der Börse und vor allen Dingen liebt auch er Miranda.

Ein wesentlicher Grund, warum er sein etwa 20 Jahre dauerndes Leben weiterleben will, obwohl er etwas über sie weiß, was moralisch fragwürdig ist. Viele andere Adams und Eves haben sich bereits selbst vernichtet, weil sie nach den höchsten emotionalen, moralischen und sozialen Maßstäben konfiguriert auf Menschen und eine Gesellschaft treffen, die so perfekt nicht sind. Schließlich jedoch siegt der Mensch über die ach so menschliche Maschine….

McEwan schickt einen künstlichen Mann mit kantischer Moral und funktionsfähigem Phallus in die Zweisamkeit von Charlie und Miranda. Obwohl sie beide seine Charaktereigenschaften geformt haben, wird dieser Adam zu einem Artgenossen mit ungewissem Schicksal.

Der britische Schriftsteller siedelt die Geschichte einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung im Jahre 1982 an, in dem es weder Adams noch Eves noch andere Androide zu kaufen gab. Autonome Autos noch nicht fuhren, Margarete Thatcher Premierministerin war, den Falklandkrieg anzettelte, aber  Alan Turing noch lebt, der in der Realität jedoch längst Selbstmord begangen hatte, weil seine Homosexualität noch als Krankheit galt.

Einerlei, was auch immer der Autor damit bezweckte, 37 Jahre danach, sollten wir weniger Angst vor Adams und Eves haben, die uns so ähnlich und so willkommen als Interaktionspartner sein können, wenn sie sich an die von Asimov aufgestellten Regeln halten. Mehr Angst machen unsichtbare, intransparente Algorithmen, Maschinen, die ihre Geheimnisse bewahren und daraus ihre zerstörerische Macht schöpfen. Denn die Begrenztheit der (biologischen) Körper, haben intransparente und entkörperten Algorithmen längst aufgehoben. 

Philosophische und moralische Fragen über ein mögliches Zusammenleben mit Adams oder Eves sind noch längst nicht beantwortet, da tauchen bereits solche über heimlich entwickelte neuronale Netzwerke von außerordentlicher Komplexität auf.

Der Roman „Maschinen wie ich“ macht deutlich: Die Anpassungsfähigkeit des Menschen, die Komplexität des menschlichen Geistes triumphiert (noch) über die vom Menschen erschaffenen künstlichen Existenzen.

Brillant erzählt und mit einem überraschenden Ende, ist der Roman des Bestsellerautors wieder fesselnd, auch weil er viel Stoff zum Nachdenken bietet.

„Maschinen wie ich“ von Ian McEwan

ist im Diogenes Verlag erschienen.

Foto: Pixabay.com

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